Dein Kollege verdient mehr als du?

Auch wenn wir aus unseren Gehaltszetteln ein großes Geheimnis machen, setzen wir selbst gern unsere ganzen 007-Spionagefähigkeiten gegen unsere Kollegen ein. Denn ob wir es wollen oder nicht, auf die Frage „Verdient mein Kollege mehr als ich?“ hätten wir alle gerne eine Antwort – am liebsten natürlich ein „Nein, natürlich nicht“. Aber was, wenn du beim Gehalt doch das kleinere Los gezogen hast? Verhandlungsexpertin Claudia Kimich weiß, was du tun kannst, damit du das nächste Match für dich entscheidest.

kununu: Über Geld spricht man nicht – oder kann ich meine Kollegen einfach fragen, was sie verdienen?

Claudia Kimich: Klar kann „man“ einfach fragen. Die Frage, die sich mir dabei sofort stellt, ist: Wer ist eigentlich „man“? Beim Thema Geld fällt es schwerer als sonst, zu sich zu stehen und von „ich“ zu sprechen. Dabei sollte man aber genau das tun, dann sind die Leistungen auch klar zu zuordnen.

Rechtlich gesehen darf man über Geld sprechen: Zumindest ist der Paragraph darüber, der das Sprechen über’s Gehalt im Arbeitsvertrag mit fristloser Kündigung bestraft, laut meinen Juristenkontakten nichtig. Es geht hier meiner Meinung nach viel mehr um den Mut, es zu tun. Je offener wir selbst mit dem Thema Geld umgehen, desto offener wird hoffentlich auch unser Umfeld. Mein Tipp: Probiert es aus, vielleicht nicht gleich beim Chef oder dem ungeliebtesten Kollegen, sondern erstmal im Freundeskreis.

Als Neider würden sich nur die wenigsten von uns bezeichnen. Doch wann ist dieses ungute Bauchgefühl den besser verdienenden Kollegen gegenüber berechtigt?

Grundsätzlich finde ich es in Ordnung, wenn jemand gut verhandelt und dann auch mehr verdient. Solange es nicht geschlechtsspezifisch oder sonst irgendwie unfair ist und vor allem solange nicht offiziell behauptet wird, dass alle gleich verdienen.

Wenn ich ein schlechtes Bauchgefühl habe, sollte ich dem nachgehen und selbst nochmal verhandeln. Bedenkt dabei immer: Es geht bei einer Gehaltsverhandlung um Leistung gegen Geld und nicht um das, was ihr zum Leben braucht oder den Vergleich mit dem Kollegen. Klar könnt ihr fragen, warum der Kollege für die gleiche Leistung mehr Geld bekommt und möglicherweise danach eure Argumentation aufstocken.

Ich bin in einer gleichrangigen Position wie mein Kollege – verdiene aber weniger. Was kann ich tun, wenn ich mich unfair bezahlt fühle? Welche Maßnahmen kann ich ergreifen?

Oft ist es schwierig, die tatsächliche Gleichrangigkeit festzustellen, da sehr viele Fakten wie Aufgaben, Erfahrung, Alter, Betriebszugehörigkeit neben dem Verhandlungsgeschick ausschlaggebend sind. Am besten setzt ihr eine Gehaltsverhandlung an und bereitet euch sehr gut darauf vor.

Natürlich könnt ihr seit dem 6.01.2018 nach dem Transparenz-Gesetz bei einem Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern Auskunft über den Mittelwert der Bezahlung der gleichen Positionen verlangen. Das ist allerdings nur ein Auskunftsrecht und kein Recht auf mehr Kohle. Dann heißt es zurück auf Los, keine 4.000 Euro einziehen und verhandeln üben.

Wenn es um’s Geld geht, macht es einem der Vorgesetzte selten leicht. Wie argumentiere ich am besten, dass ich mehr Gehalt verdienen sollte?

Schreibt euch vorher gut auf, an welchen Projekten ihr beteiligt seid, was genau euer Anteil an den Projekten ist und vor allem was der genau Nutzen für das Unternehmen aus eurer Arbeit ist. Der zweite wichtige Punkt ist euer Verhandlungsgegenüber. Analysiert, ob ihr eher einen Daten, Zahlen, Fakten-Typ, einen Machtmensch, einen Selbstdarsteller oder einen Beziehungsmenschen vor euch habt. Stellt euch darauf ein und bereitet eure Verhandlung typgerecht vor, z.B. das Excel-Sheet für den Zahlentyp, schlagfertige Antworten für den Machtmensch, „Scheinwerfer“ für gutes Licht auf den Stardarsteller und eine gute, kommunikative, faire, loyale Ebene für den Beziehungstyp.

Übt vorher, bis euch die Ohren qualmen, gerne mit Freunden oder einem Profi und vor allem laut. Nehmt euch zum Check auch auf Video auf. Geht selbstbewusst, gut vorbereitet, fit und gesund in eure Verhandlung.

Was, wenn man selbst der Kollege ist, der mehr verdient. Wie kann ich mich vor meinen Kollegen rechtfertigen – ohne überheblich und unkollegial zu sein?

Das halte ich generell für keine gute Idee. Denn wenn ich mein Gehalt zu Recht verdiene, brauche ich dieses nicht zu rechtfertigen, sondern verdiene es eben. Soweit das Wortspiel, jetzt zur Realität. Mein Vater hat immer gesagt, Mitleid bekommst du geschenkt, Neid musst du dir hart erarbeiten. Wenn du es also geschafft hast, dann entscheide offen damit umzugehen, ohne zu prahlen. Als guter Kollege teilst du dein Wissen und gibst Tipps für die bessere Verhandlung weiter. Oder halt‘ die Klappe, genieße schweigend und lass es möglichst wenig raushängen.

Welchen Rat würdest du jedem bei seinem Verhandlungsgespräch mit auf den Weg geben?

Steh zu dir und deinen Leistungen. Vertritt sie aufrecht und fordere deinen Wert immer wieder ein. Bleib dran und sei hartnäckig. Dann klappt’s auch mit der erfolgreichen Gehaltsverhandlung. Viel Glück, Spaß und Erfolg!

 


Über die Expertin:

Als Verhandlungsexpertin und XING-Coach weiß Claudia Kimich, wann unser Selbstbewusstsein beim Gespräch mit dem Chef einen „Tritt in den Hintern braucht“. Seit über 20 Jahren zeigt sie, wie man den „Vehandlungstango“ richtig tanzt . Das Ziel der Autorin von „Verhandlungstango“ und „Um Geld verhandeln“ in der Arbeitswelt ist es, dass Männer und Frauen gleich bezahlt werden und die gleichen Chancen bekommen.