„Ohne Emotionen geht es nicht!“ – Prof. Dr. Erich Kirchler im Interview

Emotionen sind im Job auch heute noch ein Tabuthema. Trotzdem sollst du das neue Projekt mit der nötigen Leidenschaft leiten. Bei Rückschlägen laut losheulen aber um Gottes willen nicht. Das könnte ja den Kollegen Angst machen. Auch wenn man sich untereinander noch so gut versteht. Gilt im Job also „Weinen verboten“? Wir haben uns mit dem Arbeits- und Wirtschaftspsychologen Prof. Dr. Erich Kirchler darüber unterhalten und spannende Antworten auf unsere Fragen bekommen.

 

kununu: Welche Emotionen findet man am Arbeitsplatz?

 

Prof. Dr. Kirchler: In der Arbeitswelt ist es nicht anders als im Leben generell. Überall, wo Menschen tätig sind, allein oder miteinander arbeiten, gibt es nicht nur rein sachliche Argumentationen. Gefühle sind immer im Spiel und können auch gezeigt werden. Auch im Beruf gibt es die gesamte Palette an Emotionen, die aus der Theorie bekannt sind. Positive und negative Emotionen; schwache Gefühle und starke Emotionen und die unterschiedlichsten Gefühlsqualitäten von Freude, Enthusiasmus, über Langeweile bis hin zu Ärger, Angst und Befürchtungen.

 

Glauben Sie, dass das Zeigen von Emotionen im Job hinderlich sein kann? Oder sind sie eher hilfreich?

 

Man kann die Frage so generell nicht mit Ja oder Nein beantworten. Natürlich kommt es darauf an. Aber Gefühle sind da. Und diese Gefühle zu ignorieren, das wäre meiner Meinung nach falsch. Allerdings muss es natürlich schon gelingen, dass man ein gewisses Maß an Disziplin an den Tag legt und den eigenen Gefühlen nicht freien Lauf lässt. Die cholerischen Anfälle haben am Arbeitsplatz wenig zu suchen und wirken störend. Es macht aber durchaus Sinn, wenn man Befürchtungen äußert oder dem Ärger Luft macht. In einem Maß, wo dann auch die Möglichkeit besteht, Lösungsvorschläge zur Vermeidung von weiteren starken, negativen Emotionen zu finden.

 

In welchen Situationen sollten wir Emotionen zeigen?

 

Ich denke, man kann in allen Situationen Emotionen zeigen und damit die Gefühle ausdrücken. Außerdem geht es gar nicht anders. Man kommuniziert immer auch nonverbal. Und in diesem nonverbalen Kontext drücken sich Gefühle aus. Die Intensität der Gefühle spielt am Arbeitsplatz eine Rolle. Aber nicht nur dort. Ich denke, dass es in öffentlichen Räumen, aber auch im Privaten ein Thema ist, ob man Gefühlen einen freien Lauf lässt. Sich von Gefühlen übermannen zu lassen, ist am Arbeitsplatz vermutlich eher hinderlich als förderlich. Allerdings sind Gefühle gerade bei der Zufriedenheitsmessung natürlich Thema Nummer 1. Da drücken sich die Gefühle aus, die mehr oder weniger häufig am Arbeitsplatz und unter bestimmten Bedingungen dort vorkommen. Und die Arbeitgeber wollen ja wissen, wie sich Mitarbeiter fühlen. Die Emotionen sind mit Arbeit oder Arbeitskonstellationen verbunden.

 

Machen Emotionen angreifbarer? Gerade als Chef?

 

Natürlich kann ein Chef ein gewisses Pokerface zeigen. Es ist wahrscheinlich auch sinnvoll, wenn der Chef eine gewisse Distanz – auch emotional – wahrt. Gerade, wenn die Arbeit und die Arbeitsschritte im Vordergrund stehen und nicht die Emotionen. Wenn man sich etwa klassische Führungstheorien anschaut, wird häufig die Kombination zwischen Personenorientierung und Sachorientierung betont. Es ist in vielen Situationen sinnvoll, Emotionen, Gefühle, Verständnis für Mitarbeiter auszudrücken. Akzeptanz ausdrücken. Je nach „Reifegrad“ der Mitarbeiter ist es wesentlich, deren Unsicherheiten zu verstehen und darauf einzugehen. Das kann durchaus förderlich sein und ist meiner Meinung nach maßgeblich für Führungserfolg notwendig. Der Choleriker, der dem Ärger am Arbeitsplatz freie Luft lässt, der ist jedoch störend. Wie so oft im Leben, ist eine Balance zu wahren. Diese Balance liegt in der Mitte und nicht in dem ein oder anderen Extrempunkt rein emotionaler Aktionen oder rein sachlichen Verhaltens.

