Reform der Arbeitszeit
„Als wären alle faul“: Fratzscher widerspricht Merz bei Arbeitszeit-Reform
Die Regierung von Friedrich Merz möchte den Acht-Stunden-Tag kippen, der Gesetzentwurf soll noch im Juni kommen. Doch Ökonom Marcel Fratzscher hält die Debatte in Deutschland für falsch geführt: Schuld am wirtschaftlichen Problem seien nicht die Beschäftigten, sondern die Unternehmen. Wen die Reform am härtesten träfe, hängt von der Branche ab.
Bas plant den Gesetzentwurf noch im Juni
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) möchte die tägliche Höchstgrenze von acht Stunden durch eine wöchentliche Regelung ersetzen, so steht es im Koalitionsvertrag. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), befürwortet das, dämpft aber die Erwartungen: „Ein Aus des Acht-Stunden-Tags ist nicht der eine große Wurf, der Deutschland wieder voranbringen wird.“
„Als wären alle faul“ – Fratzscher widerspricht
Den Kern der Debatte sieht der Ökonom an der falschen Stelle: „Es wird wieder in die Lifestyle-Teilzeit-Schiene gerückt. Als wären alle faul.“ Dabei leiste die Gesellschaft Rekordarbeitsstunden. Die Verantwortung liege bei den Unternehmen: Statt über die Quantität müsse über Produktivität und Digitalisierung gesprochen werden.
Wen eine Ausweitung der Arbeitszeiten konkret betreffen würde:
- Gastronomie, Pflege und Eventbranche spüren längere Arbeitstage am stärksten – bei ohnehin niedrigeren Löhnen.
- Nach der achten Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko deutlich an.
- Eine reine Wochenregelung ließe laut Hans-Böckler-Stiftung Arbeitstage von über zwölf Stunden zu.
Forschende warnen vor Folgen für Familie und Gesundheit
Dr. Yvonne Lott und Dr. Eileen Peters vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) warnen, dass eine wöchentliche Höchstarbeitszeit Betreuungskonflikte eher verschärft. Drei Viertel der Beschäftigten fürchten laut WSI-Befragung negative Folgen für ihre Work-Life-Balance. Fratzscher pocht deshalb auf Grenzen: „Wir brauchen eine Obergrenze an Arbeitsstunden am Tag.“
Entscheidend ist die tägliche Obergrenze
Auch Bernd Fitzenberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hält andere Stellschrauben für wirksamer. Ob die Reform zur Chance oder zur Belastung wird, hängt an einer Frage: ob eine tägliche Obergrenze im Gesetz steht. Fehlt sie, verschiebt sich das Risiko zu jenen, die ohnehin am wenigsten verdienen.