
Female Leadership: Sind Frauen die besseren Führungskräfte?
Laut einer Studie von Statista in Zusammenarbeit mit CRIF war 2024 nicht einmal ein Viertel aller Führungspositionen in Deutschland von Frauen besetzt (24,1 Prozent). Dabei bringen Frauen die gleiche Qualifikation für solche Rollen mit – in bestimmten Bereichen sind sie sogar besser qualifiziert als Männer.
Es braucht gleichermaßen Männer und Frauen in Führungsrollen, so viel ist klar. Die Frage danach, welches Geschlecht die bessere Führungskraft ist, lässt sich allerdings nur beleuchten, wenn man einen Blick auf den Kontext wirft. Wir haben uns für dich angesehen, welche Eigenschaften moderne Vorgesetzte idealerweise brauchen und ob Frauen diese womöglich häufiger mitbringen als Männer.
Anforderungen an eine moderne Führungskraft
Je nach Ziel und Ausrichtung eines Unternehmens oder einer Abteilung, sind verschiedene Führungsstile gefragt – jedoch spiegelt die tatsächliche Geschlechterverteilung in Führungsetagen diese Vielfalt längst nicht wider. Aber wie stellen sich Angestellte ihre idealen Vorgesetzten eigentlich vor?
Die Ansprüche an Führungspersonen haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend verändert. Die Arbeitswelt unterliegt einem Paradigmenwechsel. Neue flexiblere Arbeitsmodelle und veränderte Werte der Arbeitnehmer:innen erfordern ein Umdenken – vor allem in Führungsetagen. Unternehmen setzen zunehmend auf flache Hierarchien, Teamwork und innovative Denkansätze.
Arbeitnehmer:innen entwickeln neue Wertevorstellungen und wünschen sich nicht nur Anerkennung für ihre Arbeit, sondern auch die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, weiterzubilden und frei zu entfalten. Eine ausgeglichene Work-Life-Balance und ein Arbeitsumfeld, in dem man sich wohlfühlen darf, werden groß geschrieben. Des Weiteren wünschen sich viele Menschen von ihren Vorgesetzten wertschätzendes Feedback.
„Der Führungsstil im Unternehmen ist mit dem Patriarchat zu vergleichen.“
All das sind Anforderungen, mit denen sich ein traditioneller Chef – und in wenigen Fällen auch eine Chefin – nur selten konfrontiert sieht. Während Führungspersonen in der Vergangenheit häufig eine eher distanzierte Beziehung zu Mitarbeiter:innen pflegten, bedarf es heutzutage viel mehr Feingefühl im Umgang mit den Arbeitnehmer:innen.
Könnten deshalb Frauen heutzutage die „bessere“ Führungskraft darstellen? Die ideale Führungsperson von heute behandelt ihr Team respektvoll, besitzt Entscheidungskompetenzen, ist flexibel und empathisch, um sich in neue Problematiken einzufühlen und angemessen reagieren zu können.
Sind Frauen wirklich die besseren Führungskräfte?
Talente nur nach Geschlecht einzuteilen und daraus Unterschiede abzuleiten, greift etwas zu kurz. Dennoch gibt es einige Qualitäten, die wissenschaftlich belegbar vermehrt bei Frauen zu finden sind.
Ich meine damit, dass man sich die Frage stellen sollte, wer man eigentlich wirklich ist. Man sollte sich nicht über ein bestimmtes Geschlecht definieren und die ganze Zeit in solchen Kategorien denken.
Xenia Barth, CEO der Merz Consumer Care GmbH, betont im Interview mit Kienbaum die Wichtigkeit des eigenen Rollenverständnisses weiblicher Führungspersonen
Das klassisch verstandene Female Leadership betont Themen wie Empathie, Kooperation und Wertschätzung. Die Fähigkeit, ein offenes Ohr für die Wünsche und Konflikte der Mitarbeiter:innen zu haben, sorgt für Vertrauen untereinander und für ein harmonischeres Arbeitsumfeld.
Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Norwegian Business School. Über 2000 Führungskräfte, darunter 900 Frauen, wurden hinsichtlich der fünf wichtigsten Merkmale einer Führungsperson untersucht: Stressresistenz, Innovationsförderung, Ergreifen von Initiativen, Unterstützung der Mitarbeiter:innen und Effizienz. Das Ergebnis zeigt, dass Frauen in einigen Persönlichkeitsmerkmalen die Nase vorn haben. Demnach seien Female Leaders klarer in ihrer Kommunikation, offen für Innovationen, gewissenhafter und besser darin, Mitarbeiter:innen zu unterstützen.
„Unsere Chefin ist die Beste! Immer geradeheraus, Du weißt, woran Du bist, das habe ich in meinen 30 Jahren Berufserfahrung noch nie so erlebt.“
Eine empirische Studie der Universität Mannheim widerlegt zugleich das Klischee, dass weibliche Vorgesetzte aufgrund ihrer großen Empathie in ihren Rollen weniger durchsetzungsfähig seien. Tatsächlich sei es so, dass Frauen eher einen klaren und gut strukturierten Führungsstil bevorzugen würden – ganz im Gegensatz zu Männern, die mehr auf den Laissez-faire-Stil setzen. Diese Ergebnisse stützen umgekehrt somit auch die Thesen der Norwegian Business School.
Frauen in Führungspositionen Vorteile: Das macht den Unterschied
In der modernen Arbeitswelt sind Vielfalt und innovative Führungsstile gefragt. Frauen in Führungspositionen können Fähigkeiten mitbringen, die Teams stärken und Unternehmen erfolgreicher machen. Doch was genau macht den Unterschied zu Männern aus?
Frauen denken weniger hierarchisch
Immer noch investieren viele konservative Führungskräfte Zeit und Energie in die Aufrechterhaltung der hierarchischen Unternehmensstruktur, um ihre eigene Position zu festigen. Jedoch sind „Rambo-Allüren“ im Konkurrenzkampf gegenüber Kolleg:innen heutzutage nicht mehr förderlich.
Männer müssen erstmal vertikale Hierarchien festlegen, während Frauen sich gleich horizontal vernetzen, wenn sie an einer Sache arbeiten. Daraus resultiert eine ganze Reihe von spezifischen Verhaltensweisen.
Katharina Al-Shamery, Professorin an der Universität Oldenburg in einem Interview
Die moderne Führungsperson versucht, alle Mitarbeiter:innen in Entscheidungsprozesse einzubinden, um von der Vielfalt des Unternehmens zu profitieren. Es bedarf also Entscheidungsträger:innen, die teamorientiert arbeiten, ein offenes Ohr haben und durch Koordination der individuellen Ideen der Mitarbeiter:innen zum besten Ergebnis gelangen.
Frauen führen uns durch Krisenzeiten
In Sachen Krisenmanagement kann Female Leadership definitiv punkten! Die Corona-Pandemie war nicht nur für Mitarbeiter:innen eine beruflich sehr herausfordernde Zeit, sondern auch für Führungskräfte.
Ob Chefs oder Chefinnen die Ausnahmesituation besser meisterten, wurde vom Management-Magazin Harvard Business Review erhoben. Zwischen März und Juni 2020 wurden 454 Männer und 366 Frauen in Leitungspositionen von ihren Mitarbeiter:innen in puncto Effektivität ihres Führungsstils anonym beurteilt. Female Leaders schnitten deutlich besser ab. In vielen Kompetenzen, darunter Motivation, Teamwork und Empathie, gingen weibliche Führungspersonen als deutliche Siegerinnen hervor. Vor allem die Kooperationswilligkeit der Frauen und eine weniger ausgeprägte Ellenbogenkultur trugen zur Effektivität des Führungsstils bei.
Ein spannender, aber teilweise problematischer Nebeneffekt: Frauen werden häufig erst von Unternehmen in höheren Führungspositionen eingestellt, wenn diese sich bereits in einer Krise befinden. Man spricht von der sogenannten gläsernen Klippe.
Das geschieht nicht nur, weil die Unternehmen in die Krisenmanagement-Kompetenz der Frauen Vertrauen setzen. Häufig wird eine solche Personalentscheidung auch getroffen, um Investor:innen ein positives Signal zu senden. Denn es bleibt in vielen Fällen fraglich, ob sich eine Frau an der Spitze eines wirtschaftlich kriselnden Unternehmens langfristig etablieren kann.
