Mit leeren Stühlen vollgestellter Saal

Der Fachkräftemangel – und es gibt ihn doch

Fakt ist, Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen ein. In Deutschland waren im März 2017 fast 200.000 (!) Leute weniger arbeitslos als im Vorjahreszeitraum. Es herrscht stabiles Wirtschaftswachstum und den Menschen geht es gesamtheitlich und nachweislich besser als vor zehn oder 15 Jahren. Gleichzeitig gibt es eine starke Nachfrage nach passenden Bewerbern – Stellen lassen sich nicht besetzen. [1]

Ob selbstverschuldet oder nicht: Es herrscht Fachkräftemangel

Durch den demographischen Wandel wird der Fachkräftedruck noch zunehmen. Vereinfacht gesagt, werden die Älteren immer älter und benötigen mehr Pflege. Gleichzeitig werden zu wenige Kinder geboren – deshalb auch absehbar zu wenige mögliche Arbeitskräfte ausgebildet. Das setzt die Innovationsfähigkeit der Industrie unter Druck und ist eine Wachstumsbremse für Deutschland. Fehlendes Wachstum wäre ein Risiko für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft. Und damit auch der Steuerzahlungen sowie sozialen Absicherung.

Der Fachkräftemangel ist eine reale Herausforderung – und zugleich aber auch eine Chance.

10 Schritte zur Überwindung des Fachkräftemangels

Bereits im Januar 2011 hat die Bundesregierung einen durchdachten Plan vorgestellt, der aus meiner Sicht immer noch aktuell ist:

Ganz konkret werden 10 Schritte zur Überwindung des Fachkräftemangels vorgestellt, die sich in kurz bis mittelfristige Wirkungszeiträume einteilen lassen. Wirkungszeitraum bedeutet dabei, wie schnell sich ein merklicher Effekt gegen den Fachkräftemangel entfalten kann.[2]

Zu den kurzfristigen Maßnahmen gehört, Menschen über 55 stärker ins Erwerbsleben einzubinden (1). Oftmals vergessen wir bei unserer Fokussierung auf die Generation Y, dass wir alle von dem Erfahrungsschatz der älteren Generation profitieren können. Als kurz – bis mittelfristige Maßnahme ließe sich auch die Arbeitszeit Vollzeitbeschäftigter steigern (2), wenn die richtigen Anreize gesetzt werden. Dahinter steht der Gedanke, dass zusätzlich erbrachte Arbeitsstunden wie eine weitere Fachkraft zu zählen sind.

Die Anzahl von Ausbildungsabbrechern zu reduzieren (3) und Frauen stärker ins Erwerbsleben einzubinden (4) sind zwei weitere Maßnahmen, die nicht nur aufgrund des herrschenden Fachkräftemangels Sinn machen. Persönlich besonders spannend finde ich die gezielte Zuwanderung von Fachkräften (5). Die Anwerbung und Integration von ausländischen Fachkräften ist ein verlässlicher und kreativer Weg, der teilweise sogar passgenauer Stellenbedarf decken kann wie z.B. im Bereich der Pflege. [3]

Zu den eher mittelfristigen Schritten gehört unter anderem die Prüfung von Steuern und Abgaben, um die Arbeit attraktiver zu machen (10) und die Anzahl von Schulabgängern ohne Abschluss zu senken (6), da mit einem Schulabschluss die Chance auf ein stabiles Leben deutlich höher ist. Hier muss bereits in der Schule zeitig Unterstützung angeboten werden. Auch die Anzahl von Studienabbrechern zu reduzieren (7) und konsequent Ausbildung und Qualifizierung voranzutreiben (8), wirkt gegen den Fachkräftemangel. Denn: Qualifikation schafft Sicherheit und eine bessere Passung für die Stellensuche. Die Bundesregierung verweist auch auf die Notwendigkeit, die Arbeitsmarkttransparenz zu erhöhen (9). Eine bessere Information über freie Stellen kann zu schnellerer Besetzung führen – im Umkehrschluss also weniger unbesetzten Stellen sowie geringere Arbeitslosigkeit.

Täglich neue Stellen gibts hier:

 

Wir wissen also um die Herausforderung des Fachkräftemangels. Ebenfalls stehen wir alle nicht ratlos dem Thema gegenüber, wie der Bericht der Bundesregierung verdeutlicht. Sicherlich müssen wir allerdings unsere Anstrengungen vertiefen. Aber wir sitzen nicht unter einer Glaskugel sondern in einem „offenen System“. Das bedeutet, dass wir mit den Maßnahmen gemeinsam starten müssen. Es gibt eine Menge von positiven Beispielen. So hat der Maschinenbauer TRUMPF deutlich die Azubi-Abbrecherquote reduziert. Andere Branchen wie die Gesundheits- und Pflegebranche rekrutieren und qualifizieren ausländische Pflegekräfte wie das Beispiel CareWithCare zeigt. Zudem unterstützt die Agentur für Arbeit auch die Weiterqualifizierung zu neuen Berufen und Techniken wie als Smart Repair Fachkraft.

Alle Beispiele zeigen auf unterschiedlichen Wegen, wie dem Fachkräftemangel begegnet wird. Es liegt im Rahmen unsere Möglichkeiten, den Fachkräftemangel der Vergangenheit zuzuordnen.

Über den Autor Steffen Zoller

Steffen Zoller ist Geschäftsführer von kununu.com, der größten Arbeitgeber-Bewertungs- und Employer-Branding-Plattform in Europa – kurz gesagt unser Chef. Er beschäftigt sich intensiv mit den Themen Arbeitgeber-Attraktivität und Fachkräftemangel und hat dazu bereits einige Veröffentlichungen publiziert. Der Serial Entrepreneur gründete 2007 Betreut.de, einen Marktplatz zur Vermittlung vielfältiger Betreuungs- und Pflegeangebote, der 2012 vom US-amerikanischen Unternehmen Care.com übernommen wurde. Andere Gründungen inkludieren InsightImage.com (2012) und Devugees.org (2016),
eine Refugee Coding School. 

 

 

Quellen:
[1] arbeitsagentur.de
[2] arbeitsagentur.de

[3] monitor-pflege.de