Ein gutes Verhältnis mit dem Chef ist wünschenswert. Dein bester Freund sollte dein Chef allerdings nicht sein.

Warum dein Chef nicht dein Freund sein sollte

Nach der Arbeit noch ein Bierchen zischen und im Urlaub gemeinsam Ski fahren: Den perfekten Chef stellen wir uns gerne mal wie einen guten Freund vor. Aber ist es wirklich ratsam, mit der Person befreundet zu sein, die über Gedeih und Verderb deiner Karriere entscheidet? Schließlich kann die freundschaftliche Beziehung zum Chef so einige unangenehme Folgen nach sich ziehen.

Der Chef und du – und die neidischen Kollegen

Für deine Gehaltserhöhung hast du schwer geschuftet: Die letzten Monate hast du praktisch unter deinem Schreibtisch übernachtet und bei deiner letzten Kaffeepause warst du noch Lehrling. Doch was für dich der klar verdiente Lohn deiner Arbeit ist, erweckt bei deinen Kollegen nun Misstrauen und Neid. Wenn du besser mit dem Chef kannst als andere, musst du dir vielleicht den Vorwurf der unverdienten Bevorzugung gefallen lassen. Wahrscheinlich wird dich kein Kollege direkt mit diesem Verdacht konfrontieren. Auf gehässige Kommentare hinter deinem Rücken kannst du dich jedoch schon mal einstellen. Hat der Chef einen Liebling auserkoren, kann es zu einem kühlen bis feindseligen Arbeitsklima im Team kommen. Eifersüchtige Kollegen sollen schon so manche Lieblingstasse zerbrochen oder gar ganze Projekte sabotiert haben. Hier ist ein dickes Fell gefragt.

Ein Freund, der nicht immer hinter dir steht

Mit brennender Leidenschaft hast du dein aktuelles Projekt im Meeting präsentiert: In deinen Augen ein Geniestreich von dem man sich noch lange erzählen wird. Doch irgendwie finden deine Ideen beim Publikum nicht so recht Anklang. Und dann stellt sich auch noch der Chef gegen dich, der beim Vormittagskäffchen noch dein Best Buddy war. Als Führungskraft ist er allerdings zu ehrlicher Kritik verpflichtet. Auch wenn’s weh tut: Schlussendlich verantwortet er Leistung und Produktivität seiner Mitarbeiter. Rein rational verstehst du das auch. Trotzdem empfindest du die Kritik auf vermutlich als kränkender, wenn sie von einem Chef kommt, der gleichzeitig auch dein Freund ist. Schließlich sollten deine Freunde diejenigen sein, die dich wieder aufbauen, wenn einer deiner glorreichen Einfälle mal eine Bruchlandung hinlegt. Und nicht diejenigen, die dich dafür auch noch runtermachen. Hier den Spagat zwischen Freundschaft und Beruf zu schaffen, gestaltet sich meist als schwierig.

Ehrlich gesagt… lieber nicht.

Für eine Krankschreibung beim Arzt reicht es nicht, aber so richtig Lust auf Arbeit hast du heute auch nicht. Trotzdem schleppst du dich irgendwie ins Büro und schlägst die Zeit bis zum Feierabend damit tot, Katzen-Videos zu schauen und dich durch Psycho-Tests zu klicken. So richtig hängst du an deinem Job auch schon lange nicht mehr. Da draußen muss es doch noch mehr geben für dich, oder? Deinen aktuellen Lebenslauf hast du glücklicherweise allzeit bereit auf deinem Desktop gespeichert. Alles Dinge, die man mit einem Freund gefahrlos besprechen kann. Aber mit dem Chef? Egal wie eng die Freundschaft mit deinem Vorgesetzten ist: Gewisse Gedanken wirst du dir im Zwiegespräch trotzdem verkneifen müssen. Aber sollte man in einer Freundschaft nicht immer ehrlich sein können?

