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12-Stunden-Tag: Warum das neue Arbeitszeitmodell für Aufregung sorgt

Was bewegt 100.000 Österreicher dazu, mit durchgestrichenen 12er-Schildern durch die Straßen Wiens zu ziehen und lauthals ihren Unmut kund zu tun? Richtig, der 12-Stunden-Tag. Neben zahlreichen Betriebsversammlungen, über 17.000 Down-Votes auf YouTube und gespaltenen politischen Meinungen, erzürnt er die Gemüter der Arbeitnehmer. Was der Grund für den Unmut ist und ob sich die deutschen Nachbarn auch in Acht vor dem Arbeitszeitmodell nehmen müssen, erfährst du hier.

Was du wissen solltest

Oft wird den Österreichern ja das Prädikat „gemütlich“ zugeschrieben. In die Arbeit gehen, Kaffee trinken, mit den Kollegen plaudern, Feierabend-Bier trinken und wieder nach Hause fahren. Falsch gedacht! Denn in der Tat liegen Österreichs Vollzeitbeschäftigte im EU-Spitzenfeld und arbeiten durchschnittlich rund 41,1 Stunden pro Woche, wobei sie 2017 249,6 Millionen Überstunden leisteten. Um in derartigen Statistiken auch noch Großbritannien und Zypern zu überholen, hat sich die neue schwarz-blaue Regierung (bestehend aus ÖVP und FPÖ) ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Die Österreicher sollen noch länger arbeiten. Damit ist aber nicht die hunderttausendste Pensionsreform gemeint, sondern ein neues Arbeitszeitmodell. Nach langen Diskussionen, was ja ganz untypisch für die österreichische Politik ist, ist es nun beschlossene Sache. In Zukunft sollen Arbeitnehmer bis zu zwölf Stunden pro Tag arbeiten dürfen – statt bisher zehn – sowie in der Woche auf die bisherigen 40 Stunden noch einmal 20 Stunden drauflegen dürfen. Bisher war die Maximalarbeitszeit Verhandlungssache der Betriebsräte, jetzt ist sie für alle Branchen einheitlich festgelegt. [1] 

1,2,3 gesetzliche Veränderungen

Bedeutet der 12-Stunden-Tag, dass wir noch länger im Büro sitzen müssen? Nein, denn dein Vorgesetzter darf nur in Ausnahmefällen Überstunden bis zu zehn Stunden anordnen, die elfte und zwölfte Stunde ist im neuen Gesetzestext als „freiwillig“ festgelegt. Doch wer traut sich schon, dem Big Boss die Stirn zu bieten, wenn er deine fleißige Arbeitskraft als unverzichtbar einstuft? In Österreich gibt es nämlich keinen generellen Kündigungsschutz. Wer zu lange gegen die angeordneten Überstunden wettert, kann ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. Einziger Lichtblick: Überstunden bleiben weiterhin zahlungspflichtig! Denn FPÖ-Vizekanzler Heinz Christian Strache versichert: „Wir werden sicherstellen, dass sich der Mitarbeiter aussuchen kann, ob Überstunden ausbezahlt werden oder Zeitausgleich genommen wird.“ [2] 

Müssen die Deutschen in Deckung gehen?

Wie wir bereits von einigen deutschen Ex-Politikern wissen, lieben sie ja Plagiate. Warum also nicht auch das Arbeitszeitmodell von den Nachbarn abschauen? In etlichen anderen EU-Ländern ist es bereits seit längerer Zeit Standard, zwölf Stunden pro Tag arbeiten zu können. Begrenzen tut das Ganze allerdings noch eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2003. Laut dieser darf nämlich die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nicht mehr als 48 Stunden betragen. Wozu dann überhaupt 60-Stunden-Wochen? Tja, es darf leider gesetzlich zu Überschreitungen kommen, solange sie innerhalb eines Jahres wieder ausgeglichen werden. Deutschland ist diese Regelung vertraut, denn 60-Stunden-Wochen sind hier bereits lange erlaubt. Ob jedoch auch bald der 12-Stunden-Arbeitstag ins Land einziehen wird, steht wohl noch in den Sternen! [3] 

