„Fachkräftemangel ist nie die Ursache, sondern immer die Folge“

Auch wenn die Corona-Pandemie seit Monaten die Aufmerksamkeit für sich gewinnt, ist Fachkräftemangel nach wie vor ein viel diskutiertes Thema. Bereits im Jahre 2017 haben wir den Experten Martin Gaedt dazu interviewt und nun, drei Jahre später, gibt er uns wieder einen Überblick über die Thematik. Was tut sich derzeit auf dem Bewerber- und Arbeitsmarkt? Was braucht es von Seiten der Unternehmen, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Vertrauen aufbauen und wie sieht eigentlich die Realität aus? Das und noch mehr erfährst du in diesem Gastbeitrag.

Die Giganten sind eigentlich ganz klein

Alle reden über Lufthansa, Strabag, voestalpine AG, BMW, VW, Daimler. Doch diese Giganten sind tatsächlich die absolute Minderheit. In Deutschland beschäftigen eine Million Handwerksbetriebe fünf Millionen Menschen, das sind sechs Mal mehr Erwerbstätige als in der Automobilindustrie mit all ihren Zulieferern. Die größte Hürde der kleinen Betriebe ist ihre Unsichtbarkeit. Von den 3,5 Millionen Firmen in Deutschland haben nur 80.921 Unternehmen über 50 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen! 3,4 Millionen Betriebe im Handwerk, Gastgewerbe und Einzelhandel haben unter 50 und davon 3,1 Millionen Firmen sogar unter 10 Beschäftigte.[1] In Österreich sind 99,6 Prozent der Unternehmen KMU.[2]

Und trotzdem spielen sie Joblotterie. Betriebe meinen, über Stellenanzeigen Volltreffer zu landen. Die Realität sieht so aus: Bei 2.500 Stellenbörsen ist das rechnerisch noch unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto. Die Mehrheit der Wechselwilligen sucht gar nicht aktiv, da sie von Jobsuche und Personalgewinnung genervt sind. Effektiver wäre es, deren Freunden, Freundinnen und Familien nach Fachkräften aus dem eigenen Umfeld zu fragen. Nachbarn und Freunde wissen nämlich ganz genau, wer am meisten unter dem täglichen Arbeits-Frust leidet und wechselwillig ist. Kleine Betriebe kommen über begeisterte Kundinnen und Kunden an Nachbarn und Freunde heran!


„Steinzeitalter. Lufthansa sollte endlich vom hohen Ross steigen.“ – Beweberbewertung bei Deutsche Lufthansa AG


Wertschätzung – die entscheidende Zutat

Viele Menschen fragen sich beim Arbeiten: Erlebe ich im Job Abwechslung? Lerne ich im aktuellen Job Neues? Erlebe ich Sinnhaftigkeit in der Tätigkeit? Erlebe ich Wertschätzung für meine Person und meine Tätigkeit. Nein? Dann wächst die Bereitschaft zum Wechsel. Auf Twitter gibt es seit zwei Jahren den Hashtag #Pflexit. Mehr Menschen verlassen den Beruf der Pflege als hineingehen.

Der deutsche Gesundheitsminister brachte Merci-Schokolade in ein Krankenhaus und machte daraus ein Medien-Ereignis. Krasser geht Missachtung statt Wertschätzung nicht. Was er bisher nicht getan hat: Eine Pflegekraft 24 Stunden bei ihrer Arbeit zu begleiten, obwohl er hunderte solcher Einladungen bekommen hat. WalMart Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekamen als Aufmunterung während der Corona-Krise billige Süßigkeiten geschenkt statt einer extra Lohn-Zahlung oder echten Mehrwerten. Das ist respektlos.[3]


„Sehr respektvoller, transparenter, wertschätzender Umgang mit den Mitarbeitern und Kreative alternative Lösungen.“ – Arbeitgeberbewertung bei Chanel GmbH


Wechselbereitschaft bedeutet nicht fehlende Loyalität

Die Wechselbereitschaft sagt übrigens gar nichts über die Loyalität und Leistungsbereitschaft während einer Zusammenarbeit aus. Viele Betriebe wünschen sich engagierte, mitdenkende und verantwortungsbewusste Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Aufbruch ist gewollt und kein Widerspruch zur Arbeitsmotivation. Solch engagierte Kollegen und Kolleginnen wollen den Aufbruch auch intern erleben. Jede Erfahrung verschiebt Grenzen. Entweder führt die Erfahrung zum Bleiben oder zum Gehen.