 

Wie sollten wir mit emotionalen Ausbrüchen von Kollegen oder Mitarbeitern umgehen?

 

Ängste, Trauer, Befürchtungen, das muss man ernstnehmen. Da ist natürlich Empathie und ein psychologisches Geschick notwendig. Indem man die Situation ignoriert, kommt man nicht an das Ziel. Die Emotionen sind da und sie sind ernstzunehmen.

 

Wir sollten also direkt reagieren?

 

Genau, vor allem bei Trauer oder Ängsten. Ärger ist etwas anderes. Da glaube ich, dass es sinnvoll ist, sich aus der allerersten Reaktion zurückzunehmen. Man hat beispielsweise eine E-Mail erhalten, die einen fürchterlich ärgert. Hier empfehle ich, nicht sofort zu antworten, sondern eine Nacht darüber zu schlafen. Dann hat man meistens einen kühleren Kopf und lässt sich nicht nur von den Gefühlen leiten. Wenn man sozusagen blind reagiert, dann könnte man es im Nachhinein bedauern. Aber später können Sie natürlich auf eine Unverschämtheit, nicht-adäquate Mail oder Aufforderung reagieren und darauf eingehen. Das finde ich sogar notwendig. Genauso ist überschwängliche Freude am Arbeitsplatz wahrscheinlich nicht in dieser Blindheit, in der man sich bei einem intensiven Gefühl befindet, adäquat. Aber der Freude Ausdruck zu verleihen, das halte ich allemal für eine sinnvolle und sehr menschliche Regelung.

 

Emotionen zu unterdrücken ist die falsche Lösung?

 

Unterdrücken… das können Sie wahrscheinlich gar nicht. Natürlich ist ein Pokerface in manchen Situationen wichtig. Zum Beispiel in Verhandlungssituationen. Da können Sie sich über einen Verhandlungspartner ärgern, aber wahrscheinlich ist es trotzdem sinnvoll, wenn man Contenance bewahrt. Wenn Sie aber jetzt von Arbeitssituationen reden, wo mich ein bestimmtes Verhalten irritiert, ärgert oder freut, wird das zu einem Thema in Mitarbeitergesprächen.

 

Kann es im schlimmsten Fall krank machen, wenn man Emotionen unterdrückt?

 

Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn Sie sich an einem Arbeitsplatz befinden, der Sie weit überfordert, dann erleben Sie Stress. Aus der Stressforschung weiß man, dass das keine Herausforderung ist, die langfristig gut ist. Wenn Sie an einem Arbeitsplatz sind, der Langeweile auslöst, dann ist das nicht anders. Auch das ist ein Stressfaktor. Freude im Gegenzug wäre natürlich günstig. Aber auch bei Freude muss man aufpassen, dass man sich nicht selbst am Arbeitsplatz ausbeutet und ein Ausbrennen riskiert.

 

Folgende Situation: Unser Chef ist Choleriker und hat mal wieder einen Wutanfall. Was sollten wir als seine Mitarbeiter jetzt tun?

 

Wenn zwei sichanschreien, dann geht meist wenig weiter. Aber man kann mit dem Chef thematisieren, welche Verhaltensweisen man missversteht, nicht versteht oder wo man sich selbst situativ überfordert fühlt. Um die Kooperationswilligkeit und die Freude an der Arbeit zu erhalten. Da ist ein direktes Feedback an den Chef oder eines, das über andere vermittelt wurde, für die Führungsperson wichtig. Um verstanden zu werden, gehören auch Emotionen dazu. Jedenfalls solange wir nicht mit Robotern arbeiten.

 

Ohne Emotionen geht’s nicht?

 

Richtig. In keiner Situation geht es ohne Emotionen. Die müssen nicht intensiv sein, aber sie fühlen sich ständig wohl, indifferent oder unwohl. Das Wohlbefinden ist ein ständiger Begleiter und das zu leugnen oder sich wie eine Maschine zu gebärden, das halte ich für nachteilig.

