Old but gold – Darum sollte die Arbeitswelt nicht nur auf junge Hüpfer setzen

Den Kopf voll mit Visionen, Träumen und Zielen, in der Hand ein frisch gedrucktes Unizertifikat oder Ausbildungszeugnis. Noch voller Euphorie preschen die jungen Kreativköpfe in die unterbezahlte 60-Stunden-Woche, rennen mit ihrer endlosen Motivation offene Unternehmertüren ein und sind bereit, die Arbeitswelt für gratis Obst zu erobern. Klar, dass viele Arbeitgeber von dieser Begeisterung gepackt werden. Doch weniger Falten bedeuten auch weniger Erfahrung. Wir verraten euch, warum es auch im Job heißen sollte „old but gold“ und was das Tinder-Paradoxon damit zu tun hat.

Wie, du warst nicht in Australien?

Das besondere an Generation Y? Orientierungslosigkeit. So stark ausgeprägt, dass man sich noch nicht mal in den eigenen Gedanken zurechtfindet. Wie soll man denn auch wissen, wer man ist, bevor man nicht mindestens zwei Monate in Thailand auf Meditationsmarsch durch die Pampa gestiefelt ist oder mit Koalas am anderen Ende der Welt nach seiner tiefsten Sehnsucht gesucht hat?

Deswegen jetzt mal Hand auf die Muschelkette: Ältere Generationen haben längst ihren Platz in dieser komplizierten Welt gefunden und wissen genau, für welche Werte sie kämpfen. Als sicherer Fels in der Brandung haben sie schon lange begriffen, wie der Hase läuft. Anders als reisewütige Abenteurer, die sich immer Richtung Spaß und Vorteil treiben lassen, wissen erfahrene Mitarbeiter, was sie wollen und wofür das Unternehmen steht. Und wenn es mal hart auf hart kommt, werden sie nicht mit ihrem Backpack vor der Unternehmenskrise Reißaus nehmen, sondern das tun, was getan werden muss. Anders als so mancher junger Hüpfer wissen sie: Es kann nicht jeder seinen Egotrip fahren, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt, wenn alle gleichzeitig „Meine-Karriere-First“ schreien.

To the left, to the left.

Lebenslange Bindung in guten und in schlechten Zeiten? No way! Was gerade vielleicht wie die große Jobliebe aussieht, kann in einem Monat schon wieder aus und vorbei sein. Es war von Anfang an nichts Festes, keine Schmetterlinge im Bauch und man hat sich irgendwie auseinandergelebt. Zugegeben, sich auf ewig die Unternehmenstreue zu schwören ist gar nicht so leicht, wenn doch an der nächsten Ecke der Karriere-Jackpot warten kann.

Zum Glück gibt es aber auch Generationen vor der Beziehungsphobie: Hier wird Unternehmensloyalität noch auf gegenseitigem Vertrauen über viele Jahre aufgebaut und lässt sich durch nichts so schnell erschüttern. Diese Mitarbeiter kennen ihren Arbeitgeber besser als sonst irgendjemand. Sie wissen genau was er braucht, noch bevor er es merkt. Anders als ihre Nachfolger gehen sie nicht gleich in den Ghosting-Modus über, sollte es mal kriseln. Schließlich haben sie gelernt: Wir reparieren Beziehungen und werfen sie nicht gleich weg – oder wischen sie nach links.

I’m sexy and I know it.

Achtung, jetzt wird’s spannend. Denn die Wischerei auf dem Bildschirm bringt uns zum Tinder-Paradoxon und damit zu einem weiteren Problem. Denn auch wenn alle erdenklichen Möglichkeiten offen gehalten werden und man sich nicht selbst Hals über Kopf an einen Arbeitgeber klammern will, soll der Chef aber Bitteschön nie wieder ohne einen auskommen. Und das gerne täglich mit Lobpreisungen und Superlikes zeigen – auch wenn wir nicht wirklich was geleistet haben. Sollte die Anerkennung nämlich in Follow-Zeiten plötzlich ausbleiben, sinkt das Selbstbewusstsein gegen Null.

Und in diesem Punkt sind die älteren Kollegen klar im Vorteil. Niemand kann sie mit schiefen Blicken aus dem Konzept bringen. Dank ihrer jahrelangen Expertise haben sie das nötige Know-How, um kritische Fragen mit Bravour zu meistern. Es gibt nichts, was man ihnen drei mal sagen muss, sie kennen sich aus. Und wenn sie mit erhobenem Haupt durch die Flure stolzieren, denkt sich jeder Jobfrischling: Hell, yes! So wäre ich auch gerne.

Kann man so machen. Ist trotzdem Mist.

Und weil die goldene Generation wirklich Ahnung hat, von dem, was sie da macht, weiß sie auch, wenn’s mal falsch läuft. Liebe Chefs, jetzt müsst ihr stark sein. Denn ältere Mitarbeiter lassen sich nicht so schnell mit abgedroschenen Ausreden oder einschüchternden Blicken abspeisen. Wenn etwas so gar nicht nach ihren Vorstellungen läuft, dann lassen sie es die Verantwortlichen auch wissen. Warum das super ist? Weil konstruktive Kritik ein Unternehmen nur weiterbringen kann, wenn sie auch ausgesprochen wird.

Alles in allem können wir uns wirklich viel von unseren älteren Kollegen abschauen. Und ihnen vielleicht ab und an verzeihen, wenn ihnen mal wieder ein „Das haben wir schon immer so gemacht“ herausrutscht.