Mindestlohn

Warum der Mindestlohn längst nicht ausreichend ist – oder doch?

Der gesetzlich vorgegebene Mindestlohn sollte Arbeitnehmer in Deutschland eigentlich vor Lohndumping und Ausnutzung schützen. Aber kann das ein Stundenlohn von 9,19 Euro brutto überhaupt wirklich leisten? Wir präsentieren dir die wichtigsten Facts zum Thema gesetzlicher Mindestlohn, dessen Vorteile, zeigen aber auch das große Weiterentwicklungspotenzial der aktuellen Regelungen auf.

Mindestlohn – was steckt überhaupt dahinter?

Bei der Einführung des deutschen Mindestlohns im Jahr 2015 betrug dieser noch 8,50 Euro brutto. Wie man auf diesen Betrag kam? Er lag durchschnittlich 30 Prozent unter den üblichen Tariflöhnen und entsprach deshalb vor dem Gesetz der sogenannten Sittenwidrigkeit. Nach diversen Initiativen und daraus resultierenden Anpassungen liegt der gesetzliche Mindestlohn heute bei 9,19 Euro brutto und wird ab 01. Januar 2020 nochmals auf 9,35 Euro angehoben. Nicht allzu viel, wenn man bedenkt, dass davon natürlich im Normalfall noch die Steuern und etwaige Versicherungsbeiträge abgezogen werden. Achtung: In einem Arbeitsverhältnis, das dem Mindestlohngesetz unterliegt, trägt der Arbeitgeber sowohl die gesetzliche Kranken- als auch die Rentenversicherung. Dein Unternehmen ist dazu verpflichtet, deine Arbeitszeiten aufzuzeichnen und mindestens zwei Jahre aufzubewahren. Dein Chef muss dir diese Daten immer offenlegen und auf Nachfrage zur Verfügung stellen.


„Moderne Knechtschaft zum Mindestlohn.“ – kununu Mitarbeiterbewertung bei tempus


Aber hat dafür zumindest jeder deutsche Arbeitnehmer Anspruch auf die Mindestbezahlung? Nein. Zunächst musst du 18 Jahre alt werden, damit die Regelung für dich gilt. Du hast es schon geahnt – volljährig zu werden reicht als Voraussetzung für den Mindestlohn auch nicht aus. Zusätzlich musst du nämlich noch per Definition ein deutscher Arbeitnehmer sein. Klar, das bist du nicht, wenn du ehrenamtlich tätig bist, selbstständig bist oder Freiwilligendienst ableistest. So leicht ist die Abgrenzung aber nicht immer. So fällst du nicht unter das Mindestlohngesetz, wenn du Auszubildender bist oder an einer Arbeitsförderungsmaßnahme teilnimmst. Praktikanten bekommen nur das gesetzliche Mindestgehalt, wenn sie freiwillig mehr als drei Monate für einen Arbeitgeber tätig sind. Dann gibt es auch bereits ab dem ersten Praktikumstag den Mindestlohn. Heißt aber auch: Pflichtpraktikanten fallen leider nicht darunter und dürfen per Gesetz weniger Gehalt bekommen. Langzeitarbeitslose unterliegen außerdem der Sonderregelung, dass sie erst sechs Monate nach Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt nach Mindestlohn bezahlt werden müssen.


„Arbeiten für Mindestlohn unter ständigem Stress.“ – kununu Mitarbeiterbewertung bei autoimage GmbH


Die gute Nachricht: Auch Arbeitnehmer aus dem Ausland oder Saisonarbeiter müssen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zumindest nach dem Mindestlohntarif bezahlt werden. Wenn du beispielsweise in einer österreichischen Grenzregion lebst und sowohl in Österreich als auch in Deutschland arbeitest, muss dich dein Arbeitgeber nur für deine Tätigkeit in Deutschland mit mindestens 9,19 Euro brutto stündlich entlohnen. In Österreich darf er den Stundenlohn grundsätzlich nach unten korrigieren.

