Sexismus am Arbeitsplatz: Was du dagegen tun kannst

Sexismus ist für viele Menschen Teil ihres Arbeitsalltags. Mehr als zwei Drittel der Frauen in Deutschland haben bereits sexistisches Verhalten oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Das öffentliche Bewusstsein für diese Problematik wurde vor allem 2017 durch die Enthüllungen rund um Medien-Mogul Harvey Weinstein geweckt. Hinter den Kulissen von Glanz und Glamour hatte der Filmproduzent Schauspielerinnen sexuell missbraucht und wurde 2020 wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung in mehreren Fällen zu 23 Jahren Haft verurteilt. Die Enthüllungen lösten eine weltweite Debatte über sexuelle Belästigung und Gewalt gegenüber Frauen aus, geführt unter dem Hashtag #MeToo. Denn das Problem ist natürlich nicht auf die Welt der Stars in Hollywood beschränkt. Sexismus am Arbeitsplatz findet überall statt.

Eine Umfrage der Brüsseler Stiftung Foundation for European Progressive Studies (FEPS) und ihrer französischen Partnerorganisation Fondation Jean-Jaurès, die in Folge der #MeToo-Debatte im Jahr 2019 durchgeführt wurde, kommt zu alarmierenden Ergebnissen: Rund 68 Prozent der Frauen in Deutschland haben mindestens einmal sexistisches Verhalten oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Die Zahlen zeigen, dass das Thema nach wie vor aktuell ist. Frauen sind häufiger betroffen, aber auch Männer sind Sexismus am Arbeitsplatz ausgesetzt.

Ab wann ist ein dummer Spruch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz? Was kannst du tun, wenn du selber betroffen bist oder Kolleg:innen? Welche Regelungen und Strafen sieht das Arbeitsrecht bei sexueller Belästigung vor? Wir haben alles Wissenswerte für dich zusammengefasst.

Welche Formen kann Sexismus am Arbeitsplatz haben?

Sexismus äußert sich auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlicher Intensität. Generell lassen sich vier unterschiedliche Formen voneinander abgrenzen:

Struktureller Sexismus

Die strukturbedingte Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt äußert sich vor allem im Verdienstunterschied zwischen den Geschlechtern und der mangelnden Repräsentation von Frauen in bestimmten Berufsgruppen und Führungspositionen. Auch eine schlechtere Ausstattung des Arbeitsplatzes oder eine Benachteiligung im Dienst- und Urlaubsplan kann weibliche Fachkräfte treffen und sind Merkmale einer sexistischen Struktur im Unternehmen. Der Gender Pay Gap veranschaulicht diese strukturbedingte Benachteiligung von Frauen in der Wirtschaft. Demnach lag die Einkommensschwere zwischen Frauen und Männern im Jahr 2020 bei rund 18 Prozent.

Auch die Frauenquote, also der Anteil von Frauen in bestimmten Berufen oder Entscheidungs- und Führungspositionen ist auf sexistische Gliederungen innerhalb von Unternehmen zurückzuführen. Vor allem in Führungspositionen sind Frauen immer noch stark unterrepräsentiert. Laut der letzten Hochrechnung von Statista im Jahr 2020 war in Europa nur jede dritte Person in den Führungsetagen eine Frau (34 Prozent). Diese männerdominierte Arbeitswelt und von geschlechterspezifischen Vorurteilen bestimmten Unternehmensstrukturen münden häufig in einen von Sexismus geprägten Arbeitsalltag für Frauen.

"Die Strukturen der Arbeitswelt müssen weiblicher werden, damit Female Leaders mit ihrer Kraft und ihren Stärken darin wirken können. Denn gerade in Systemen, die immer noch männlich geprägt sind, werden die Stärken der Frauen nicht als solche wahrgenommen – manchmal sogar als das Gegenteil."

