„Diversität entsteht durch ein Miteinander.“ – Mounira Latrache im Interview

In unserer Interviewserie „The future is…?“ gehen wir der Frage nach, wie Female Leaders die Arbeitswelt verändern und die Zukunft gestalten. Warum es nicht ausreicht Führungspositionen mit Frauen zu besetzen, ohne das System dahinter zu verändern und warum Achtsamkeit die Geheimwaffe im Arbeitsalltag ist, hat uns Gründerin, Geschäftsführerin und Search-Inside-Yourself-Teacher Mounira Latrache im Interview verraten.

kununu: Du hast über 15 Jahre Erfahrungen in leitenden Funktionen gesammelt. Deine Stationen: Google, Red Bull und BMW. Dadurch hast du nicht nur unterschiedliche Firmen, sondern auch Führungsstile kennengelernt. Was zeichnet deiner Meinung nach gute Führung aus?

Mounira Latrache: Ich würde sagen, gute Führung hat in erster Linie mit sich selbst zu tun. Selbstführung ist der erste Schritt und dafür ist es sehr wichtig sich gut zu kennen. Man sollte Fragen wie „Was ist mir wichtig und welche Werte vertrete ich?“ bis hin zu „Welche Situationen fallen mir schwer?“ für sich beantworten können. Vor allem aber sollte man eine klare Vision haben, welche Ziele man verfolgt und welche Person man sein möchte. Umso spannender finde ich es, dass Führung von vielen immer noch eher als Rolle wahrgenommen wird. Für mich ist Führung nämlich etwas sehr persönliches.

Inwiefern haben Vorbilder deine Vorstellung von Führung geprägt?

Mittlerweile bin ich ein großer Fan von authentischer und mitfühlender Führung. Davor hatte ich lange Zeit Vorbilder, bei denen Leadership stark mit Darstellung zusammenhing und dadurch Kompetenz ausgestrahlt wurde. Dabei hatte ich immer das Gefühl, als wäre eine große Distanz zwischen mir und diesen Personen. Gute weibliche Vorbilder, zu denen ich wirklich aufblicken konnte, gab es für mich damals nicht. Teilweise dachte ich mir sogar: „So möchte ich nie führen!“

Dann habe ich mich schon gefragt, was diese Erkenntnis über Frauen in Führungspositionen aussagt. Bis ich dann zu dem Schluss gekommen bin, dass dies ein Ergebnis von gewachsenen Strukturen im Hintergrund ist. Es reicht schlicht nicht aus Führungspositionen mit Frauen zu besetzen, ohne das System dahinter zu verändern. Die Strukturen der Arbeitswelt müssen weiblicher werden, damit Female Leaders mit ihrer Kraft und ihren Stärken darin wirken können. Denn gerade in Systemen, die immer noch männlich geprägt sind, werden die Stärken der Frauen nicht als solche wahrgenommen – manchmal sogar als das Gegenteil. Und dann passiert es, dass weibliche Führungskräfte immer härter werden, weil sie gar keine andere Chance haben als sich anzupassen und sich durchzukämpfen.

Was braucht es damit sich Strukturen verändern?

Damit sich wirklich etwas verändert, braucht es ein Zusammenspiel der weiblichen und männlichen Qualitäten. Ich bin der festen Überzeugung, dass nicht nur in Frauen weibliche Qualitäten zu finden sind, sondern auch in Männern. Das heißt männliche Führungskräfte, die ihre weiblichen Qualitäten zulassen, können anders führen. Und genauso können auch Frauen männliche Qualitäten in ihrer Führung anwenden. Aber nur wenn wir beide Seiten in uns integrieren, anstatt sie komplett zu übernehmen oder gar nicht zu beachten, können wir ganzheitlicher sein. Es gibt dann kein ganz oder gar nicht mehr – sondern mehr Raum dafür Führung auch anders zu interpretieren.

Ein Thema, mit dem du dich sehr intensiv beschäftigst, ist Achtsamkeit bzw. Mindfulness. Was genau verstehst du darunter und inwiefern hängt Achtsamkeit mit Führung zusammen?

