Was ist der Gender Pay Gap & warum sollten wir mehr über ihn reden?

Kennst du den Begriff Gender Pay Gap? Er beschreibt das ungleiche Gehaltsgefüge zwischen den Geschlechtern. Du willst es genauer wissen? Mit unseren Fakten und Informationen bist du bestens gerüstet für die nächste Diskussion im Freundes- und Kolleg:innen-Kreis zu diesem wichtigen Thema. Und diese sollte unbedingt geführt werden!

Gender Pay Gap – Definition

Der Gender Pay Gap beschreibt die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes (ohne Sonderzahlungen) aller Geschlechter im Verhältnis zum Bruttostundenverdienst der Männer. Zwar liegen in Bezug auf den Gehaltsunterschied von Männern und Frauen mehr Daten vor, jedoch bezieht sich die Bezeichnung Gender Pay Gap auch auf Gehaltsunterschiede hinsichtlich dem dritten Geschlecht. Für Deutschland berechnet das Statistische Bundesamt den Gender Pay Gap. Er wird jährlich erhoben. Das Statistische Amt der Europäischen Union, kurz Eurostat, wertet europaweit die Gehaltsunterschiede in den einzelnen Mitgliedsländern aus. Wenn vom Gender Pay Gap die Rede ist, so geht es meist um die unbereinigte Angabe. Es gibt Stimmen, die eine differenzierte Datenauswertung fordern, den sogenannten bereinigten Gender Pay Gap.

Über den Gender-Pay Gap sprechen wir auch in unserem kununu Podcast The Fit. Jetzt reinhören:

Gender Pay Gap in den Ländern

In Deutschland

In Deutschland lag der Gender Pay Gap 2020 bei 18 Prozent. Das bedeutet, dass Frauen in diesem Jahr durchschnittlich 18 Prozent weniger verdient haben als Männer. Die Daten beziehen sich also ausschließlich auf die Gehaltsunterschiede weiblichen und männlichen Arbeitnehmer:innen. Interessant: In den westlichen Bundesländern (und Berlin) lag die Lohnlücke zwischen Mann und Frau mit 20 Prozent deutlich höher aus als im Osten (6 Prozent). Insgesamt betrachtet verringert sich die Lohnlücke zwischen Mann und Frau in Deutschland seit einigen Jahren leicht, von 21 Prozent im Jahr 2016 auf 18 Prozent im Jahr 2020. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, den Gehaltsunterschied bis zum Jahr 2030 auf zehn Prozent zu senken.

In Europa

Wenn man sich die Daten zum Gender Pay Gap im EU-Vergleich anschaut, fällt auf: Deutschland, Österreich und die Schweiz zählen zu den Ländern mit den größten Gehaltsunterschieden zwischen Mann und Frau (Datenbasis aus 2019). Der Gender Pay Gap liegt in allen drei Ländern deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 14,1 Prozent.

Luxemburg, Rumänien und Italien sind die Länder mit dem niedrigsten Gender Pay Gap. Europaweit hat sich der durchschnittliche Gender Pay Gap von 14,1 Prozent im letzten Jahrzehnt kaum verändert.

Unterschied zwischen bereinigtem & unbereinigtem Gender Pay Gap

Unbereinigter Gender Pay Gap

In der medialen Diskussion wird meist der unbereinigte Gender Pay Gap zugrunde gelegt. Das ist der Wert, den das Statistische Bundesamt erhebt und der 2020 bei 18 Prozent lag. Hier wird der Durchschnittsverdienst von Männern und Frauen über alle Branchen und alle Positionen analysiert. Der unbereinigte Gender Pay Gap dient als Kernindikator fortbestehender gesellschaftlicher Ungleichbehandlungen von Frauen im Erwerbsleben. Er ist eine generelle Bestandsaufnahme, bei der auch einfließt, dass Frauen häufiger in schlecht bezahlten Berufen arbeiten und weniger häufig Führungspositionen einnehmen als Männer.

Bereinigter Gender Pay Gap

Bei der Berechnung des bereinigten Gender Pay Gap werden strukturelle Faktoren wie Unterschiede der Berufe, Anzahl der Wochenstunden sowie der Bildungsstand herausgerechnet. Laut Statistischem Bundesamt lag der bereinigte Gender Pay Gap in Deutschland 2020 bei sechs Prozent, also deutlich niedriger als der unbereinigte Wert.

