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Frau mit lockigem Haar und rotem Blazer sitzt an einem Schreibtisch in einem begrünten Büro mit Zimmerpflanzen und Holzwand im Hintergrund

20 Jahre Erfahrung, aber kein Euro mehr: Der Migrant Gender Pay Gap

Schockierende Zahlen aus Deutschland: Migrantinnen verdienen ab dem ersten Tag im Job deutlich weniger als deutsche Männer – im Schnitt ganze 42,9 Prozent! Dieser sogenannte Migrant Gender Pay Gap bleibt oft ein Leben lang bestehen. Während deutsche Männer und Frauen im Laufe von 20 Jahren Berufserfahrung deutliche Gehaltssteigerungen verzeichnen, stagniert das Einkommen vieler Migrantinnen.

Ein Grund dafür sind schlechter bezahlte Jobs, aber selbst bei gleicher Qualifikation und Position bleibt eine Lücke von fast 20 Prozent. Expert:innen sprechen von einer "Canvas Ceiling", die Migrant:innen trotz guter Leistung ausbremst. Die gute Nachricht: Für die nächste Generation schließt sich diese Lücke. Politik und Unternehmen sind gefordert, Integration zu fördern und Lohngleichheit aktiv anzugehen.

Den Gender Pay Gap kennst du wahrscheinlich. Aber wusstest du, dass die Gehaltslücke bei Frauen, die nach Deutschland eingewandert sind, sogar noch deutlich größer ist? Viele Migrantinnen verdienen nach 20 Jahren im Beruf noch genau dasselbe wie zu Beginn ihrer Karriere. Der Migrant Gender Pay Gap, also der Gehaltsunterschied zwischen Migrantinnen und deutschen Männern, ist schockierend: Die Daten einer neuen Studie der Universität Konstanz zeigen, dass viele Frauen langfristig auf der Strecke bleiben.

Migrantinnen verdienen vom ersten Tag an weniger

Die Internationale Arbeitsorganisation hat schon vor einer Weile die Lage in 49 Ländern untersucht und ermittelt, dass eingewanderte Frauen durchschnittlich 20,9 Prozent weniger verdienen als einheimische Männer. In Deutschland fällt die Situation aber gemäß der aktuellen Studie der Wissenschaftlerin Sophie Moser noch dramatischer aus.

Wie wäre es für dich, wenn du beim Berufseinstieg nur halb soviel verdienen würdest wie deine Kollegen? Genau das ist die Realität von vielen Migrantinnen in Deutschland: Sie verdienen ab dem ersten Tag im Schnitt 42,9 Prozent weniger als deutsche Männer.

Diesen Gehaltsunterschied zwischen eingewanderten Frauen und Männern mit deutschen Pass nennt man auch Migrant Gender Pay Gap. Zum Vergleich: Männlichen Migranten starten mit 34,8 Prozent Nachteil, deutsche Frauen mit 24,1 Prozent.

Die wichtigsten Begriffe

Gender Pay Gap: Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen. Er liegt in Deutschland aktuell bei etwa 14 Prozent.

Migrant Pay Gap (oder Migration Pay Gap): Die Lohnlücke zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Sie liegt (je nach Datengrundlage deutlich variierend) etwa zwischen 5 und 20 Prozent.

Migrant Gender Pay Gap: Die Kombination beider Effekte. Migrantinnen verdienen 42,9 Prozent weniger als einheimische Männer, sind also doppelt benachteiligt.

20 Jahre ohne beruflichen Aufstieg

Man könnte ja meinen, dass sich dieser enorme Gehaltsunterschied mit mehr Erfahrung im Job etwas ausgleicht. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Einheimische Männer verzeichnen über 20 Karrierejahre hinweg im Schnitt einen Lohnzuwachs von 49 Prozent, einheimische Frauen sogar von 55 Prozent. Viele Migrantinnen verdienen aber auch dann noch exakt dasselbe wie zum Beginn ihrer Karriere. Die Schere des Migrant Gender Pay Gap öffnet sich also mit der Zeit sogar noch weiter.

Null Prozent Lohnzuwachs über zwei Jahrzehnte: So sieht es also aus mit der deutschen Arbeitsmarktintegration. Wer lange im Land ist, seine Sprachkenntnisse ausbaut und jahrzehntetelang Berufserfahrung sammelt, sollte das eigentlich auch am Gehaltszettel merken. Migrantinnen treten aber finanziell auf der Stelle.

Liegt es an den schlechter bezahlten Jobs?

Das übliche Argument für den Migrant Gender Pay Gap ist, dass Migrantinnen einfach die schlechter bezahlten Jobs haben. Aber das stimmt nur zum Teil: Laut der Studie der Universität Konstanz lässt sich nur etwa 55 Prozent der Lohnlücke damit erklären, dass eingewanderte Frauen in schlechter bezahlten Branchen, Berufen und niedrigeren Positionen arbeiten. Die anderen 45 Prozent bleiben offen.