Achtsamkeit bedeutet, wahrzunehmen, was um uns und in uns vorgeht, ohne diese Vorgänge zu bewerten. Ob unser eigener oder der Druck von Vorgesetzten oder Kollegen, Achtsamkeit hilft uns dabei, genau hinzuhören und aus den eigenen Reaktionsmustern auszubrechen. Dem Thema gegenüber sind viele erstmal skeptisch, aber die positiven Effekte sind mehrfach wissenschaftlich belegt. Wer Achtsamkeit praktiziert, kann das Stresslevel reduzieren, psychische Gesundheit fördern und die Lebensqualität steigern. Außerdem hilft sie die eigene emotionale Intelligenz zu entwickeln und lässt uns bewusster durch den Alltag und das Berufsleben gehen. Es wird genau das gefördert, was gute Führung braucht: Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Selbststeuerung.

Ein Beispiel: In meinen Seminaren sagen viele Führungskräfte, dass sie Druck nicht nach unten weitergeben wollen – und genau da kommt Achtsamkeit ins Spiel. Sie macht es möglich einen Schritt zurück zu machen und zu hinterfragen, was in diesem Fall wirklich hilft, anstatt den naheliegenden Weg zu gehen. Indem wir nicht impulsiv reagieren, sondern reflektierter mit Situationen umgehen.

Achtsamkeit hilft uns außerdem dabei uns in unterschiedlichen Kontexten zurecht zu finden. Unser Arbeitsumfeld wandelt sich stetig und wird immer komplexer. Und die jungen Führungskräfte von heute, werden in fünf bis zehn Jahren eine Arbeitswelt vorfinden, die sich noch schneller wandelt und noch komplexer wird. Gerade wenn außen so viel Veränderung stattfindet, brauchen wir einen inneren Anker. Diese Persönlichkeitsentwicklung hat auch mir sehr geholfen eine bessere Führungskraft zu werden.

Und wie kann Achtsamkeit jedem von uns im Arbeitsalltag helfen?

Bestimmt haben viele schon einmal eine Situation im Arbeitskontext erlebt, in der sie eine Emotion überfallen hat. Zum Beispiel Ärger über das Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten. Genau hier ist es wichtig, sich kurz Zeit zu nehmen und zu reflektieren was gerade passiert, anstatt sofort darauf zu reagieren. Achtsamkeit kann man regelmäßig für sich selbst praktizieren. Aber nicht nur, die Praxis kann auch ganz leicht in den Arbeitsalltag integriert und dann gemeinsam ausgeübt werden. Das passiert auch in immer mehr Unternehmen. Diese bieten zum Beispiel Seminare oder sogar eigene Meditationsräume für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Ob nun im beruflichen oder privaten Kontext: Ich bin überzeugt, dass uns Achtsamkeit in so vielen verschieden Situationen helfen kann.

Es gibt bestimmt auch Menschen, die nicht offen für dieses Konzept sind. Wie gehst du damit um?

Meine Erfahrung der letzten Jahre hat mir gezeigt: Wenn ich den Mut habe, über Achtsamkeit in der Arbeitswelt zu sprechen, finde ich sehr viele Menschen, die sich ebenfalls dafür begeistern.Denn wenn ich eines bestimmt nicht mache, dann versuchen andere davon zu überzeugen. Ich muss es nämlich auch gar nicht. Als Beraterin bin ich in vielen Unternehmen unterwegs und gebe Workshops. Dabei lade ich alle Teilnehmer dazu ein, verschiedene Techniken zu probieren und wer möchte macht mit. Die Leute merken dann schnell selbst, dass sich etwas positiv für sie verändert.

Was wünscht du dir für die Zukunft der Arbeitswelt?

Ich wünsche mir Offenheit gegenüber anderen und Sicherheit, die wir uns gegenseitig geben, anstatt uns zu verurteilen. Alle sollte so sein können, wie sie sind – unabhängig von Geschlecht, Nationalität oder Arbeitsstil. Wir haben viel über Männer und Frauen gesprochen, aber das gleiche gilt natürlich für jedes Geschlecht. Denn es gibt viele Personen, die sich in keinem der beiden Geschlechter repräsentiert fühlen. Wir sollten Raum für alle Person schaffen. Genauso muss es auch Platz für unterschiedliche Arbeitsstile geben: Egal ob Frühaufsteher oder Langschläfer, Teamplayer oder Menschen, die lieber für sich arbeiten. Diversität entsteht durch ein Miteinander. Nur so kann sichergestellten werden, dass jeder die Möglichkeit hat sich zu entfalten. Ich habe festgestellt, dass Achtsamkeit genau dafür das richtige Tool ist. Wir können uns damit die Fähigkeiten der Neugier und des Mitgefühls aneignen – und so offen und authentisch auf andere zu gehen.