„Niemand will ein schlechter Chef sein“

Niemand will eine schlechte Führungskraft sein – und doch gibt es sie. Dabei gibt es verschiedene Gründe, warum aus einem netten Kollegen ein echt schlechter Chef wird und nochmal so viele, warum er das gar nicht bemerkt. Wie Macht Menschen verändert und was dagegen hilft, erklärt Führungscoach und Autorin Anja Niekerken im Interview.

kununu: Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der „Kunst, kein Arschloch zu sein“ und gelassen zu bleiben wenn andere durchdrehen. Wie sind Sie dazu gekommen sich mit der Thematik zu befassen?

Anja Niekerken: Tatsächlich habe ich im letzten oder vorletzten Jahr mal einen Blogartikel mit genau diesem Titel geschrieben. Da ging es darum, dass man in Führungspositionen Gefahr läuft, zum Arschloch zu mutieren. Und nicht nur, weil man auf einem Höhenflug ist, sondern weil Macht uns wirklich verändert. Dieses Phänomen ist recht gut erforscht und viele Studien bestätigen, dass Menschen in Machtpositionen sich anders verhalten als davor. Diesen Artikel hat mein heutiger Lektor gelesen und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ein allgemeines Buch über „Arschlochfallen in die wir alle tappen“ zu schreiben.

Inwiefern verändertet sich das Verhalten von Menschen in Führungspositionen und in welche Fallen tappen sie dabei?

Menschen kommen in Führungspositionen, weil sie emphatisch und sozial sind. Das Problem ist, dass wir genau diese Fähigkeiten bei zunehmender Macht unbewusst über Bord werfen. Je mehr Macht wir haben, umso weniger emphatisch sind wir und umso mehr glauben wir Recht zu haben. Diese Zusammenhänge sind tatsächlich sehr gut erforscht. Beispielsweise haben US-amerikanische Forscher herausgefunden, dass Menschen mit Macht eine ganz andere Realität haben, als Menschen ohne. Menschen ohne Macht beschäftigen sich nach dieser Theorie eher mit den Bedürfnissen anderer, sie sind sensibler für Bestrafungen und sind insgesamt mehr auf Gerechtigkeit in der Gruppe fokussiert. Menschen mit Macht legen den Fokus mehr auf sich selbst und ihre Ideen. Sie halten Belohnungen, die sie erhalten für angemessen und fordern Bevorzugung sogar aktiv ein. Wer jetzt an überzogene Boni oder an unangemessen hohe Diäten denkt, liegt gar nicht so falsch.

Zu diesem Phänomen, dass Menschen in Machtpositionen dazu neigen, sozialen Normen immer weniger Beachtung zu schenken, gibt es jede Menge Studien. Das macht Machtmenschen noch lange nicht asozial. Schließlich gilt es in solchen Positionen auch oft unliebsame Entscheidungen zu treffen, was wiederum durch die beschriebene Neigung erleichtert wird. Unangenehm wird es nur, wenn wir uns nicht darüber im Klaren sind, dass Macht unser Verhalten verändert.


„Die Vorgesetzten sind mit ihren Mitarbeitern auf einer Augenhöhe.“ – Arbeitgeberbewertung bei eMundo GmbH


Ganz allgemein: Was zeichnet Ihrer Meinung nach gute Führung aus und woran lässt sich schlechte festmachen?

Bei schlechter Führung geht es um die Führungskraft und ihre Ideen. Bei guter Führung ist es umgekehrt. Gute Führung schafft den Mitarbeitern die Arbeitsbedingungen die sie brauchen, um gute Leistungen erbringen zu können.

Die klarsten äußeren Parameter für schlechte Führung sind ein hoher Krankenstand und hohe Fluktuation, gerade bei den Leistungsträgern. Mit hohem Krankenstand meine ich übrigens nicht den Krankenstand zur Erkältungssaison, sondern im Vergleich zu anderen Abteilungen oder in der Branche im allgemeinen. Wenn der Krankenstand in meinem Unternehmen höher liegt, als der Branchendurchschnitt, kann das ein Indiz sein. Genauso verhält es sich mit der Fluktuation. Studien haben ergeben, dass Kündigungen in direktem Zusammenhang mit schlechter Führung stehen.

Und was hilft dagegen?

Was wir brauchen, um Fehler zu erkennen und auch eingestehen zu können, ist ein Umfeld mit einer guten Fehlerkultur. Ein Umfeld, das Fehler verzeiht oder zumindest die Chance zur Wiedergutmachung gibt. Auch hier sind wieder die Führungskräfte gefragt: eine gute Fehlerkultur haben Unternehmen, wenn Führungskräfte diese vorleben und mit Fehlern offen umgehen.


„Die offene Fehlerkultur ermöglicht es Dinge auszuprobieren und selbst zu lernen.“  – Arbeitgeberbewertung bei prevent AT work GmbH


Sie schreiben, dass wir im Grunde alle wissen, „was wir tun müssen, um kein Arschloch zu sein.“ Warum entscheiden wir und andere uns dann doch manchmal dagegen?

