KI im Arbeitsalltag
Diese KI baut absichtlich Tippfehler in E-Mails ein – aus gutem Grund
Programme wie Grammarly korrigiert Tippfehler. Diese Browser-Erweiterung baut sie wieder ein. Absichtlich. Was nach einem schlechten Witz klingt, ist das logischste Produkt, welches in 2026 entstehen könnte.
KI in der E-Mail Kommunikation ist zum Standard geworden
Wer heute eine fehlerfreie, gut strukturierte E-Mail bekommt, denkt oft absurderweise: KI. Nicht weil makellose Texte früher unmöglich waren, sondern weil sie inzwischen so verbreitet sind, dass Perfektion selbst zum Verdachtsmoment geworden ist.
In diese Lücke stößt Sinceerly, eine Chrome-Erweiterung eines Harvard-Studenten. Die baut genau das ein, wogegen Schreibtools (und Deutschlehrer:innen) Jahrzehnte gekämpft haben: Fehler im Text.
Ben Horwitz, Student an der Harvard Business School und Investment Partner beim Dorm Room Fund, hatte genug. Sein Posteingang füllte sich mit Nachrichten, die alle gleich klangen: glatt, strukturiert, austauschbar.
Seine Antwort darauf war eine App, die er selbst das „Anti-Grammarly“ nennt. Die Erweiterung markiert Änderungen in Gelb und lässt Nutzer:innen mit einem Klick entscheiden, was übernommen wird. Entwickelt hat er das Tool in seiner Freizeit zwischen Vorlesungen, mit Hilfe von Claude, dem KI-Modell von Anthropic.

Tippfehler als Vertrauenssignal: So funktioniert die Erweiterung
Sinceerly bietet drei Modi:
- „Subtle“ macht kleine Eingriffe: weniger Füllwörter, mehr Kontraktionen, ein einzelner Tippfehler am Anfang.
- „Human“ geht weiter und schreibt Texte in einem lockeren, fehlerbehafteten Stil um.
- „CEO“ produziert das Gegenteil von allem: extrem kurze, direkte Nachrichten, so knapp wie die meisten Mails von Führungskräften tatsächlich aussehen.
Der Gedanke dahinter: Wer KI-Texte als solche erkennt, weil sie zu poliert sind, glaubt dem Absender weniger. Ein kleiner Fehler, eine informelle Formulierung, ein Satz der nicht ganz rund ist, all das signalisiert: Hier schreibt Mensch.
Das Tool trifft einen Nerv, weil das Problem real ist. Laut einer Studie von Salesforce aus 2025 geben 68 % der Berufstätigen an, KI-generierte Texte in ihrer täglichen Kommunikation zu verwenden. Was als Produktivitätstrick begann, hat die Inbox in etwas verwandelt, das sich zunehmend unpersönlich anfühlt. Sinceerly ist nicht das erste Tool, das versucht, KI-Texte menschlicher klingen zu lassen.
Das eigentliche Paradox hinter dem viralen Tool
Und hier liegt die eigentlich interessante Frage, die der Fall aufwirft. Wir nutzen KI, um schneller und besser zu schreiben. Dann nutzen wir wieder KI, um das Ergebnis absichtlich zu verschlechtern, damit es wieder wie ein Mensch klingt.
Was Sinceerly sichtbar macht, ist ein Vertrauensproblem. Genauigkeit und Perfektion sind verdächtig – und die Messlatte für Authentizität in der Kommunikation damit neu gesetzt.