„Es liegt nicht an dir, aber…“

Apropos unzufrieden im Job: Was, wenn du irgendwann die Biege machst? Eine Kündigung ist nur in den wenigsten Fällen eine schöne Angelegenheit. Auch wenn alle Zeichen auf Go stehen und du weißt, dass es besser so ist. Dem Chef dann doch von Angesicht zu Angesicht erklären zu müssen, warum du dich trennen möchtest, ist einfach kein Zuckerschlecken. Wenn du mit dem Chef obendrein auch noch eine gute Freundschaft pflegst, verkompliziert das die Situation. „Es liegt nicht an dir, aber…“ Aber woran denn dann? Auch wenn es wirklich nicht an deinem Best-Boss-Forever liegt: Deine Kündigung kann der Freundschaft einen Knacks verpassen. Immerhin lässt du das Team und den Kumpel-Chef zu deinem eigenen Vorteil im Stich. Brutal. Vielleicht wirkt es sich aber auch positiv auf eure Freundschaft aus, wenn ihr beruflich getrennte Wege geht.

Freundschaftliche Kritik reicht nicht

Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon mal der Freundin dreist ins Gesicht gelogen, als sie mit einem gründlich daneben gegangenen Haarschnitt aufgetaucht ist? Oder die versalzenen Ekel-Spaghetti des Partners gelobt, um sie anschließend in einer Topfpflanze zu entsorgen? Wenn dein Chef gleichzeitig ein guter Freund ist, wird er über deine Schwächen wahrscheinlich öfter mal wohlwollend hinwegsehen. Gleichzeitig lehnst du dich auch gerne mal zurück und machst es dir gemütlich, wenn niemand mit der sprichwörtlichen Peitsche hinter dir steht, um dich anzutreiben. Ein Kontrollfreak oder Tyrann sollte der ideale Chef natürlich nicht sein. Doch nur durch ehrliche Kritik und konstruktives Feedback kannst du deine professionellen Fähigkeiten ausbauen und über dich hinauswachsen.

Ein guter Vorgesetzter konfrontiert dich auch mal mit unangenehmen Projekten und weist dich auf deine Schwächen hin. Unter Freunden käme eine erforderliche Kritik dabei oft zu freundlich und zu wenig konfrontierend beim Empfänger an. „Gute Kritikgespräche müssen aber unangenehm sein. Dann hat der Mitarbeiter die Motivation: Solche unangenehmen Gespräche will ich nicht wieder. Also verändert er sein Verhalten.“, beschreibt es Autor Markus Jotzo. In seinem Buch Der Chef den keiner mochte widmet er sich genau diesem Phänomen.  Markus Jotzo erklärt: „Als Freund will ich gemocht werden – und das ist gut so. Als Chef will ich respektiert werden, aber nicht immer gemocht. Ein Freund als Chef ist also ein eindeutiger Widerspruch.“

Schluss machen mit dem Chef

Bestimmt hattest du schon mal einen Freund, mit dem du Nächte durchzechen und jede Lebenskrise bewältigen konntest. Eine Zeit lang wart ihr unzertrennlich, dein BFF und du. Aber plötzlich ist nichts mehr wie es war: Der Freund ist irgendwie komisch, die Stimmung gedrückt. Oft muss nicht mal etwas Bestimmtes vorfallen, um das Ende einer Freundschaft einzuläuten. Privat lassen sich unliebsam gewordene Freundschaften mittlerweile leicht beenden. Da werden WhatsApp-Messages nur mehr sporadisch mit Emojis beantwortet und Snapchat-Nachrichten bleiben immer häufiger ungeöffnet. Irgendwann verläuft das Ganze im Sande, ohne dass es einer großen Aussprache bedarf. Aber was, wenn du den Freund zwangsläufig jeden Tag in der Arbeit siehst? Und was, wenn der Freund obendrein noch deine Karriere in Händen hält? Klar, ihr seid beide erwachsen und professionell… Aber Privates strikt von Beruflichem zu trennen ist so ziemlich die größte Bürolüge seit „Das steht auf meiner To-Do-Liste ganz oben.“ Im Worst Case musst du dich nach dem privaten Aus mit deinem Chef auch beruflich neu orientieren.

Mit dem Chef befreundet: Yay oder nay?

Mit dem Chef abends noch auf den Feierabend anstoßen oder am Wochenende gemeinsam Squash spielen? Beides legitim und beneidenswert. Trotzdem hat die Freundschaft zu einer Person, die nebenbei als Mentor, Motivationstrainer, Coach und gelegentlich auch Richter fungieren muss, ihre Grenzen. Ob der Balance-Akt zwischen Beruflichem und Privatem gelingt, lässt sich per se nicht beantworten. Es hängt stark von dir und deinem Chef ab. Den Risiken und Nebenwirkungen solltest du dir jedoch bewusst sein, bevor du Freundschaftsbändchen mit deinem Vorgesetzten austauschst.

 

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