So bleibt der Gehaltsunterschied zwischen Migrantinnen und Einheimischen nämlich auch dann bestehen, wenn man dieselben Ausgangssituationen vergleicht: 19,9 Prozent weniger für Migrantinnen – bei ungefähr gleicher Qualifikation oder Position.

Die „Canvas-Ceiling“ für Migrantinnen

Forscherinnen sprechen in diesem Zusammenhang auch von der sogenannten Canvas Ceiling, also der „Leinwand-Decke“. Damit gemeint ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Job auf (unsichtbare) systemische Barrieren stoßen, die sie auf der Karriereleiter ausbremsen. Trotz guter Ausbildung und starker Leistung kommen viele nicht über ein bestimmtes Level hinaus.

Die Gründe für die Canvas Ceiling sind vielfältig: Akzente werden als unprofessionell wahrgenommen, ausländische Abschlüsse zählen weniger oder es herrschen Vorurteile, wie zum Beispiel dass Migrant:innen weniger zuverlässig sind. Wer nicht zum unausgesprochenen Standard passt, hat es in der Arbeitswelt wesentlich schwerer.

Dazu kommt, dass viele Migrant:innen die kulturellen Codes nicht kennen, die in der Führungsetage (oder auf dem Weg dorthin) herrschen. Wer aus Netzwerken ausgeschlossen wird oder nicht zum Feierabendbier eingeladen wird, verpasst bestimmte Chancen, befördert zu werden. Für eingewanderte Frauen verdoppelt sich der Effekt, weil sie zusätzlich die geschlechtsbedingten Nachteile erleben.

Herkunft als Schicksal?

Wie einfach oder schwierig es ist, beruflich erfolgreich zu sein, bleibt eng mit den Geburtsprivilegien verknüpft. Sogar innerhalb der Gruppe der Migrantinnen gibt es große Unterschiede.

Frauen aus dem Nahen Osten sowie aus Nord- und Subsahara-Afrika trifft der Migrant Gender Pay Gap am härtesten: Sie verdienen schon zu Karrierebeginn über 50 Prozent weniger als deutsche Männer. Der herkunftsbedingte Nachteil überlagert dabei sogar den Geschlechterunterschied, Männer und Frauen aus diesen Regionen leiden also gleichermaßen.

Viele Migrantinnen finden gar keinen Job

Wichtig zu wissen: Die Daten erfassen nur Frauen mit Job. Die tatsächliche ökonomische Situation ist noch ein bisschen komplexer. Die Erwerbstätigenquote von Migrantinnen liegt nämlich nur bei 46,3 Prozent, bei den einheimischen Männern sind 73,6 Prozent berufstätig. Über die Hälfte der zugewanderten Frauen ist aktuell nicht im Arbeitsmarkt vertreten.

Hoffnung für die nächste Generation

Die einzige ansatzweise gute Nachricht aus der Studie der Universität Konstanz ist, dass der Migrant Pay Gap nur für die erste Generation der Einwanderer gilt. Bei den weiblichen Kindern und Enkelkindern der Migrant:innen besteht dann „nur“ noch der Gender Pay Gap, der auch Frauen mit deutschen Eltern betrifft.

Der Migrant Gender Pay Gap schadet allen

Das Entgelttransparenzgesetz von 2017 reicht einfach nicht: Es fehlen Durchsetzungsbestimmungen, Firmen halten Informationen zurück und messbare Verbesserungen bleiben aus. Viele Migrantinnen bleiben in Jobs gefangen, die weit unterhalb ihrer Qualifikation liegen und/oder verdienen deutlich weniger als ihre deutschen Kollegen.

Politik und Unternehmen sind jetzt gleichermaßen gefragt. Ein großer Teil des Migrant Gender Pay Gaps entsteht dadurch, dass viele eingewanderte Frauen gar nicht die Möglichkeit haben, an gut bezahlte Jobs zu kommen. Wenn qualifizierte Frauen auf niedrigen Positionen hängenbleiben, gehen dem deutschen Arbeitsmarkt wichtige Talente verloren.

Sprach- und Integrationskurse sowie Weiterbildungen, aber auch bessere öffentliche Kinderbetreuung sind wichtig: Das kommt Frauen aller Nationalitäten zugute.

Fazit: Der Migrant Gender Pay Gap in Deutschland

Integration am Arbeitsmarkt ist für Migrantinnen der ersten Generation oft eine Sackgasse. Ohne gezielte politische Eingriffe droht eine dauerhafte finanzielle Marginalisierung dieser Gruppe. Auch für die deutsche Wirtschaft ist es extrem wichtig, die Anerkennung von Qualifikationen zu erleichtern, die Einstiegshürden zu verringern und auch Lohnunterschiede innerhalb derselben Jobs aktiv zu bekämpfen.

Transparenz ist dafür der erste Schritt. Frauen können sich auch selbst informieren, um zu sehen, wo sie stehen: Der kununu Gehaltsvergleich zeigt dir genau, was andere in deinem Bereich verdienen. Denn wer die Unterschiede kennt, kann besser verhandeln und gezielt nach fairen Arbeitgebern suchen.