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Gibt es den Gender Pay Gap wirklich? Oder ist er durch die bereinigten Zahlen widerlegt?

Der Gender Pay Gap wurde eingeführt, um auf die Ungleichheit der Bezahlung von Männern im Vergleich zu anderen Geschlechtern hinzuweisen und so schrittweise gerechtere Gehälter zu fördern. Vor allem der unbereinigte Gender Pay Gap zeigt: Männer verdienen mehr– und das ist nicht gerecht.

Die Befürworter:innen des unbereinigten Gender Pay Gaps argumentieren, dass das Vorgehen, die Gesamtheit der weiblichen und diversen Beschäftigten mit der Gesamtheit der männlichen Beschäftigen zu vergleichen, den besten Einblick bietet. Frauen haben häufiger eine schlechtere Ausbildung, arbeiten eher in schlecht bezahlten Berufen in unteren Positionen und das häufig in Teilzeit. Das führt zu einer schlechteren Bezahlung und diese strukturelle Ungerechtigkeit spiegelt sich im unbereinigten Gender Pay Gap wider.

Die Befürworter:innen des bereinigten Gender Pay Gaps argumentieren, dass der unbereinigte Wert Äpfel mit Birnen vergleicht und daher nicht aussagekräftig ist. Um festzustellen, ob Frauen und Diverse schlechter bezahlt werden als Männer, müsse man die Lohnlücke zwischen Mann, Frau und Divers in vergleichbaren Positionen betrachten. Mit 6 Prozent in Deutschland fällt der bereinigte Gender Pay Gap recht gering aus.

Branchenvergleich: In diesen Berufen ist der Gender Pay Gap am größten

Die Branche hat einen erheblichen Einfluss auf den Gender Pay Gap. Das zeigt eine Datenanalyse von kununu, die 390 000 Gehaltsangaben einbezogen hat. Die Ergebnisse weisen mitunter erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Berufsgruppen und hinsichtlich der Berufserfahrung auf.

Demnach wirkt sich der Gender Pay Gap am stärksten auf Berufstätige im Bereich der „Finanzen“ aus. Bereits bei einer Berufserfahrung von null bis drei Jahren liegt der teilbereinigte Gender Pay Gap bei 21 Prozent. Mit ansteigender Berufserfahrung, zwischen sechs bis zehn Jahren, verdienen Frauen sogar 26 Prozent weniger im Jahr als Männer.

Übrigens: In den Branchen „Versicherung“ und „Gesundheit/Soziales/Pflege“ wächst der Gender Pay Gap mit zunehmender Berufserfahrung am stärksten an. So liegen die Einkommensunterschiede in den ersten drei Berufsjahren noch bei zehn Prozent und steigen bei einer Berufserfahrung von sechs bis zehn Jahren bereits auf 21 Prozent.

Der Gender Pay Gap im europäischen Vergleich

Wer sich die Daten im europäischen Vergleich ansieht, kann vollends ins Zweifeln kommen. In Italien ist die Bezahlung von Mann und Frau gerechter als in Deutschland? Und das Niedriglohnland Rumänien zählt zu den Besten?

Ein Team des Deutschen Instituts für Wirtschaft hat sich die Daten genauer angesehen und kommt zu dem Schluss, dass eine niedrigere Frauenerwerbsquote mit einem geringeren Gender Pay Gap einhergeht. In Ländern, in denen generell weniger Frauen berufstätig sind, fallen geschlechtsspezifische Gehaltsunterschiede geringer aus. Die Frauen, die in diesen Ländern arbeiten, befinden sich in gut bezahlten Positionen. Julia Schmieder und Katharina Wrohlich vom DIW plädieren daher dafür, bei der Betrachtung der Lohnlücke zwischen Mann und Frau Länder mit einer vergleichbaren Frauenerwerbsquote zu betrachten.

Fazit: Ja, es gibt einen Gender Pay Gap, Frauen und Personen die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen verdienen nach wie vor weniger als Männer, sowohl in Deutschland als auch in Österreich und der Schweiz. Die Interpretation der Daten, vor allem im internationalen Vergleich, ist jedoch nicht immer eindeutig und sollte differenziert erfolgen.