Für jede Stunde eine andere Meinung

Eigentlich ist die Idee auch in Österreich nicht neu, schließlich stellte den 12-Stunden-Arbeitstag erstmals die schwarz-rote Vorgängerregierung vor. Trotzdem spalten sich die Meinungen in der österreichischen Politik. Während die Bundesregierung heute beschloss den 12-Stunden-Tag ab 1. September einzuführen und das mit der Stellungnahme „Wenn Arbeitnehmer wollen, können sie mehr arbeiten und bei vollen Zuschlägen mehr Geld verdienen oder mehr Freizeitblöcke in Anspruch nehmen“ rechtfertigte, ist Oppositionsführer Christian Kern noch immer anderer Meinung: „Wenn die Bundesregierung so sicher ist, 12-Stundentag und 60-Stundenwoche zu wollen, dann werden wir am Donnerstag einen Antrag auf Volksabstimmung einbringen“. Zur Rebellion in den eigenen Reihen kam es bereits in der FPÖ: Nach dem Zurücklegen seines Amtes als stellvertretender Bundesobmann der Freiheitlichen Arbeitnehmer meint Heribert Mariacher: „Das ist keine Arbeitnehmerpolitik mehr, dafür haben uns die Menschen nicht gewählt.“ [4] 

Familie und Freizeit bleibt auf der Strecke

Im Moment sind 93,4 Prozent der Nachwuchs-Österreicher in Kinderbetreuungstätten untergebracht. Ganz schön viel, oder? Das macht nämlich eine Anzahl von 9297 Kindertagesheimen aus, wovon allerdings nur 965 länger als 12 Stunden geöffnet haben. Wohin sollen also unsere Kinder, wenn man den Weg ins Büro auch noch auf die Arbeitszeit aufrechnet? Bedacht hat dieses Problem bisher wohl kaum jemand, dafür macht sich Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl Sorgen um die Pendler. Die Unfallgefahr würde nach derart langen Arbeitszeiten drastisch ansteigen, die Bahnfahrer würden außerhalb der Stoßzeiten mit erheblich längeren Wartezeiten kämpfen. „Erst bis zur Erschöpfung arbeiten, dann in der Dunkelheit ins Auto oder auf den Bahnsteig und noch eine lange Heimfahrt vor sich: das wäre der generelle 12-Stunden-Tag für Millionen Pendlerinnen und Pendler in Österreich“, so Anderl. [5] 

Österreicher werden „ungmiatlich“

Lautes Pfeifen, empörtes Gröhlen und Transparente mit der Aufschrift „Geht’s 12 Stunden scheißen“ spiegeln die Stimmung der 100.000 Protestanten am 30. Juni wieder. Binnen kürzester Zeit organisierte der österreichische Gewerkschaftsbund die größte Demonstration seit 2003. Den Grund dafür erklärt Anderl folgendermaßen: „Wir haben ein tolles System mit der Sozialpartnerschaft. Jetzt wird versucht, ohne Sozialpartner Gesetze durchs Parlament zu bekommen. Wir zeigen heute, ohne uns geht gar nichts“. Doch nicht nur die Arbeitnehmer rebellieren, auch die Österreichische Industriellenvereinigung schließt sich der rebellischen Atmosphäre an: Direkt vor dem Gebäude des ÖGB am Wiener Donaukanal platzierte die IV nämlich einen Plakatturm mit den Slogans „Der generelle 8 Stunden-Tag bleibt erhalten.“, „Der generelle 12-Stunden-Tag ist ein Märchen.“ Keine schönen Aussichten für die Wiener Gewerkschafter! [6] 

Der Kreativität geht’s gut!

„Geht’s der Erna gut, geht’s dem Werner gut!“. Ein Ohrwurm, den wohl so mancher Österreicher seit einigen Wochen plagt. Denn für Werbezwecke investierte die Wirtschaftskammer Österreich nicht nur rund 60.000 Euro in die Videoproduktion, sondern stoppte die Werbekampagne für den 12-Stunden-Arbeitstag auch bereits nach kurzer Zeit. Der Grund dafür? Mehr als 8.157 Dislikes auf YouTube, die lediglich 187 Likes gegenüberstehen und weniger schmeichelhafte User-Kommentare. „Dreister Versuch schlechte Neuigkeiten in Knetmasse zu verpacken und mit einem unterdurchschnittlich schlechten Popsong zu begleiten“, meint etwa Nutzer MrElMoody. Ins Radio hat es der Song immerhin trotzdem geschafft, wo er nun die österreichischen Pendler am täglichen Weg in die Arbeit begleitet. [7] 

 

 

Quellen:

[1] diepresse.com

[2] diepresse.com

[3] diepresse.com

[4] krone.at

[5] kurier.at, ots.at

[6] heute.at

[7] news.at, youtube.com