 

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Männern und Frauen? Gehen Frauen zum Beispiel – ganz Klischee – offener mit ihren Emotionen um?

 

Klischees fördern soziale Normen, an die man sich gerne hält. Der weinende Mann passt weniger in unser Gesellschaftsbild als die weinende Frau. Es ist wahrscheinlich so, dass bei Männern und Frauen jeweils unterschiedliche Emotionen eher akzeptiert sind und dadurch auch mehr zugelassen werden. Wenn das der Fall ist, dann werden die Emotionen deutlicher sichtbar. Insofern sehe ich zwischen Männern und Frauen durchaus Unterschiede.

 

Ändert das auch unseren Umgang mit Männern oder Frauen, die Emotionen zeigen?

 

Üblicherweise würden wir „passende Emotionen“ eher verstehen, würden eher darauf eingehen, würden eher auf einen Hilferuf bei Frauen am Arbeitsplatz reagieren als bei Männern. Ich glaube allerdings, dass ein Vorgesetzter, der sensibel ist und nicht nur die Arbeit im Blickfeld hat, in beiden Fällen für die Gefühle der Mitarbeiter einen Sensor hat.

 

Emotionale Intelligenz findet sich immer häufiger in den Anforderungen bei Stellenanzeigen. Wie kann man sich diese Anforderung vorstellen? Und kann man sie irgendwie messbar machen?

 

Naja, es wird vielfach wohl als Empathie verstanden, sich in andere hineinversetzen zu können und die Gefühlslage von anderen und deren Nöte auch verstehen zu können. Das ist wesentlich. Man könnte unter emotionaler Intelligenz auch das psychologische Wissen um Widerstände und Wünsche anderer Personen verstehen und die Bereitwilligkeit und Fähigkeit zu kooperieren. Viele dieser Phänomene sind zu einem überwiegenden Teil auf Emotionen und deren Wahrnehmung bezogen. Emotionale Intelligenz ist gerade in einer Welt gefragt, wo Kooperation wichtig ist und wo Komplexität gegeben ist. Wo man sich auf gewisse Signale verlassen muss.

 

Werden wir emotionale Intelligenz als Anforderung damit Ihrer Meinung nach noch öfter in Stellenanzeigen lesen?

 

Ich glaube, dass das ein Thema ist.  Emotionen richtig zu verstehen, richtig zu enkodieren und dekodieren, das ist eine wichtige Fähigkeit. Sie ist notwendig für Mitarbeiter, die mir als Vorgesetztem Feedback geben oder denen ich Unterstützung bei der Funktion und der Ausführung von Zielen geben kann.

 

Glauben Sie, dass man Emotionen im Arbeitsalltag vor allem sachgerichtet ausleben sollte?

 

Nein, nicht sachgerichtet ausleben. Aber am Arbeitsplatz ist die Sache das Zentrale. Ich kenne wenige Arbeitsplätze, wo die Emotionen der Mitarbeiter das Ziel der Tätigkeit sind. Es sind die unternehmerischen Ziele. Aber diese werden durch Miteinander erreicht. Wenn man an die Reifegradtheorie der Führung denkt: Da haben Sie ja unterschiedliche Reifegrade von Mitarbeitern, die eine Rolle spielen und die relevant dafür sind, welcher Führungsstil effizient ist. Das geht bis zu einem Laissez-faire-Stil. Das beginnt damit, dass Mitarbeiter sich eine bestimmte Sache nicht zutrauen und sie auch nicht ausführen könnten. Dort kann man als Chef unterstützen und Mut machen. Bis hin zu Experten, die ich dann ihre Arbeit verrichten lasse, weil ich weiß, dass die nicht nur die Ziele kennen, sondern auch die erfolgreichen Wege zum Ziel. Aber allein an dieser Theorie sieht man schon, wo emotionales Verständnis relevant ist und wo ich mit Emotionen eher in einen Prozess eingreife, den ich möglicherweise störe.

 

Welcher Führungsstil wird für Sie in den nächsten Jahren dominieren?