In der Regel entscheiden wir uns nicht bewusst. Denn niemand will tatsächlich ein Arschloch sein. Wir haben alle eine positive Grundintention, die im Laufe des Tages dann entweder Opfer erfordert oder sogar aus dem Ruder läuft. Selbst ein tyrannischer Chef steht morgens nicht auf und überlegt sich, wie er heute am besten seine Mitarbeiter demütigt, zumindest nicht, wenn er geistig gesund ist und davon gehe ich in meinem Buch immer aus.

Wir leben in einer sehr komplexen Welt und um sich in ihr immer, in alle Richtungen einwandfrei zu verhalten, ist schier unmöglich. Beispielsweise halten sich viele von uns für umweltbewusste Menschen, steigen aber morgens doch ins Auto, um zur Arbeit zu fahren. Natürlich gibt es dafür jede Menge gute Gründe, aber man könnte es auch anders machen… Und das ist oft gar nicht so einfach.

Von sich nicht immer einwandfrei verhalten zum tyrannischen Vorgesetzten ist es doch ein Stück. Wie wird denn aus dem netten Kollegen ein Horror-Chef?

Das ist sehr unterschiedlich. Ein Grund kann beispielsweise Überforderung sein. Wer nicht weiß, wie er sich in der neuen Rolle am besten verhalten soll, neigt eher dazu despotisch zu reagieren. Es kann aber auch sein, dass der nette Kollege dies von seinen Chefs, meistens sind es die ersten Chefs, die man hatte, abgeguckt hat. Denn wir lernen unser Verhalten und viele andere Dinge auch durch abgucken. Das ist kein bewusster Vorgang, daher ist es oft schwer sich solche Dinge bewusst zu machen. Einer meiner Coachingklienten hatte lange Zeit Schwierigkeiten mit seinem Führungsverständnis und dem, wie er tatsächlich führte, bis ihm klar wurde, dass er unbewusst viele Dinge von seinem ersten Chef übernommen hatte. Das Problem war, dass dieser eben kein guter Chef war. Allein dieses Bewusstmachen half dann schon, seinen Führungsstil radikal zu ändern.


„Flexible Firma mit tollem Führungsstil.“ – Arbeitgeberbewertung bei Schuster Home Company GmbH


Warum merken wir eigentlich erst im Nachhinein, dass wir uns daneben benommen haben – oder noch schlimmer, gar nicht?

Fehler erkennt man ja immer erst in der Rückschau. Das ist die Natur eines Fehlers. Die Frage ist damit für mich eher, wie gehen wir in Zukunft damit um. Wenn ich zu meinen Fehlern stehen kann, dann kann ich es beim nächsten Mal anders machen. Kann ich das nicht, ist auch keine Besserung in Sicht. Donald Trump ist dafür ein gutes Beispiel. Er will immer Recht haben und immer der Beste sein und Fehler macht er schon gar nicht. Mit dieser Einstellung bleibt ihm gar keine andere Wahl als sich so zu verhalten, wie er es tut. Ob er merkt, dass er Fehler macht oder nicht, ist in diesem Moment tatsächlich egal. Er richtet so oder so maximalen Schaden an. Wer jetzt denkt „Jaaaa, aber ich bin nicht so…“ bemogelt sich selbst. Wir sind alle so. Vielleicht nur nicht so extrem. Aber wenn wir besser werden und den Umgang miteinander besser machen wollen, dann kehren wir am besten erstmal vor der eigenen Tür.

Egal ob im beruflichen oder privaten Kontext: Wie bleiben Sie auch in Zeiten von Corona gelassen?

Natürlich treffen die Beschränkungen mein Geschäft, wie viele andere auch, extrem hart, da ja keine Veranstaltungen, von denen ich hauptsächlich lebe, stattfinden dürfen. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass es immer irgendwie weiter geht. Und ob ich durchdrehe oder nicht, ändert daran nichts. Klar mache ich mir auch Sorgen, aber ich konzentriere mich jetzt auf alles, was geht. Sich darüber aufzuregen, was alles nicht geht, ist wie schaukeln. Man ist schwer beschäftigt, kommt aber nicht vorwärts.


Über die Interviewpartnerin

Anja Niekerken ist die Autorin des Buches „Die Kunst, kein Arschloch zu sein. Gelassen bleiben, wenn andere durchdrehen“. Schreibt sie nicht gerade an ihrer nächsten Publikation, befasst sich sich mit dem Phänomen des „Natural Leaders“, sogenannten souveränen Führungspersönlichkeiten, und vermittelt dies an Seminarteilnehmer und Coachingklienten weiter. Dabei zieht sich ein Motto wie ein roter Faden durch ihre Arbeit: Zuerst muss man immer bei sich selbst anfangen.


kununu Redaktion: Anika Dang


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