Mounira Latrache, Business Coach und ehem. Führungsperson bei RedBull im Interview

Verbaler Sexismus

Wahrscheinlich ist das die weitverbreitetste Art der sexuellen Belästigung – ein unangemessener Spruch kann einem schnell über die Lippen kommen. Beispiele sind anzügliche Witze oder aufdringliche Kommentare das Aussehen oder die Kleidung betreffend. Eine dumme Äußerung ist schnell getan – aber sie kann für das Gegenüber sehr verletzend sein, vor allem, wenn andere Personen anwesend sind (und wenn diese nichts dagegen unternehmen).

Physischer Sexismus

Hierzu zählen jegliche Handlungen mit sexuellem Hintergrund, die vom Gegenüber nicht gewollt sind: Berührungen, Umarmungen und Küsse zum Beispiel, vor allem dann, wenn sie in extremer Form und unter Ausübung von Gewalt geschehen.

Sexuelle Belästigung über digitale Kanäle

Mit voranschreitender Digitalisierung nimmt diese Form der Belästigung zu. Gemeint ist das Versenden von E-Mails, Fotos, Videos, Textnachrichten mit sexuellem Bezug.

Doofer Spruch oder Sexismus? Wann liegt sexuelle Belästigung vor?

Das Empfinden, ob sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vorliegt, obliegt den Betroffenen und ist von Person zu Person unterschiedlich. Der:die eine fühlt sich durch einen doofen Witz belästigt, andere lachen eventuell selbst mit oder revanchieren sich mit einem Konter. Laut dem Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) liegt eine sexuelle Belästigung dann vor, wenn ungewollte sexuelle Handlungen oder Verhaltensweisen die Würde einer Person verletzen. In § 3 Absatz 4 AGG wird sexuelle Belästigung wie folgt definiert:

“Eine sexuelle Belästigung ist eine Benachteiligung (…), wenn ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen gehören, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.”

Wenn nicht von beiden Seiten eine Zustimmung vorliegt, gelten sexuell motivierte Handlungen oder Äußerungen – auch sexistische Sprüche – nach dem Gesetz sehr schnell als sexuelle Belästigung. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist generell verboten! Dabei spielt es keine Rolle, ob sich das Ganze im Büro, auf dem Arbeitsweg, auf einer Weihnachtsfeier oder Dienstreise abspielt. Im Arbeitsumfeld greifen strengere Regeln als im Privatleben.

Warum sexuelle Belästigung uns alle etwas angeht

Sexismus und sexuelle Belästigung sowohl am Arbeitsplatz als auch in anderen Situationen, ist kein neues Thema. In zwischenmenschliche Beziehungen, in denen unterschiedliche Machtverhältnisse aufeinandertreffen (wie am Arbeitsplatz), kann die vermeintlich überlegene Person ihre Macht ausüben. Jahrzehntelang wurde Sexismus am Arbeitsplatz wenig thematisiert und Betroffene alleingelassen. So erschütternd die Enthüllungen der MeToo-Bewegung sind – sie haben vieles ins Rollen gebracht und den Opfern vermittelt, dass niemand sexuelle Belästigung hinnehmen muss.

Die Auswirkungen sexueller Belästigung zeigen sich bei Betroffenen kurzfristig häufig durch Angst, Scham, Hilflosigkeit und Unsicherheit. Langfristige Folgen können sich als Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Panikattacken bis hin zur Arbeitsunfähigkeit äußern.

Sexismus und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat aber nicht nur Folgen für direkt betroffene Personen, sondern für die gesamte Organisation und die Kultur eines Unternehmens. Unternehmen, die Sexismus tolerieren, signalisieren, dass auch andere Formen der Diskriminierung zugelassen werden. Sie riskieren so, eine toxische Unternehmenskultur zu etablieren, in der niemand gerne arbeitet. Um Sexismus zu verhindern, sind sowohl die Unternehmensführung gefragt als auch die HR-Abteilung sowie jede:r einzelne Mitarbeiter:in.

