Warum verdienen Frauen (immer noch) weniger Geld als Männer?

Es ist ein Fakt: Überall in Europa verdienen Frauen im Schnitt weniger als Männer, auch noch im Jahr 2022. Deutschland, Österreich und die Schweiz zählen zu den Ländern, in denen die Lohnungleichheit besonders hoch ausfällt. 2019 lag der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern (auch Gender Pay Gap genannt) in der EU durchschnittlich bei 14,2 Prozent. Das bedeutet, dass Frauen im Schnitt 14,2 Prozent weniger Gehalt bekommen haben als Männer. In Deutschland lag der Gender Pay Gap im selben Jahr bei 19,2 Prozent, in Österreich sogar bei 19,9 Prozent. Lediglich die Schweiz schnitt mit 18,3 Prozent etwas besser ab.

Die gute Nachricht ist: Der Gender Pay Gap sinkt seit einigen Jahren, die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau werden also kleiner. Aktuell liegt er in Deutschland bei 18 Prozent. In unserem Artikel analysieren wir die Gründe für die Gehaltsunterschiede und zeigen auf, was getan werden kann.

Über den Gender-Pay Gap sprechen wir auch in unserem kununu Podcast The Fit. Jetzt reinhören:

Gründe, warum Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer

Frauen mit vergleichbarer Qualifikation verdienen in vergleichbaren Positionen weniger - das ist bekannt. In vielen Unternehmen wächst das Bewusstsein für geschlechtsgerechte Bezahlung. In der Praxis ist diese jedoch Noch bei Weitem nicht in allen Unternehmen umgesetzt. Doch ist das nicht der einzige Grund, warum Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer.

Die Ursachen für die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau sind vielfältig. Es war in den westeuropäischen Ländern lange Zeit üblich, dass der Mann der Hauptverdiener war, während Frauen sich um Haushalt und Familie kümmerten. So war es in der Vergangenheit der Normalfall, dass bei Jungen mehr Wert auf eine gute Ausbildung mit Aussicht auf Karriere und gute Bezahlung gelegt wurde als bei Mädchen. Diese Zeiten haben sich zum Glück geändert! Dennoch liegt in der historischen Rollenverteilung einer der Hauptgründe, weshalb Männer im Schnitt mehr verdienen als Frauen.

Henrike von Platen, Fairpay- und Finanzexpertin fasst die Gründe zusammen:

„Wer zu Hause bleibt, verdient weniger, wer weniger verdient, bleibt zu Hause. Und am Ende sind Frauen seltener in Führungspositionen zu finden, arbeiten oft in weniger gut bezahlten Berufen und überdurchschnittlich oft in Teilzeit. Sie bekommen seltener eine Beförderung, übernehmen seltener Verantwortung und haben eine andere Verhandlungskultur. Männer werden eher nach Potenzial, Frauen nach erbrachter Leistung bezahlt. Und zu Hause sind es die Frauen, die den Löwenanteil an unbezahlter Care Arbeit und Hausarbeit übernehmen – sogar bei kinderlosen Paaren.“

Zum ganzen Interview mit Henrike von Platen auf kununu

1. Frauen arbeiten häufiger in sozialen Berufen beziehungsweise üben personennahe Dienstleistungen aus.

Frauen wählen andere Berufe als Männer, häufig solche, die eher schlecht bezahlt sind. Gemeint sind hier Berufe wie Krankenschwester, Krankenpflegerin, Erzieherin, Verkäuferin oder Friseurin. Ein Blick in den kununu Gehaltscheck zeigt, dass die Gehaltsaussichten für diese Berufe eher am unteren Ende liegen.

Vier von fünf Beschäftigten im Einzelhandel für Lebensmittel sind Frauen. Im Bereich Erziehung und Sozialarbeit lag der Anteil von Frauen 2019 bei 83,5 Prozent.

2. Frauen haben häufigere und längere Unterbrechungen ihrer erwerbstätigen Zeit.

In Deutschland wurde 2007 die Elternzeit eingeführt. Das Gesetz unterstützt eine geteilte Elternzeit. Familien, in denen sich die Eltern die Elternzeit aufteilen, werden gefördert. Seitdem gibt es immer mehr Väter, die nach der Geburt eines Kindes auch in Elternzeit gehen. Das Elternzeitgesetz war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Dennoch ist es auch heute noch so, dass Frauen familienbedingt längere Zeiten keinen Beruf ausführen. Gründe sind nicht nur die Betreuung der Kinder, sondern auch die Pflege älterer Familienangehöriger. So sind 68 Prozent der Personen, die Familienmitglieder daheim pflegen, weiblich.