Frauen können sich in ihre Mitarbeiter:innen einfühlen
Kollegiales Denken und Empathie sind essenziell für eine funktionierende flache Hierarchie und einer harmonischen Beziehung zu den Mitarbeiter:innen. Frauen sind laut Studien tendenziell besser in der Lage, sich in die Bedürfnisse von Mitarbeitenden einzufühlen. Dadurch können Frauen als Führungskraft ihr Team nachhaltiger motivieren und Konflikte zwischen Mitarbeiter:innen angemessen moderieren und lösen. Kleine Streitereien und Meinungsverschiedenheiten sind wichtig, denn verschiedene Perspektiven münden in kreative Lösungsansätze. Der Respekt und die Wertschätzung untereinander darf dabei jedoch nie zu kurz kommen!
Langfristig zur Frauenquote & Chancengleichheit
Neben den genannten Qualitäten wie Empathie und Verständnis, bildet vor allem der Fokus auf die Unterstützung weiblicher Mitarbeiter:innen einen Unterschied im Führungsstil von Frauen und Männern. Frauen fördern Frauen: Das kommt in männerdominierten Unternehmensstrukturen häufig zu kurz. So lässt sich auf lange Sicht durch female leadership die Frauenquote und Chancengleichheit im Berufsleben etablieren. Wenn Frauen in Führungspositionen sind, arbeiten dort wiederum mehr Frauen und werden viel stärker gefördert.
Die Richtlinien und Spielregeln vieler Berufe sind von männlichen Strukturen geprägt. Und eben diese veralteten Strukturen gilt es aufzubrechen. Die Role-Model-Funktion von Frauen in Führungspositionen kann ein wichtiger Faktor sein, der junge Frauen in ihren Karriereambitionen bestärkt.
Die Strukturen der Arbeitswelt müssen weiblicher werden, damit Female Leaders mit ihrer Kraft und ihren Stärken darin wirken können. Denn gerade in Systemen, die immer noch männlich geprägt sind, werden die Stärken der Frauen nicht als solche wahrgenommen – manchmal sogar als das Gegenteil.
Mounira Latrache, Business Coach und ehem. Führungsperson bei RedBull im Interview
Frauen als Führungskraft Pro und Contra: Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle
Geht es nach dem Großteil der Beschäftigten, die für eine Studie der KÖNIGSTEINER Gruppe befragt wurden, sind Frauen die besseren Führungskräfte als Männer. Der Anteil jener, die „sehr zufrieden“ mit ihren weiblichen Vorgesetzten waren, lag bei 39 Prozent. War ein Mann der Chef, waren dagegen nur knapp 23 Prozent der Mitarbeiter:innen mit ihm sehr zufrieden.
Eine Studie der Universität Hohenheim lässt dagegen vermuten, dass Frauen in Führungsrollen weitaus weniger sozialverträglich sind als Männer. Eine abschließende Antwort auf die Frage, ob Female Leadership die bessere Art der Führung ist, lässt sich also auch in diesem Artikel nicht finden. Zu stark wirken die Pro- und Contra-Argumente gegeneinander.
Letztendlich kommt es weniger auf das Geschlecht als auf deine individuellen Führungsqualitäten und die Anforderungen des Unternehmens an dich an. Außer Acht lassen sollte man jedoch nicht, dass sich Frauen aus unterschiedlichen Gründen weitaus seltener als Chefinnen beweisen dürfen. Hier braucht es noch einige Schritte in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, um echte Gleichberechtigung am Arbeitsplatz erzielen zu können.
Wir sollten Raum für alle Personen schaffen und nicht an konservativen, männlichkeitsdominierten Strukturen festhalten. Daher sollte der Anspruch an die Führungskraft in erster Linie Inklusion und die erfolgreiche Einbeziehung eines jeden Mitarbeitenden sein, um Diversität und Vielfalt zur Stärke des Unternehmens zu machen. Die Hauptsache ist doch, dass Arbeitnehmer:innen sich wohlfühlen am Arbeitsplatz, sich entfalten können und die Führungskraft stets das Beste will, für das Unternehmen und alle Mitarbeiter:innen.