ORF-Spitzengehälter
ORF-Generaldirektor bekommt weniger Gehalt als sein Hauptabteilungsleiter
77 Bewerbungen, 13 ernsthafte Anwärter:innen, eine offene Wahl: Am 11. Juni entscheidet der ORF-Stiftungsrat, wer das Haus künftig führt. Doch unabhängig davon, wer das Rennen macht: Was verdient man eigentlich an der Spitze des ORF? Die Antwort überrascht, denn der Generaldirektor ist nicht der Topverdiener.
Der Generaldirektor nur auf Platz 2
Laut aktuellen Gehaltsdaten des ORF verdiente Ex-Generaldirektor Roland Weißmann (bis März 2026) rund 427.500 Euro im Jahr. Das klingt üppig, doch Hauptabteilungsleiter und Projektleiter Medienstandort Pius Strobl übertrifft ihn mit fast 469.000 Euro deutlich.
Die aktuellen Top 3 Verdiener:
- Pius Strobl, Projektleiter Medienstandort 468.856 €
- Roland Weißmann, Generaldirektor 427.500 €
- Oliver Böhm, GF ORF-Enterprise 348.999 €
Je nach Verhandlungsgeschick und Vorerfahrung wird die neue Generaldirektion wohl ähnlich bezahlt werden. An der Nulllohnrunde für die Spitzenverdiener im ORF letzten Winter ist zu sehen, dass auch das Gehaltsband dieser Posten nicht unendlich lang ist.
Posten wegen sexueller Belästigung neu besetzt
Roland Weißmann, geboren 1968 in Linz, hatte den Posten seit Jänner 2022 inne. Der Publizistik-Absolvent stieg über ORF Niederösterreich auf, wurde Kaufmännischer Direktor und schließlich Generaldirektor. Sein Amt endete abrupt: Im März 2026 trat er zurück, nachdem ORF-Journalistin Sonja Sagmeister Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn erhoben hatte.
Weißmann bestritt die Anschuldigungen, wollte dem Sender aber keinen weiteren Schaden zufügen. Eine anschließende Compliance-Prüfung stellte zwar keine sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinne fest, befand aber, dass er interne ethische Standards verletzt habe – woraufhin der ORF das Dienstverhältnis beendete. Derweil ist Ingrid Thurnher interimsmäßige Vertreterin.
76 Bewerber – ein dichtes Rennen
Insgesamt 77 Bewerbungen sind beim ORF eingelangt, 75 davon rechtzeitig. Wie die Pressestelle des ORF-Stiftungsrats am 1. Juni mitteilte, erfüllen davon 13 Bewerberinnen und Bewerber sowohl die Formalvoraussetzungen als auch grundsätzlich die fachlichen Kriterien. Welche Namen es konkret ins engere Auswahlfeld geschafft haben, gibt der Stiftungsrat bislang nicht öffentlich bekannt.
Bekannt ist nur, dass sich unter den insgesamt 77 Bewerbungen auch namhafte Medienprofis fanden:
- APA-Chef Clemens Pig
- ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer
- ORF-III-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz
- Medienmanager Markus Breitenecker (zuletzt CEO ProSiebenSat.1 PULS 4)
- Medienmanager Johannes Larcher
- Journalistin Sonja Sagmeister
- Eva Schütz, Herausgeberin des umstrittenen Online-Mediums „Exxpress“
Amtsinhaberin Ingrid Thurnher tritt nicht an, sie wolle die verbleibende Zeit nutzen, um Missstände aufzuarbeiten, ohne taktische Rücksichten nehmen zu müssen.
Schon im Vorfeld der Wahl wird das Verfahren politisch beäugt. ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti sprach sich offen für Pig aus: Der Generaldirektor müsse „von außen kommen, unbelastet von all diesen Verstrickungen und Intrigen“. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer wies die Zurufe scharf zurück: „Ich weise Zurufe zurück. Wir entscheiden frei im Stiftungsrat.“
Die Entscheidung fällt am 11. Juni
Die Findungskommission hat am 1. Juni getagt und 13 Bewerber:innen für tauglich befunden. Wer ins Hearing eingeladen wird, muss nun von einem der 35 Stiftungsräte nominiert werden.
Am 8. Juni stellen sich die Favoritinnen und Favoriten in einer ORF-III-Diskussionssendung den Stiftungs- und Publikumsräten, die eigentliche Wahl findet am 11. Juni in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Stiftungsrats statt. Erstmals verpflichtet das Europäische Medienfreiheitsgesetz zu einem transparenten, offenen Verfahren.
Wer auch immer den Posten bekommt: An Pius Strobl führt im Gehaltsranking vorerst kein Weg vorbei.