Studie: Zwei von drei Frauen erleben Sexismus am Arbeitsplatz

Zwei Jahre nach dem medialen Aufschrei im Zuge der #MeToo-Debatte zeigt eine aktuelle Umfrage einmal mehr, dass Sexismus und Machtmissbrauch lange nicht nur in Hollywood oder der Kreativbranche stattfinden. Das alarmierende Ergebnis der Studie: Mehr als zwei Drittel der Frauen in Deutschland haben bereits sexistisches Verhalten oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt.

Deutschland über dem europäischen Durchschnitt

Die Umfrage erfolgte groß angelegt im Auftrag der Brüsseler Stiftung Foundation for European Progressive Studies (FEPS) und ihrer französischen Partnerorganisation Fondation Jean-Jaurès. Insgesamt hat die Marktforschungsfirma Ifop dafür im April dieses Jahres mit je mehr als 1000 Frauen aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Deutschland gesprochen. Anlass für die Durchführung der Studie war die Jährung der #MeToo-Debatte im Oktober vor zwei Jahren, gibt die Stiftung auf ihrer Website an.

Die traurige Erkenntnis: Im europäischen Vergleich erleben deutsche Frauen am häufigsten Sexismus oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Aber auch europaweit sieht es nicht viel besser aus, 60 Prozent der Europäerinnen waren bereits mit solchen Vorkommnissen in ihrer beruflichen Laufbahn konfrontiert. In Deutschland sind es sogar 68 Prozent und damit zwei von drei Frauen.

Millionen Frauen in ganz Europa betroffen

Sexistisches Verhalten und sexuelle Belästigung wurden dabei in verbale, physische und psychische Übergriffe und Belästigung und den Grad der Schwere unterteilt. Fast die Hälfte der Befragten erlebten, was die Studienautoren als visuelle und verbale Übergriffe beschreiben, wie unangebrachte Gesten oder Kommentare. Ein Drittel gab an, schon zumindest einmal unangemessen an Händen, Beinen oder im Gesicht berührt worden zu sein.

Extremere Formen der sexuelle Belästigung kamen zwar deutlich seltener vor als blöde Sprüche und unerwünschte Berührungen. Trotzdem haben auch dies immer noch rund 13 Prozent der befragten Europäerinnen mindestens einmal in ihrer Karriere erlebt. Das mag zwar nach einer weitaus geringeren Anzahl klingen, hochgerechnet sind es aber Millionen Frauen in ganz Europa.

Mit Führungskräften wird selten gesprochen

Trotz des häufigen Vorkommens sprechen betroffene Frauen nur selten mit Führungskräften über ihre Erfahrungen. Zwar fällt auf: Je extremer die Belästigung, desto eher vertrauen sich Betroffene Vorgesetzten an. Dennoch ist es nur ein sehr kleiner Teil. Nur 13 Prozent der Frauen, die unangemessen an intimen Stellen berührt wurden, und 16 Prozent derjenigen, die jemand versucht hat, in eine sexuelle Beziehung zu drängen.

„Resignation ist immer noch die am weitesten verbreitete Strategie im Umgang mit Sexismus und sexueller Belästigung in der Arbeit. Nur sehr wenige schaffen es die Spirale des Schweigens zu durchbrechen. Vor allem ältere Frauen und Frauen, die in einer Situation sind, in der sie sich keinen Konflikt mit Vorgesetzten erlauben können, sprechen nicht über ihre Erfahrungen“ analysiert François Kraus, Director of „Gender, Sexuality and Sexual Health“ bei Ifop, die Ergebnisse.

Die Daten der Studie zeigen aber auch, dass ein Wandel im Umgang stattfindet und junge Frauen zunehmend anders mit Vorfällen umgehen. Betroffene unter 25 Jahren sprechen fast drei Mal so häufig (27 Prozent) mit Vorgesetzten oder Personen in einer ähnlichen Position als ältere Betroffene (10 Prozent). Um die Mentalität und Kultur zu verändern, muss jedoch noch einiges getan werden, zitiert die Süddeutsche Zeitung einen FEPS-Sprecher. Auch in diesem Beitrag aus dem Jahr 2017 haben wir sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz thematisiert, drei Frauen aus unterschiedlichen Branchen haben damals anonym von ihren Erfahrungen berichtet.

Wie geht dein Arbeitgeber mit Sexismus um?

Quelle:

FEPS-Studie