Familienfreundlichkeit ist mehr als Schnuller und Windeln

Unternehmen profitieren, wenn sie familienorientiert agieren – ganz klar. Vor 10 – 15 Jahren bedeutete das in etwa, dass damals fortschrittliche Unternehmen eine betriebliche Kinderbetreuung sowie flexible Arbeitszeiten einführten. Das war’s dann auch schon. Inzwischen ist das tradierte Rollenbild überholt. Familie ist mehr als nur Kinder. Aus diesem Grund sollte heutzutage mehr als Kinderbetreuung angeboten werden. Mehr dazu weiter unten.

Familie ist mehr als Vater, Mutter, Kind

Im aktuellen Ringen um Fachkräfte – d.h. Leute die eine passende, besondere Qualifikation für eine Stelle haben – erweitern moderne Unternehmen ihr Angebot. Familie funktioniert nicht mehr nur nach dem Schema „Vater, Mutter, Kind“. Familie ist mehr. Familie ist Vielfalt. Jeder ist einmal ein Kind gewesen und die meisten haben oder werden sich auch mit der Pflege der eigenen Eltern auseinandersetzen müssen. Zugleich schließt Familie bei einigen oft auch den vierbeinigen Familienteil mit ein – wie beispielsweise Sunny bei mir.

Warum Kinderbetreuung nicht genug ist

Gerade deshalb müssen Unternehmen flexibler sein und mehr anbieten als eine bloße Fokussierung auf Kinderbetreuung, z. B. wenn im Falle einer Betriebs-Kita viel Geld dafür in die Hand genommen wird. Das ist nicht ideal, weil es möglicherweise viele Mitarbeiter ausschließt und schürt vielleicht sogar Neid oder Missgunst in der Belegschaft. Hier sieht Laura Esnaola eine Alternative: Lebensphasenorientierte Angebote zur Förderung der Work-(Family)Life-Balance. Das klingt vielleicht sehr technisch und sperrig – aber ist ziemlich einleuchtend.

Die Top 5 Angebote familienfreundlicher Unternehmen

1. Kinderbetreuung

Deutschland hat den Kita-Ausbau aggressiv vorangetrieben und eine bundesweite Abdeckung aufgebaut. Nun geht es eher um Zusatzlösungen für die Randzeiten. Die Betreuungszeiten der Kita enden oft vor Arbeitsschluss. Da helfen zusätzliche (private) Angebote für Schichtarbeiter und in Ferienzeiten.[1] Ein weiterer Bedarf besteht bei Fortbildungen oder Veranstaltungen, auch wenn sie nicht häufig vorkommen. Eltern brauchen oft ergänzende Unterstützung, etwa jemanden, der die Kinder von der Kita abholt oder Betreuung am Fortbildungsort, damit die Kinder mitreisen können.

2. Neue Väter

Immer mehr Väter nutzen eine Elternzeit, die ihnen zusteht, und viele wollen auch darüber hinaus mehr familiäre Verantwortung übernehmen. Leider gibt es immer noch viele Hürden im betrieblichen Alltag. Unternehmen sollten selbstkritisch hinterfragen, ob sie familienfreundliche Maßnahmen ­­geschlechtsneutral kommunizieren, angefangen beim Vorstellungsgespräch. In der Praxis hat sich vor allem das Verhalten männlicher Vorgesetzter als kritisch für den Erfolg bewiesen.

3. Pflege

Im Gegensatz zur Kinderbetreuung kann ein Pflegefall schnell und ungeplant passieren. Pflegekosten sind hoch, attraktive Pflegeplätze und Fachpersonal rar.[2] Den Mitarbeitern ist im ersten Moment am meisten durch eine kompetente Beratung geholfen, die Arbeitgeber im Rahmen ihrer Benefits anbieten sollten. Der Wunsch vieler Menschen ist es, solange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Da hilft oft schon der Zugang zu Dienstleistungen, die den Alltag entlasten, etwas eine Einkaufshilfe oder eine Putzkraft.

4. Tierbetreuung

Moderne Arbeitgeber gestattet Hunde am Arbeitsplatz – wenn dies möglich ist. Nicht überall geht das. Beispielsweise Krankenhäuser oder Supermärkte können Hunde nicht einfach so erlauben. Da wäre als Lösung der Zugang zu Hundesittern oder auch eine gemeinsame Betreuung während der Arbeitszeit denkbar.

5. Haushalt

Für die einen ist es Entspannung, für die anderen eine Last. Fest steht, wer Hausarbeit abgibt, hat mehr Zeit für die Familie, Sport/Gesundheit, Hobbys. Wie wäre es, wenn der Arbeitgeber hilft Aufgaben wie Wohnungsputz in andere Hände abzugeben?

Und was bleibt?

Jeder Mitarbeiter hat in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Bedürfnisse. Als Unternehmen braucht es sicherlich beides: Mitarbeiter in familienbedingter Teilzeit und Vollzeitmitarbeiter, die in Phasen der stärkeren Belastung einspringen. Es ist ein Geben und Nehmen, denn eines Tages wird sich der Bedarf umkehren. Mit passenden familienbewussten / und häufig kosteneffizienten Benefits können Unternehmen Mitarbeiter gewinnen und langfristig binden. Dabei ist wichtig zu berücksichtigen dass eine Gleichung „Familie = Kinder“ heutzutage zu eng ist. Arbeitgeber profitieren, wenn sie sich um eine erweiterte Familienfreundlichkeit (Kinder, Tiere, Pflegebedürftigkeit,…) Gedanken zu machen. Zudem können Arbeitgeber die Mitarbeiter in Ausnahmesituationen, zum Beispiel bei Pflegefällen in der Familie, gezielt unterstützen und ihnen die schnelle Rückkehr in eine Vollzeit(nahe)-Beschäftigung erleichtern.

Über Laura Esnaola

Als Geschäftsführerin der Care.com Europe GmbH weiß Laura Esnaola ganz genau, was Unternehmen am Herzen liegt. Sie berät Personalverantwortliche zu den Themen Vereinbarkeit, Work-Life-Balance und Employee Benefits. Esnaola wuchs dreisprachig auf, arbeitete und lebte bereits in über 20 Ländern, darunter die USA, Spanien, Argentinien und China. Auf diese Weise lernte sie verschiedenste Unternehmenskulturen und Führungsstile kennen. Durch ihre knapp 100 Mitarbeiter erfährt Esnaola jeden Tag aufs Neue, wie wichtig ein Ausgleich zwischen Berufsalltag, Privatleben und Freizeit ist. Denn nur zufriedene Angestellte sind gute und auch gewinnbringende Mitarbeiter. Ihr Credo: If it’s working at home, it’s working at work.

 

Über Steffen Zoller

Steffen Zoller ist Geschäftsführer von kununu.com, der größten Arbeitgeber-Bewertungs- und Employer-Branding-Plattform in Europa – kurz gesagt unser Chef. Er beschäftigt sich intensiv mit den Themen Arbeitgeber-Attraktivität und Fachkräftemangel und hat dazu bereits einige Veröffentlichungen publiziert. Der Serial Entrepreneur gründete 2007 Betreut.de, einen Marktplatz zur Vermittlung vielfältiger Betreuungs- und Pflegeangebote, der 2012 vom US-amerikanischen Unternehmen Care.com übernommen wurde. Andere Gründungen inkludieren InsightImage.com (2012) und Devugees.org (2016),
eine Refugee Coding School. 

 

Quellen:
[1]workplacesolutions.care.com
[2] monitor-pflege.de