Ausbildungstrends 2026
Nein zum Studium: Warum immer mehr Abiturienten eine Lehre machen
Studieren war lange der automatische nächste Schritt nach dem Abitur. Heute entscheiden sich immer mehr Abiturient:innen bewusst gegen den Hörsaal und für die Werkbank oder den Schreibtisch im Betrieb. Was steckt hinter diesem Wandel – und lohnt er sich auch finanziell?
Warum das Abitur nicht mehr automatisch zur Uni führt
Der Grund dafür ist vor allem ein Umdenken. Eine Lehre bedeutet von Tag eins an eigenes Geld, echte Praxiserfahrung und einen deutlich früheren Berufseinstieg als ein Studium, das oft erst nach Jahren zu einem ersten Gehalt führt. Auch praktische Aufgaben zu übernehmen statt theoretisches Fachwissen zu studieren ist für viele Abiturient:innen attraktiv.
Besonders gefragt sind bei Abiturient:innen dabei nicht die klassischen Handwerksberufe, sondern kaufmännische und technische Ausbildungen mit klarer Perspektive. Ganz vorn liegt laut FIBS-Daten die Sozialversicherungsfachangestellte: Fast 70 Prozent der Azubis in diesem Beruf haben Abitur. Und finanziell zahlt sich das aus:
- Sozialversicherungsfachangestellte:r: ab rund 1.280 Euro im ersten Lehrjahr, danach im Schnitt 4.358 Euro brutto monatlich.
- Immobilienkauffrau/-mann: rund 1.170 Euro Ausbildungsgehalt, danach im Schnitt 3.933 Euro brutto monatlich.
- Fachinformatiker:in Systemintegration: ab rund 1.115 Euro in der Ausbildung, danach im Schnitt 3.425 Euro brutto monatlich.

Der zweite Grund: Gestiegene Anforderungen in der Ausbildung
Neben dem finanziellen Vorteil spielt auch die fachliche Entwicklung der Berufe selbst eine Rolle. Bildungsforscher Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS) erklärt: Viele Arbeitgeber machen die Erfahrung, dass Bewerber:innen mit mittlerem Schulabschluss teils Probleme mit Deutsch und Mathe haben. Das führt dazu, dass manche Unternehmen in Stellenausschreibungen gezielt Abiturient:innen ansprechen, etwa indem sie zusätzliche Inhalte wie Personalführung einbauen, um die Stelle für diese Zielgruppe attraktiver zu machen.
Dazu kommt: Die fachlichen Anforderungen sind in vielen Ausbildungsberufen selbst gestiegen. Aus dem klassischen Kfz-Mechaniker ist der Kfz-Mechatroniker geworden, bei dem Computertechnik und komplexe Arbeitsabläufe zum Alltag gehören. Wer diese Anforderungen erfüllen will, bringt mit Abitur oft die besseren Startvoraussetzungen mit.
Die Lehre ist längst nicht mehr auf Rückzug
Die Zahlen sind eindeutig. Bundesweit hatte laut Statistischem Bundesamt 2021 fast ein Drittel der angehenden Azubis Hochschulreife, fast sieben Punkte mehr als zehn Jahre zuvor. Selbst im Handwerk, wo Abiturient:innen traditionell rar sind, hat sich ihr Anteil in 20 Jahren verdreifacht.
Der Trend zu mehr Abiturient:innen in der Ausbildung zeigt vor allem eines: Eine Lehre ist für viele junge Menschen keine zweite Wahl mehr, sondern eine bewusste, oft finanziell attraktive Alternative zum Studium. Wer nach der Ausbildung will, kann trotzdem noch studieren oder sich weiterbilden, etwa zum Meister oder Fachwirt, und bringt dann bereits Berufserfahrung und eigenes Geld mit, statt erst nach Jahren an der Uni ins Berufsleben zu starten.