Vereinbarkeit von Familie und Beruf - ist es möglich?

Vor einigen Jahrzehnten war die Aufteilung innerhalb der Familien recht klar: Meist war der Vater Hauptverdiener, die Mutter verantwortlich für Kinder und Haushalt. Diese Zeiten sind lang vorbei, und das ist gut so! In den meisten Familien wollen (und müssen, denn das Gehalt einer Person reicht in den wenigsten Fällen für die Ernährung einer mehrköpfigen Familie) beide Elternteile arbeiten. Das heißt jedoch nicht, dass die Situation einfacher ist. Denn die Care- und Erziehungsarbeit daheim fällt auch dann an, wenn beide Elternteile einem Beruf nachgehen.

Ob und wie gut Familie und Beruf miteinander vereinbar sind, hängt zu einem großen Teil von den geltenden Gesetzen und Regeln ab sowie von den Unternehmen. Aber auch du als Arbeitnehmer:in hast Gestaltungseinfluss. In diesem Artikel erfährst du alles Wissenswerte zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, inklusive praktische Tipps.

Folge dem Link und bewerte deinen Arbeitgeber

Vereinbarkeit von Beruf und Familie: die gesetzlichen Regelungen

Die Zahl der berufstätigen Mütter ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen: 2009 hatten 66,7 Prozent der Frauen mit Kind einen Job, im Jahr 2019 waren es schon 75 Prozent. Allerdings hängt der Umfang der Arbeitstätigkeit vom Alter der Kinder ab. Auch im Jahr 2019 arbeiteten noch 66,2 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren in Teilzeit. Wer weniger Stunden pro Tag arbeitet, kann Kind und Beruf zwar besser vereinbaren, verdient jedoch auch weniger Geld und zahlt weniger in die Altersvorsorge ein.

In Deutschland und der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren einige Regelungen und Gesetze auf den Weg gebracht, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, die Doppelbelastung abfedern und die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern fördern sollen:

Elterngeld und Elternzeit

Das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz ist in Deutschland im Jahr 2007 in Kraft getreten und wurde seitdem mehrmals überarbeitet. Es regelt die Elternzeit sowie das Elterngeld, das mit dem Gesetz eingeführt wurde. Anspruch auf Elterngeld haben Mütter und Väter, die ihre Kinder betreuen und deshalb nicht mehr als 30 Stunden in der Woche arbeiten.

Das Elterngeld wurde unter anderem eingeführt, damit auch Väter zumindest zeitweise die Kinderbetreuung ohne Gehaltseinbußen übernehmen. Wer wegen der Kinderbetreuung (zeitweise) weniger arbeitet, verdient auch ein geringeres Gehalt. Mit dem Elterngeld wird diese Differenz zu 65 bis 100 Prozent ausgeglichen. Es beträgt mindestens 300 und höchstens 1800 Euro monatlich.

Während der Elternzeit sind Väter und Mütter unbezahlt freigestellt von ihrem Job, behalten aber den Anspruch auf den Arbeitsplatz und sind sozialversichert. Pro Kind und Elternteil kann die Elternzeit bis zu 36 Monate betragen. Wer in der Elternzeit ist, kann vom Arbeitgeber nicht gekündigt werden. Nach Ablauf der Elternzeit lebt das Arbeitsverhältnis zu den Bedingungen, die vor der Elternzeit galten, wieder auf.

In Österreich heißt die Elternzeit Elternkarenz. Sie kann, ebenso wie das Kinderbetreuungsgeld, bis zum Ende des zweiten Lebensjahres des Kindes in Anspruch genommen werden.

Lediglich in der Schweiz gibt es kein landesweites Äquivalent zu Elterngeld und Elternzeit – Väter und Mütter können keine Ansprüche gesetzlich geltend machen. Die einzelnen Kantone haben jedoch die Möglichkeit, entsprechende Regelungen aufzusetzen. Mütter haben einen Anspruch auf Mutterschaftsurlaub. Erziehungszeiten für Väter mit Gehaltsausgleich sind jedoch zumindest vom Gesetz her nicht vorgesehen.