Insgesamt beziehen laut dem Statistischen Bundesamt rund zwei Millionen Menschen innerhalb Deutschlands lediglich den Mindestlohn als Gehalt.

Die Vorteile des Mindestlohns

Der Mindestlohn hat natürlich diverse Vorteile für die Arbeitnehmer – und die Arbeitgeber, aber dazu weiter unten mehr. In allererster Linie soll das Gesetz der Armut von Arbeitnehmern in Deutschland entgegenwirken, sodass diesen ein Leben ohne staatliche Unterstützung ermöglicht werden kann. Da die Armut weite Kreise zieht und auch akademisch ausgebildete Berufseinsteiger bzw. Praktikanten betreffen kann, hilft auch diesen die Regelung weiter. Lohndumping, bei dem Unternehmen ausländische Mitarbeiter unterbezahlt einstellen und die inländische Stelle streichen, kann zumindest in der Theorie eingegrenzt werden.

Obwohl der Mindestlohn hauptsächlich für die Arbeitnehmer von hoher Relevanz ist, können auch Arbeitgeber ihre Vorteile daraus ziehen. Sie bekommen nämlich so motiviertere Mitarbeiter, weil diese den Sinn ihrer Tätigkeit weniger hinterfragen und durch die gerechte Behandlung meist engagierter handeln. Dem Staat selbst kommt das Mindestlohngesetz unter anderem deshalb zugute, weil so Schwarzarbeit und die damit einhergehende Steuerhinterziehung verhindert werden soll.

Welches Entwicklungspotenzial hat der Mindestlohn?

Gerade haben wir dir schon die diversen Vorteile des Mindestlohns vorgestellt. Trotzdem: Optimal ist das Gesetz für die betroffenen Arbeitnehmer bei weitem noch nicht. So ist die empfundene und tatsächliche Armut sehr stark vom Wohnort abhängig. Jemand, der in München den Mindestlohn von 9,19 Euro brutto verdient, kann sich ohne staatliche Unterstützung kaum eine ausreichend große Wohnung leisten oder eine Familie ernähren. Am Land oder in Städten mit günstigem Wohnraum lässt es sich dagegen mit dem Lohn schon weit besser leben als ohne. Ähnlich unberücksichtigt bleibt die individuelle Lebenssituation der Mindestlohnbezieher. Ist jemand für die Pflege von Angehörigen zuständig oder alleinerziehend, wird sein Lebensstandard trotz Mindestlohn voraussichtlich nur sehr niedrig sein. Der Mindestlohn ist aus diesen Gründen immer wieder ein politisches Diskussionsthema.

Lohndumping kann zwar theoretisch bekämpft werden, resultiert aber in einem ganz anderen Problem. Unternehmen lagern ihre (Produktions-)Standorte gänzlich in das Ausland aus, um den finanziellen Vorgaben zu entfliehen. Worin liegt dann das Entwicklungspotenzial? Man kann den Unternehmen ja schließlich nicht vorschreiben, wo sie ihre Standorte eröffnen. Oder? Gewissermaßen doch. Staatliche Anreize bewegen viele Unternehmen dazu, trotzdem im Inland zu bleiben. Diese sollten zugunsten der Arbeitnehmer weiter durchdacht und ausgebaut werden.

Das ist aber noch nicht alles, was bedacht werden muss. Problematisch ist und bleibt auch die Überprüfung der Unternehmen auf die Einhaltung des Gesetzes. Manche Arbeitnehmer schweigen zu den Verstößen aus Angst, dass sie gekündigt werden könnten und mit ganz leeren Händen dastehen würden. Wenn du den Verdacht hegst, dass dein Arbeitgeber gegen das geltende Mindestlohngesetz verstößt, kannst du dich bei der Bundesagentur für Arbeit bzw. der Finanzkontrolle Schwarzarbeit melden. Das kannst du auch tun, wenn nicht du, sondern deine Kollegen betroffen sind. Die Beschwerde bleibt anonym.