Gründe für den Gender Pay Gap

Die Gründe für den Gender Pay Gap sind vielschichtig. Es lassen sich einige Haupttreiber für eine strukturell schlechtere Bezahlung von Frauen identifizieren:

  • Frauen wählen andere Berufe als Männer. Sie arbeiten häufiger in sozialen oder personennahen Dienstleistungen, die schlechter bezahlt werden als beispielsweise technische Berufe.
  • Frauen unterbrechen ihre Berufstätigkeit häufiger und länger als Männer und arbeiten in Teilzeit oder in Mini-Jobs.
  • Für viele Frauen ist der Wiedereinstieg nach Eltern- oder Mutterzeit nicht einfach. Häufig können sie nicht auf der gleichen Karrierestufe wieder einsteigen.
  • In Spitzenpositionen sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Der Anteil von Frauen an der Spitze von Unternehmen der Privatwirtschaft lag in Deutschland 2020 bei 27 Prozent.

Henrike von Platen, Gründerin des Fair Pay Innovation Labs, sieht in der Lohnlücke selbst einen Fehlanreiz für das Erwerbsverhalten von Frauen:

„Der Gender Pay Gap ist ein Teufelskreis: Wer zu Hause bleibt, verdient weniger, wer weniger verdient, bleibt zu Hause. Und am Ende sind Frauen seltener in Führungspositionen zu finden, arbeiten oft in weniger gut bezahlten Berufen und überdurchschnittlich oft in Teilzeit. Sie bekommen seltener eine Beförderung, übernehmen seltener Verantwortung und haben eine andere Verhandlungskultur. Männer werden eher nach Potenzial, Frauen nach erbrachter Leistung bezahlt.“

Zum kununu Interview mit Henrike von Platen

Lösungsansätze, um den Gender Pay Gap abzubauen

Um langfristig den Gender Pay Gap abzubauen, ist es wichtig, Bewusstsein für die strukturellen Unterschiede zu schaffen. Deswegen sind mediale Ereignisse wie der Equal Pay Day genauso wichtig wie die jährliche Auswertung des Gender Pay Gap.

Nicht nur in der Politik und in den Unternehmen muss das Thema präsent sein, sondern auch bei den betroffenen Frauen.

„Interessanterweise glauben 84 Prozent der Deutschen, dass Frauen für vergleichbare Tätigkeiten in Deutschland weniger Geld bekommen als Männer – aber nur 47 Prozent glauben, dass Frauen in ihrem eigenen Unternehmen für vergleichbare Tätigkeiten schlechter bezahlt werden. Das beschreibt das Problem ganz gut: Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen ist zwar statistisch messbar, bleibt im Einzelfall aber oft unsichtbar.“

Zum kununu Interview mit Henrike von Platen

Gehaltstransparenz als Treiber für eine gerechtere Bezahlung

Voraussetzung für das Bewusstsein von Gehaltsunterschieden ist Transparenz, was die Bezahlung betrifft. Der Gender Pay Gap hat auch in den deutschsprachigen Ländern die öffentliche Diskussion um das Thema Gehaltstransparenz befeuert. Nur wer weiß, was andere im gleichen Unternehmen in einer vergleichbaren Position verdienen, kann einschätzen, ob das eigene Gehalt gerecht ist. In Deutschland wurde vor diesem Hintergrund 2017 das Entgelttransparenzgesetz eingeführt, in Österreich gibt es bereits seit 2011 eine Gleichstellungsnovelle und in der Schweiz die Charta für Equal Pay. Um länderübergreifend Lohngerechtigkeit voranzutreiben, hat die EU-Kommission am 4. März 2021 den Entwurf einer Richtlinie zu mehr Gehaltstransparenz eingereicht. Auf politischer Ebene wurden bereits die richtigen Weichen gestellt, die Umsetzung muss in den Unternehmen erfolgen. Henrike von Platen sieht gerechte Bezahlung als eine Frage der Unternehmenskultur.

„Wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sich einig wären, wäre Lohngerechtigkeit über Nacht möglich, davon bin ich überzeugt.”

Zum kununu Interview mit Henrike von Platen

Verhandlungstipps für Frauen

Die Höhe deines individuellen Gehalts hängt natürlich auch davon ab, wie du verhandelst. Frauen sind beim Thema Gehalt oft zurückhaltender als Männer. Wie du im nächsten Gehaltsgespräch das Beste für dich herausholst, erfährst du in unserem Ratgeber.

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letztes Update: 10. März 2022