"Wie immer bei sexueller Belästigung geht es um Macht und darum, dass man die persönlichen Grenzen einer anderen Person nicht respektiert. Eine derartige Grundhaltung ist wie ein Virus, der die gesamte Organisation anstecken kann und ein Klima erzeugt, dass niemand, unabhängig vom Geschlecht, angenehm findet."

Dr. Bettina Palazzo, Palazzo Ethics Advisory, Expertin für Unternehmensethik

Sexismus am Arbeitsplatz: Pflichten des Arbeitgebers

Unternehmen sind gemäß § 12 AGG dazu verpflichtet, ihre Beschäftigten vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Betroffene Opfer haben das Recht, sich zu beschweren und können unter Umständen die Arbeitsleistung verweigern. Unternehmen müssen Beschwerden prüfen und Maßnahmen treffen, um zu verhindern, dass sich Belästigungen wiederholen. In besonders schwerwiegenden Fällen kann der/die Täter:in fristlos ohne Abmahnung gekündigt werden.

Sexismus am Arbeitsplatz – Was du tun kannst als Betroffene:r

Egal ob Mann oder Frau – für viele betroffene Personen ist die Hemmschwelle, sich zu wehren oder etwas zu unternehmen, sehr hoch. Häufig schämen sich die Opfer, dass sie betroffen sind. Sexuelle Belästigung stellt eine perfide Form der Erniedrigung und Demütigung dar. Dies gilt ganz besonders, wenn der Sexismus von einer Vorgesetzten oder in der Hierarchie höher Person ausgeht. Der Chef/die Chefin kann die Machtposition ausnutzen, um die Autorität von Mitarbeiter:innen herabzusetzen.

Unabhängig davon, ob die sexuelle Belästigung von einer Kollegin/einem Kollegen ausgeht oder von dem/der Vorgesetzten: Um aus der Situation herauszukommen, müssen Betroffene über den eigenen Schatten springen und aktiv werden, auch wenn das schwerfällt.

Kommuniziere klar und unmissverständlich

So frustrierend es ist: Abzuwarten und darauf zu hoffen, dass die dummen Sprüche oder übergriffigen Handlungen irgendwann aufhören, bringt meistens wenig. Im Gegenteil: Sexistisch motivierte Täter:innen verstehen Schweigen oft als Zustimmung. Wenn du dich bedrängt fühlst, formuliere ein lautes und deutliches „Nein“ und gib deinem Gegenüber klar zu verstehen, dass du den Äußerungen und/oder Handlungen nicht zustimmst. Dokumentiere die sexistischen Äußerungen: Wer hat was wann gesagt? Wer könnte es mitbekommen haben?

"Wenn du dich z. B. an die Geschäftsführung wendest, dann brauchst du konkrete Belege. Vielleicht gewinnst du auch eine:n Kolleg:in als Zeug:in. Das kritische Gespräch gilt es dann gründlich vorzubereiten: Warum schadet das Benehmen der Kolleg:innen dir und dem Unternehmen? Was sollte getan werden? Übe das Gespräch, damit du sachlich und professionell argumentieren kannst. Das zeigt deine Führungskompetenz. Wenn du auf taube Ohren stößt, ist es Zeit, zu gehen und einen Kommentar auf kununu zu hinterlassen."

Dr. Bettina Palazzo, Palazzo Ethics Advisory, Expertin für Unternehmensethik

Suche dir eine Vertrauensperson

Gerade weil die Grenzen zwischen sexistischen Äußerungen und sexuellen Übergriffen so fließend ist, solltest du dir eine Person im Unternehmen suchen, der du vertrauen kannst und mit der du dich austauschen kannst. Häufig hilft es Betroffenen, die eigenen Gefühle zu verbalisieren und sie mit jemandem teilen zu können.

Holt Hilfe

Wir haben oben schon beschrieben, dass Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet sind, ihre Mitarbeiter:innen vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Wenn du Sexismus-Vorfälle meldest, zum Beispiel in der HR-Abteilung, ist dein Arbeitgeber also verpflichtet, etwas zu unternehmen – und zwar so, dass Betroffene anonym bleiben. In großen Unternehmen gibt es eine:n Gleichstellungsbeauftragte:n für Fälle von Diskriminierung. Auch der Betriebsrat kann eine Anlaufstelle sein.