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3. Frauen arbeiten oft in Teilzeit beziehungsweise in Mini-Jobs.

47 Prozent der beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit. Knapp 62 Prozent aller sogenannten Minijobs werden von Frauen ausgeübt. Da liegt es auf der Hand, dass Frauen im Schnitt weniger verdienen.

4. Frauen lassen Männern eher den Vortritt

Frauen zeigen sich häufig bescheiden und zurückhaltend, wenn es darum geht, auf der Karriereleiter aufzusteigen oder eine Gehaltserhöhung einzufordern. Diese "Zurückhaltung" wird als "Entitlement Gap" beschrieben. Frauen fehlt es nicht an beruflichem Ehrgeiz oder Zielstrebigkeit, eher verspüren sie in Verhandlungssituationen ein gewisses "Unwohlsein" und stehen weniger für sich und ihre Ansprüche ein. Zurückzuführen ist das auf tradierte Rollenbilder und fehlendem Austausch mit anderen beruflich engagierten Frauen.

"Frauen in Führung sind selten, es fehlt an Vorbildern und an Unterstützung auf dem Weg nach oben."

Zum ganzen Interview mit Henrike von Platten auf kununu

5. Frauen verhandeln anders als Männer

Frauen fordern Gehaltserhöhungen nicht so aktiv ein wie Männer. Und sie verhandeln anders. Diese Erfahrungen hat Ljubow Chaikevitch - Verhandlungstrainerin und Gründerin von Frau Verhandelt - gemacht. Lese in unserem Ratgeber, welche Tipps sie Frauen für die Gehaltsverhandlung gibt.

Übrigens: Falls du wissen möchtest, was deine Gehaltszufriedenheit beeinflusst, haben wir hier die Faktoren zusammengefasst, die mit der Zufriedenheit über das Gehalt zusammenhängen.

Was kann gegen die Lohnungleichheit getan werden?

Damit sich etwas ändert, an der Lohn- und Gehaltsungleichheit, ist vor allem eines wichtig: Die Ungleichheiten transparent machen. Die Regierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben entsprechende Gesetze auf den Weg gebracht. In Deutschland wurde 2017 das Entgelttransparenzgesetz eingeführt, in Österreich gibt es bereits seit 2011 eine Gleichstellungsnovelle und in der Schweiz die Charta für Equal Pay.

Doch nicht nur die Politik ist in der Pflicht, auch die Wirtschaft, glaubt Henrike von Platen:

„Die Politik ist gefragt, Lohngerechtigkeit in der Wirtschaft durchzusetzen, und die Unternehmen sind gefragt, diese – ob mit oder ohne Gesetz - auch umzusetzen. Gerechte Bezahlung ist eine Frage der Unternehmenskultur. Zum Glück setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass klüger wirtschaftet, wer fair führt. Diverse Teams sind erwiesenermaßen wirtschaftlich erfolgreicher, und angesichts des Fachkräftemangels kann es sich in Zukunft kein Unternehmen mehr leisten, auf weibliche Talente zu verzichten.“

Zum ganzen Interview mit Henrike von Platten auf kununu

Für junge Frauen hat Henrike von Platen drei Tipps, um der Lohnungleichheit zu entkommen:

1. Augen auf bei der Berufswahl

Natürlich sollte man sich für einen Beruf entscheiden, der einem liegt und der einen interessiert. Es schadet jedoch nicht, sich im Vorfeld auch über die Gehaltsaussichten des Traumjobs zu informieren, zum Beispiel mithilfe des kununu Gehaltschecks. Denn: Je nach Branche zeigt der Gender Pay Gap erhebliche Unterschiede. Während zum Beispiel im "Finanzwesen" Frauen in den ersten drei Berufsjahren 21 Prozent weniger verdienen als Männer, liegt der Gehaltsunterschied in der "öffentlichen Verwaltung" nur bei knapp einem Prozent.

2. Augen auf bei der Partnerwahl

Es ist sehr hilfreich, die Wünsche an die eigene Karriere miteinander abzugleichen, bevor man sich fest bindet. Häufig ist es schwierig die Arbeit und das Privatleben "unter einen Hut" zu bekommen. Bei unterschiedlichen Bedürfnissen nach Zweisamkeit oder in der Familienplanung leidet entweder die Beziehung oder der Karrierewunsch!

3. Augen auf bei der Arbeitgeberwahl

Es gibt immer mehr Unternehmen, die erkannt haben, wie wichtig Gehaltstransparenz und eine gendergerechte Bezahlung sind. Es lohnt sich, das neue Unternehmen vor diesem Gesichtspunkt abzuklopfen, bevor man sich für einen Job entscheidet.

letztes Update: 7. März 2022