Körpersprache: Das musst du für dein Bewerbungsgespräch wissen

„Wie gibt man sich am besten beim Bewerbungsgespräch?“ – Diese Frage bekommt einer der bekanntesten Körpersprache-Experten im deutschsprachigem Raum, Stefan Verra, oft gestellt. Gleich vorweg: Auf diese Frage gibt es in diesem Sinne gar keine eindeutige oder richtige Antwort. Was du dennoch über Körpersprache wissen solltest und worauf du im Gespräch achten kannst, verrät der Experte in diesem Beitrag.

Variable eins: Die Situation an sich

Das ideale Verhalten in einem Vorstellungsgespräch hängt ganz stark von der angestrebten Tätigkeit ab. Als Verkäufer oder Verkäuferin in einer Parfümerie wirst du mit einer anderen Körpersprache punkten, als wenn du Möbelpacker in einer Spedition werden willst. Als Controller musst du anders rüberkommen, um Glaubwürdigkeit auszustrahlen, als als Fitnesstrainerin. Einmal wird vor allem Feingespür, Geduld und Ruhe von dir verlangt werden, ein andermal Genauigkeit und Konzentration und wieder ein anderes Mal Kraft und Ausdauer.

All diese Eigenschaften müssen grundsätzlich verschie­den vermittelt werden. Ein Mensch, der überzeugend als Möbelpacker auftritt, wird mit derselben Körpersprache für andere Jobs vielleicht nur geringe Glaubwürdigkeit vermitteln. Oder würdest du Mike Tyson den Parfümverkäufer abnehmen?

Damit haben wir die erste Variable definiert: die Situation an sich. In unserem Beispiel das Bewerbungsgespräch für den Job, um den du dich beworben hast.

Variable zwei: Die Phasen im Vorstellungsgespräch

Die zweite Variable ist sogar noch viel entscheidender: Die verschiedenen Phasen in der Situation, also in unserem Fall im Gespräch.

Während jedes Vorstellungsgesprächs musst du sehr viele unterschiedliche Emotionen glaubwürdig ver­mitteln. Wo du zu Beginn noch offen und sympathisch sein solltest, wird im Laufe des Gesprächs Durchsetzungs­fähigkeit von dir verlangt. Das sind körpersprachlich zwei ganz konträre Signale. Im nächsten Augenblick wird von Teamfähigkeit die Rede sein und am Ende sol­lst du beweisen, dass du selbstständig arbeiten kannst. Wenn du zum Beispiel als Fitnesstrainer punkten willst, wirst du eine gewisse Aktivität und Initiative offenbaren müssen. Schließlich sollst du die Kunden animieren und das nicht nur an den Geräten, sondern mit deinem gesam­ten Auftreten.

Und denke daran: Der Personalchef für den Fitnesstrainerjob kann dich nur anhand deines Auftretens einschätzen. Er wird schließlich nicht jeden Bewerber und jede Bewerberin zwei Wochen lang Probe arbeiten lassen, um sein Animo zu überprüfen. Ihm bleibt nur das Erstge­spräch, um die Personalentscheidung zu treffen. Das heißt: Innerhalb weniger Minuten musst du genau das zeigen, wofür du in Folge stehen wirst. Du musst ihm sozusagen über deine Worte und deine Körpersprache „versprechen“, in deinem Job aktiv und animierend zu sein. Wobei deine Körpersprache eine weit größere Rolle spielen wird. Mit Worten lässt sich leicht sagen: „Ich bin aktiv und animiere die Kunden.“ Wenn du dabei eine lasche, spannungslose Körperhaltung mit Schlafzimmerblick zei­gst, wird das Gegenüber dir nicht glauben. Deswegen ist zum Beispiel eine gewisse Aktivität mit den Armen beim Sprechen nötig.


Folgende allgemeine Tipps können hilfreich sein:

1. Stell dir vor, du würdest deinen Freunden in einer Kneipe von den Erlebnissen der letzten Wochen erzählen. Da wirst du lebendig und mit abwechslungsreicher Gestik sprechen. Genau das brauchst du auch in der Bewerbung.

2. Hebe beim Sprechen die Augenbrauen. Immer wieder für einige Augenblicke. Genau so, wie du es machst wenn einen lieben Menschen am Bahnhof begrüßt. Auch da reißen wir die Augenbrauen für einige Zeit in die Höhe. Das zeigt Energie und Aufmerksamkeit.


Ohne Vielfalt wirkt man einfältig

Nun wirst du schnell erkennen, dass auch das nicht ausreichen wird, um zu überzeugen. Wenn du dich nämlich während des gesamten Gesprächs pausenlos ak­tiv zeigst, wirst du an manchen Stellen damit falsch lie­gen. Denn deine zukünftige Führungskraft wird auch auf deine Vertrauenswürdigkeit zählen wollen. Du musst schließlich Schlussdienste übernehmen. Und an diesen Abenden bist du für die Abrechnung des Tages verant­wortlich.

Vielleicht interessiert den Personaler oder die Personalerin auch noch, wie du mit Rowdys verfährst, die die Fitnessgeräte nicht pfleglich behandeln. Hier ist Durchsetzungsfähig­keit gefragt. Natürlich wird er sich auch nach deiner sport­wissenschaftlichen Kompetenz erkundigen. Spätestens da wirst du merken, dass du mit einer eindimen­sionalen Körpersprache wenig überzeugend wirken kannst.


Weitere Tipps lauten daher:

3. Wechsel auch für ein paar Momente in eine aufrechte und unbewegte Körpersprache. Lass das Gestikulieren kurz bleiben. Das wirkt stabil. Hier ist es erlaubt aufrecht und ernst zu bleiben. Damit vermittelst du: In der Sache bin ich mir sicher, sie können sich auf mich verlassen.

4. Versuche nicht, perfekt zu sein. Mein wichtigster Tipp für die Körpersprache: Hört auf, an Fehler und Don’ts zu denken. Zeigt mehr Vielfältigkeit. Das einzig Falsche ist, die Vielfalt in der eigenen Körper­sprache so zu minimieren, dass am Ende nur mehr Ein­falt übrig bleibt.


Umgelegt auf unsere gesamte Kommunikation bedeutet das: Du wirst umso mehr Lebenssituationen erfolgreich meis­tern, je mehr verschiedene Handlungsmöglichkeiten du zur Verfügung hast. „Werden wir hier zu Schauspielern und zum Vorspielen animiert?“, denkst du jetzt vielleicht. Doch es geht nicht darum, etwas vorzuspie­len, sondern rein um Empathie. So wie es übrigens jeder von uns beim Trösten ei­nes weinenden Kindes tut. Und das nennt man nicht Schauspiel, son­dern Einfühlungsvermögen.

Stefan Verra

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Jährlich begeistert er über 100.000 Menschen von Europa über die USA bis nach China. Er ist Gastdozent, Beststellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache-Analysen auf stefanverra.com. Sein letztes Buch: "Leithammel sind auch nur Menschen – Die Körpersprache der Mächtigen".