Generation-Praktikum: Auf diese Erfahrungen hätte man verzichten können

Überforderung, miese Arbeitsbedingungen und schlechte oder gar keine Bezahlung – es gibt niemanden, der sie wohl noch nicht gehört hat: Horrorgeschichten rund ums Thema Praktikum. Doch stimmen die Klischees? Wir sind der Frage nachgegangen.

Mindestlohn ist kein Garant

Praktika werden meist als Einstiegshilfe in den Arbeitsmarkt gesehen, doch für viele bedeutet es schlechte Arbeitsbedingungen und schuften zum Nulltarif. Die Europäische Kommission berichtete im Jahr 2013, dass mehr als die Hälfte (59 Prozent) aller in der EU absolvierten Praktika unbezahlte Arbeitsverhältnisse seien. Während Österreich mit knapp 70 Prozent bezahlter Praktika EU-weit auf dem dritten Platz liegt, gingen in Deutschland knapp zwei Drittel (62 Prozent) der Praktikanten leer aus.[1]

Laut dem „Praktikantenspiegel“ der Unternehmensberatung CLEVIS hat sich durch die Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 die Vergütung von Praktikanten verbessert.[2] Allerdings werden längst nicht alle Praktikanten gleich bezahlt. Denn der Mindestlohn gilt erst, wenn Praktika länger als drei Monate dauern. Außerdem sind Pflichtpraktika von der Regelung ausgenommen. Es gibt daher immer noch Möglichkeiten, den gesetzlichen Mindestlohn zu umgehen und diese werden auch genutzt. Unternehmen richten ihr Angebot nun bevorzugt an Pflichtpraktikanten oder vergeben kürzere Praktika.[3] Die durchschnittliche Dauer eines Praktikums fiel laut Praktikantenspiegel von rund sechs auf knapp fünf Monate.[4]

In Österreich gibt es derzeit keinen gesetzlich Mindestlohn. Die Entlohnung richtet sich aber branchenabhängig nach dem jeweiligen Kollektivvertrag und das darin festgelegte Gehalt darf nicht unterschritten werden. Doch gerade für Praktika gibt es keine einheitlichen Verträge.[5] Wie sieht es also in der Praxis aus? Wir haben mit drei ehemaligen Praktikanten gesprochen:

Praktikum bei einer SEO-Agentur in Berlin, 25 Jahre

„Bei meinem 3-monatigen Praktikum stand das Sammeln von Berufserfahrung an erster Stelle für mich. Im Vorstellungsgespräch hatten mein Chef und ich vereinbart, dass ich während der Einlernungsphase noch nicht entlohnt werde, sondern erst später, wenn ich meine Aufgaben schon selbständig erledigen konnte. Nach dem ersten vergangenen Monat arbeitete ich bereits selbstständig, doch mein Chef kam entgegen meiner Erwartungen nicht auf mich zu, um über eine Entlohnung für die kommenden zwei Monate zu sprechen. Die ganze Situation schüchterte mich etwas ein und ich war mir unsicher, ob mein Chef überhaupt mit meiner Arbeit zufrieden war. Als zwei weitere unbezahlte Wochen vergingen, nahm ich meinen Mut zusammen und sprach das Gehaltsthema an. Die restliche Praktikumszeit bekam ich 450 Euro monatlich. Bei einer 40 Stunden-Woche für die geleistete Arbeit musste ich dann doch schon mal schlucken.“

Praktikum bei einer PR-Agentur in Wien, 22 Jahre

„Ich habe letztes Jahr ein 6-monatiges Praktikum in einer PR-Agentur absolviert. Ich hatte weder einen Arbeitsvertrag noch wurde ich offiziell entlohnt. Für 25 Wochenstunden habe ich 300 Euro auf Honorarnotenbasis bekommen. Einen angenehmen Arbeitsalltag gab es nicht, denn strukturiertes Arbeiten war ein Fremdwort und es kam immer Druck von oben. Die Fluktuation war extrem: in dem kurzen Zeitraum meines Praktikums wechselte das Team ständig. Am Ende habe ich gemeinsam mit einer anderen Praktikantin die ganze Agenturarbeit gemacht, die Kunden durften aber nichts davon wissen – einmal und nie wieder!“

Praktikum bei einem Radiosender in Wien, 25 Jahre

„Letztes Jahr habe ich ein Praktikum bei einem großen Radiosender in Wien gemacht. Die Arbeitsbedingungen waren furchtbar! Die Redaktionsleitung hat uns alle ständig unter psychischen Stress gesetzt, Kollegen wurden regelmäßig fertiggemacht, wenn etwas nicht gepasst hat und vor lauter Druck, hatte man nicht mal Zeit zum Mittagessen. Naja, so nimmt man auch 4 Kilo ab. Nach einem Monat habe ich das ursprünglich für 2 Monate geplante Praktikum abgebrochen, weil ich Überstunden zu den ursprünglich vereinbarten 40 Stunden machen sollte. Und die Krönung: die Bezahlung lag bei 250 Euro pro Monat.“

Unser Tipp: Such das Gespräch

Auch wenn man auf Praktika-Erfahrungen wie diese gut und gerne verzichten kann, sollte man sie nicht allgemein verteufeln. Denn wenn sie richtig ablaufen, stellen sie eine win-win-Situation für beide Seiten dar. Im Vordergrund steht für viele Studenten ohnehin das Sammeln praktischer Erfahrungen und die dadurch erzielten Lerneffekte. Unternehmen können von engagierten Praktikanten ebenfalls nur profitieren.

Doch wie finde ich ein passendes Praktikum? CLEVIS-Studienleitern Katarina Bierer erklärt: „Die Erwartungen an das Praktikum sollten sowohl auf Seiten des Arbeitgebers als auch auf Bewerberseite bereits im Bewerbungsgespräch abgeklärt werden. Dadurch kann ein optimaler Fit zwischen Kandidaten und Unternehmen gewährleistet werden und falsche Erwartungen werden vermieden.“

Ob Arbeitszeiten, Aufgabengebiete oder Bezahlung: Es sollte nach dem Gespräch keine Frage zu den Arbeitsbedingungen offen sein. Und sofern du es noch nicht getan hast: check auf kununu.com die Erfahrungsberichte. Dann steht deinem Traumpraktikum auch nichts mehr im Weg. Oder hast du bereits ein Praktikum hinter dir? Dann verrate uns auf kununu.com wie es lief!

 

Quellen:

[1] ec.europa.eu

[2] [4] clevis.de

[3] faz.net

[5] arbeiterkammer.at