Es gibt auch öffentliche Stellen, die kostenlose Beratung anbieten, entweder telefonisch oder über einen Chat auf der Website:

  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“; Tel.: 08000 - 116 016 (Deutsches Telefonnetz)
  • Hilfe- und Beratungsstelle der Antidiskriminierungsstelle des Bundes; Tel.: 0800 - 546 546 5 (Deutsches Telefonnetz)
  • In der Schweiz gibt es in jedem Kanton eine Anlaufstelle. Die Übersicht findest du hier
  • In Österreich bietet die Arbeiterkammer Wien eine Telefonberatung; Tel.: 0670 - 600 70 80 (Österreichisches Telefonnetz).

Wenn es hart auf hart kommt, kann es sinnvoll sein, eine Beratung durch Anwaltsbüro für Arbeitsrecht in Anspruch zu nehmen.

Sexismus am Arbeitsplatz – Was du tun kannst als Beobachter:in

Du hast mitbekommen, wie ein Kollege immer wieder das Opfer von anzüglichen Sprüchen geworden ist? Du warst Zeug:in, wie eine männliche Führungskraft einer Kollegin an den Hintern gefasst hat? Sexismus und sexuelle Belästigung haben viele Facetten. Betroffene empfinden solche Situationen oft als erniedrigend und als peinlich – sie fühlen sich machtlos und wissen nicht, wie sie sich wehren können. Wenn du mitbekommst, dass es in deinem Unternehmen sexuelle Übergriffe gibt, solltest du aktiv werden, um dem/der Betroffenen zu helfen. Sprich ihn/sie an. Frag nach, wie es der Kollegin/dem Kollegen geht. Biete dich als Vertrauensperson an. Überlegt gemeinsam, wen ihr im Unternehmen um Hilfe bitten könnt. Hilf der betroffenen Person, aktiv zu werden und Unterstützung zu bekommen. Auch als Beobachter:in von sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz kannst du dich bei den oben genannten Anlaufstellen beraten lassen.

Sexismus am Arbeitsplatz – Was du als Vorgesetzte tun kannst/musst

Als Vorgesetzte:r trägst du Verantwortung für deine Mitarbeiter:innen. Solltest du in deinem Team sexistisch motivierte Äußerungen oder Handlungen mitbekommen, bist du verpflichtet, etwas zu unternehmen. Erst Recht, wenn ein:e betroffene:r Kollege:in sich dir offenbart. Laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Mitarbeiter:innen vor jeglicher Form der Diskriminierung zu schützen – dazu zählen auch Sexismus beziehungsweise sexuelle Übergriffe. Um die richtigen Schritte zu gehen, solltest du zunächst intern Rücksprache halten, zum Beispiel mit der HR-Abteilung oder dem/der Gleichstellungsbeauftragten des Unternehmens.

"Interessensvertretungen haben die Rolle, Mitarbeitende zu schützen. Deshalb sollten sie immer ein offenes Ohr für Fälle von Sexismus aus der Organisation haben. Dafür braucht man zunächst eine gewisse Sensibilität dafür, in welchen Formen Diskriminierung und sexuelle Belästigung auftreten können. Häufig ist das nämlich gar nicht so einfach, da Diskriminierung und sexuelle Belästigung oft in Form von Mikroaggressionen und in subtiler Weise auftreten."

Dr. Bettina Palazzo, Palazzo Ethics Advisory, Expertin für Unternehmensethik

Auch wenn du nur den Verdacht hast, dass ein Mitglied deines Teams Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ist, solltest du aktiv werden. Suche auf einfühlsame Weise das Gespräch und biete deine Hilfe an. Stimme dich dabei mit der HR-Abteilung deines Unternehmens ab.

letztes Update: 18. Mai 2022