Frauen auf dem Arbeitsmarkt
DIW-Chef: Diese vier Hürden halten Frauen in der Teilzeit fest
Fast jede zweite erwerbstätige Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit – oft nicht freiwillig. DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht darin ein enormes ungenutztes Potenzial für Wirtschaft und das Rentensystem. Doch unter den aktuellen Regeln lohnt sich Mehrarbeit für viele Frauen finanziell schlicht zu wenig.
Fratzscher sieht mehrere Hunderttausend Vollzeitkräfte ungenutzt
Der Anteil an Frauen in Teilzeit sei ungewöhnlich groß, sagte Fratzscher dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Die Gesellschaft verzichtet so auf eine Menge Wohlstand.“ Würden Hürden abgebaut, ließen sich Hunderttausende Vollzeitkräfte gewinnen und langfristig die Rente stabilisieren.

Vier Hürden halten Frauen in der Teilzeit
Dass viele Frauen ihre Stunden nicht aufstocken, liegt selten am Willen. Fratzscher benennt vor allem strukturelle Gründe:
- Unzureichende Kinderbetreuung in Kitas und Schulen
- Geringe finanzielle Anreize durch das Ehegattensplitting
- Kostenlose Mitversicherung von Ehepartner:innen in der Krankenkasse
- Minijobs, die für viele Frauen zur Falle werden
Warum sich mehr Arbeit finanziell kaum lohnt
Am schwersten wiegt der fehlende finanzielle Anreiz. Das Ehegattensplitting begünstigt das Alleinverdiener-Modell: Stockt die zweitverdienende Person auf, bleibt wegen der Steuerprogression wenig vom zusätzlichen Brutto übrig.
Frauen trifft das besonders hart, weil sie in den meisten Ehen die zweitverdienende Person sind und der allgemeine Gehaltsabstand bereits ohne Mehrarbeit groß ist. Laut kununu-Gehaltscheck verdienten Frauen 2025 im Schnitt 47.028 Euro, Männer 53.856 Euro, also rund 12,7 Prozent weniger.
Beim Vaterschaftsurlaub bleibt Deutschland im Verzug
Doch das Steuerrecht ist nur ein Hebel. Damit Frauen mit Kindern aufstocken können, müssen Väter mehr Care-Arbeit übernehmen und genau hier bremst die Politik. Die geplante „Familienstartzeit“ mit zehn bezahlten Tagen nach der Geburt hat die Koalition aus Union und SPD aus dem Vertrag gestrichen.
Eine EU-Richtlinie hätte sie schon 2022 vorgeschrieben; gegen Deutschland läuft ein Vertragsverletzungsverfahren. Einen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Vaterschaftsurlaub gibt es 2026 nicht.
Hinzu kommt: Wegen struktureller Barrieren und männlich geprägter Auswahlmuster übernehmen Frauen seltener Führungspositionen und verdienen dadurch weniger. „Wir sind noch meilenweit von wirklicher Gleichstellung entfernt“, kritisiert Fratzscher. Solange Steuerrecht, Betreuungslücken und fehlende Väter-Modelle Mehrarbeit unattraktiv machen, bleibt das Potenzial liegen – zulasten der Frauen, der Unternehmen und der Rentenkasse.