Entgelttransparenzgesetz

Das Gesetz mit dem sperrigen Namen soll die Transparenz in den Entgeltstrukturen fördern und so dazu beitragen, die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen in Deutschland mittelfristig auszugleichen. Auch im Jahr 2022 verdienen Frauen durchschnittlich 18 Prozent weniger als Männer. Diese Zahl macht deutlich, dass noch viel zu tun ist. Auf den ersten Blick besteht kein direkter Zusammenhang zwischen geschlechtsunabhängigen Gehältern und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auf den zweiten Blick jedoch schon.

So waren 2019 87 Prozent der alleinerziehenden Erwerbstätigen Frauen. Fast drei von vier alleinerziehenden Frauen mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren hatten einen Job. Für Alleinerziehende ist der Spagat zwischen Kind und Beruf besonders schwierig – bei Frauen macht der sogenannte Gender Pay Gap die Situation noch herausfordernder.

Aber auch Frauen, die in einer Partnerschaft leben, sind durch den Gender Pay Gap benachteiligt. Weil sie weniger verdienen, sind sie diejenigen, die eher daheimbleiben, um die Kinder zu betreuen. Wer daheim bleibt, macht keine Karriere und hat bei einem Wiedereintritt in den Beruf weniger Chancen auf eine gut bezahlte Führungsposition.

Förderprogramm Betriebliche Kinderbetreuung

Kinderbetreuung im eigenen Unternehmen – für Eltern stellen solche Angebote logistisch und organisatorisch eine große Entlastung dar. Unternehmen, die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder ihrer Mitarbeiter:innen schaffen, sind jedoch nach wie vor die Ausnahme. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat daher ein Förderprogramm aufgelegt. Unternehmen, die Betreuungsmöglichkeiten anbieten wollen, werden bei Planung und Umsetzung unterstützt, inhaltlich als auch monetär. Das aktuelle Förderprogramm gilt bis Ende 2022.

Folge dem Link und vergleiche dein Gehalt

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Was Unternehmen tun können

Die Zahl der Unternehmen, die eine familienfreundliche Personalpolitik verfolgen, wächst. Das Umdenken der Personalabteilung erfolgt auch im Interesse der Unternehmen. In Zeiten von Fachkräftemangel ist es für Arbeitgeber ein Wettbewerbsvorteil, Mitarbeiter:innen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie so einfach als möglich zu gestalten. Flexible Arbeitszeiten, Betreuungsangebote für Kinder, innovative Teil- und Vollzeitmodelle – Unternehmen können einiges tun, um Angestellte und ihre Familien zu unterstützen. Wir haben in einem eigenen Artikel beschrieben, was familienfreundliche Arbeitgeber ausmacht.

Beispiele für Unternehmen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, findest du auch auf kununu. Bei der Suche nach Unternehmen kannst du die Ergebnisse zum Beispiel danach filtern, ob flexible Arbeitszeiten oder Kinderbetreuung angeboten werden.

Beruf und Familie vereinbaren: Was du tun kannst

Das Umdenken von Unternehmen erfolgt nicht über Nacht, sondern über einen langen Zeitraum. Hauptauslöser sind die Gesetzgebung und wirtschaftliche Faktoren. Ein Unternehmen, das Probleme hat, gut ausgebildete Mitarbeiter:innen zu finden, überlegt sich über kurz oder lang, wie es die Arbeitsplätze attraktiver gestalten kann. Aber auch die Gesellschaft – und damit jeder und jede von uns – hat eine Stimme. In einer Studie von Prognos im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben zwei Drittel der befragten Unternehmen angegeben, dass die Initiative für Betreuungsangebote während der Corona-Krise von den Beschäftigten ausging. Nun war die Epidemie eine Notsituation für viele Familien. Schnelle und unbürokratische Hilfe der Unternehmen war gefragt, um die Doppelbelastung von Familie und Beruf für ihre Mitarbeiter:innen erträglich zu gestalten. Dennoch zeigt dieses Beispiel, dass Eigeninitiative zu Erfolg führen kann.

Als Vater oder Mutter musst du deine Bedürfnisse nicht verstecken, du kannst Erwartungen an deinen Arbeitgeber äußern. Das Gute: Beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sitzen (fast) alle im gleichen Boot. Immerhin mehr als 63 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind entweder Mutter oder Vater. Jede:r von ihnen hat die Möglichkeit, die Kultur im Unternehmen mitzuprägen.

Wenn du dich beruflich umorientierst, solltest du im Bewerbungsprozess klar abklopfen, ob das neue Unternehmen deine Vorstellungen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erfüllt.

letztes Update: 4. April 2022