 

Ich glaube an die situativ unterschiedlichen Stile. Sie werden in den nächsten Jahren die Situationen haben, wo Mitarbeiter weder die Sache ausführen können, noch sich zutrauen. Sie werden Gruppierungen vorfinden, wo die Mitarbeiter die Sache schon können, aber sich nicht zutrauen. Oder euphorisch machen möchten, aber das Potential dazu noch nicht haben. Und Sie werden Situationen vorfinden,wo Experten tätig sind.

In Abhängigkeit von diesen Reifegraden werden sich Führungskräfte verhalten. Wissen, was situationsadäquat ist. Empathie zeigen und emotional intelligent handeln. Das wird in Zukunft wichtig sein, das war aber auch in der Vergangenheit nicht unwichtig. Je mehr wir getrennt voneinander arbeiten, je mehr wir die Arbeit auf verschiedenste Plätze verteilen und das gemeinsame Miteinander keine körperliche Anwesenheit mehr verlangt, umso mehr wird man sich von der Person an sich trennen und die Sache im Auge haben. Wo wir zusammenarbeiten, da sind auch Gefühle vorhanden und diese zu ignorieren, wäre meiner Meinung nach falsch. Sie jedoch im Falle einer intensiven Gefühlsregung zu zügeln, das halte ich im Arbeitsleben für wesentlich.

 

Glauben Sie, dass ältere Mitarbeiter gegenüber den jungen, vielleicht euphorischen, Mitarbeitern hier im Vorteil sind?

 

Ich glaube nicht, dass das Alter eine Rolle spielt. Es könnte natürlich so sein, dass man mit Erfahrung lernt, wo Jugendliche eben weniger Erfahrung haben. Dafür bringen diese vielleicht ein größeres Interesse und größere Geduld mit. Umgekehrt steigt bei Älteren die Ungeduld, weil gewisse Dinge schon x-mal erfahren wurden.

 

Wie sollte man mit „anonymen“ und „virtuellen“ Emotionen umgehen? Stichwort Arbeitgeberbewertungen im Netz.

 

Sie müssen mehr wissen als ein Punkterating. Emotionen kann man nicht in Form einer Ziffer oder eines Smileys kommunizieren und das war es dann. Bewertungen sind ein erstes Feedback. Damit ist es jedoch nicht getan.

 

 

Sehen Sie einen Unterschied bei großen und kleinen Unternehmen? Ist es in kleinen Unternehmen leichter mit Emotionen umzugehen?

 

Nicht notwendigerweise. In Familienunternehmen kann es sogar mitunter schwieriger sein, wenn der Patriarch nicht gewohnt ist, dass ihm widersprochen wird. Aber in einer kleineren Einheit ist man auch schneller in einem Face-to-face-Gespräch als in einem größeren Unternehmen.

 

Dafür gibt es in kleinen Unternehmen wohl selten eine Schlichtungsstelle.

 

So ist es. Dadurch, dass man den täglichen Kontakt miteinander hat, hat man auch mehr Möglichkeiten aufmerksam zu verfolgen, was mit dem Chef los ist oder mit den Mitarbeitern los ist und man kann direkt darauf eingehen.

 

Die Abschlussfrage: Glauben Sie, dass Tiere einen positiven oder negativen Einfluss auf die Stimmung im Büro haben können?

 

Dass Tiere in Altersheimen, Krankenstationen schon anthromorphisierend quasi genutzt werden als verständnisvolles Gegenüber ist vielfach bekannt. Als – das klingt jetzt ein bisschen abschätzig – Objekt, an dem man die eigenen Emotionen auslassen kann in einer Überbefürsorgung oder einer Liebe, die manchmal auch etwas eigenartig sein kann. Dass Tiere, beispielsweise Hunde, emotional positiv auf ihre Besitzer wirken, das sehen Sie, wenn Sie auf die Straße gehen. Tatsächlich werden Tiere oft gehalten, um emotionale Wärme zu erhalten.

 

Lieber Prof. Dr. Kirchler, wir danken Ihnen für das Interview!

 

 

 

Über den Experten:

Prof. Dr. Erich Kirchler ist seit Oktober 1992 Professor für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspychologie an der Universität Wien und Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Der gebürtige Südtiroler ist neben seiner Lehrtätigkeit unter anderem auch Autor der Bücher „Motivation“ (2010) und „Führung“ (2010).