Eine neue Erfahrung, die gerade sehr viele Menschen teilen, ist das Arbeiten von Zuhause. Der Homeoffice-Geist ist aus der Flasche und geht nicht zurück hinein. Gemäß einer kununu Umfrage ist es für 60 Prozent der Befragten möglich, von zuhause aus zu arbeiten. Auffallend ist aber, dass nur 48 Prozent tatsächlich im Homeoffice arbeiten. Arbeitnehmer, die im Homeoffice arbeiten, beschreiben dies allerdings als gut umgesetzt und zahlreiche User geben sogar an, dass der Zusammenhalt im Team dadurch gestärkt wurde und die Produktivität gestiegen ist.


„Seit ich im Homeoffice bin, machen wir jeden einen Team-Call und besprechen die aktuellen Fälle. Ich finds mega!“ – Arbeitgeberbewertung bei Webhelp


Fachkräftemangel als Folge

Wenn Unternehmen nach Corona nur das Büro als Arbeitsort anbieten, wird zurecht gekündigt. Dann spricht die Unternehmenskultur für sich. Fachkräftemangel ist nie die Ursache, sondern immer die Folge. Zum Beispiel von Vertrauensmangel statt Freiräumen, von Ideenmangel statt Jobpartys, von Kulturmangel statt Wertschätzung.

Eine krasse Missachtung simpelster Umgangsformen ist weiterhin der Umgang mit Bewerbungen. Die Mehrheit der Bewerber und Bewerberinnen bekommt keine oder späte Antworten auf Bewerbungen und keine Rückmeldung zum Vorstellungsgespräch. So geht kein Unternehmen mit Kunden um. Das Jammern über Fachkräftemangel sollte so peinlich sein wie das Jammern über Kundenmangel.

Ansagen vom Chef wie: „Alle zurück ins Büro nach Corona!“, will und braucht kein Mensch. Anwesenheitskultur und Kontrolltrieb vieler Führungskräfte bewirken den sofortigen Wunsch zum Wechsel. Besprecht lieber zusammen, was gut und was weniger gut gelaufen ist, und behaltet das Gute. Was kollaborativ in der Home-Office-Corona Zeit nicht gut lief, wird verbessert und verschiebt die Grenzen zum Bleiben.


„Ein Team, das in allen Bereichen zusammenhält.“ – Arbeitgeberbewertung bei Otago Online Consulting GmbH


Gut oder schlecht? Unterschiedlich!

Bitte vergesst nicht: Menschen sind unterschiedlich. Es gibt kein feststehendes gut und schlecht, es gibt Wirkung. Die Wirkung lässt sich testen und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen gestalten. Was wäre, wenn immer mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer inklusiv-diversen Gemeinschaft denken und handeln würden? Tagtäglich erleben Millionen Menschen am Arbeitsplatz Missachtung, Willkür, Rassismus, Sexismus. Sobald sich ein Fenster öffnet und eine Gelegenheit auftaucht, sind sie weg.

Ein Arbeitgeber hat die Arbeitszeit auf fünf Stunden täglich reduziert bei vollem Lohn. Fasziniert schauen nun alle auf Lasse Rheingans in Bielefeld und schieben sofort besserwisserisch hinterher: „Das geht halt in einer Digitalagentur, aber nicht im Handwerk“. Und dann kommt Marcus Gaßner in Denkingen und führt in seinem Sanitär-Heizung-Fliesen-Betrieb die 4-Tage-Woche ein.[4] Er erhöht sogar die Löhne, damit die Kollegen und Kolleginnen nicht weniger verdienen als vorher. Und gewinnt so Azubis und Fachkräfte. Glückwunsch.

Werdet Besserfrager und Besserfragerinnen statt Besserwisser und Besserwisserinnen. Jede Erfahrung, wie es auch anders geht, verschiebt die Grenzen zu einer neuen Erfahrung am Arbeitsplatz. Zum Glück!

Martin Gaedt

Martin Gaedt ist Autor der Bücher „Mythos Fachkräftemangel“ (2014) und „Rock Your Idea“ (2016). Er ist seit 1999 Unternehmer, war Arbeitgeber und Recruiter in eigenen Unternehmen und hält quer durch Deutschland, Schweiz und Österreich Vorträge zur Personalgewinnung auf 7 Milliarden Wegen zu 7 Milliarden Menschen. Er provoziert humorvoll mit Provotainment.

 

Quellen:

[1] statista.com
[2]
Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort
[3] jetzt.de
[4] zdf.de