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Junge Frau sitzt nachdenklich am Fenster

Geld macht glücklich – aber wen genau?

Männer scheffeln Kohle, Frauen kämpfen? Fast jeder zweite Mann verdient über 3.000 Euro netto, aber nur jede vierte Frau. Das beeinflusst nicht nur den Kontostand, sondern auch das Lebensgefühl. Studien zeigen: Frauen sind öfter im Niedriglohnsektor, Männer verbinden Gehalt mehr mit Status. Obwohl viele wissen, dass Männer mehr verdienen, sind Begriffe wie "Equal Pay Day" oft unbekannt. Frauen legen Wert auf Gleichbezahlung, sind aber zurückhaltender bei Gehaltsverhandlungen. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie soll bis 2026 Klarheit schaffen, aber Unternehmenskultur muss mitspielen. Der Gender Pay Gap ist mehr als nur eine Zahl – er prägt den Alltag und das Gefühl von Fairness.

Fast jeder zweite Mann verdient mehr als 3.000 Euro netto, bei den Frauen ist es nicht einmal jede Vierte. Diese Schere beim Einkommen entscheidet über weit mehr als nur die Zahlen auf dem Konto: Sie bestimmt, wer sich ein komfortables Leben leisten kann und wer nur Grundbedürfnisse deckt. Zwei repräsentative kununu-Studien zeigen nun, wie tief die ungleiche Bezahlung in den Alltag und das persönliche Glück eingreift.

Die harte Realität: Wer verdient was?

Der kununu Happiness-Index 2025 (befragt durch forsa im Sommer 2025) verdeutlicht die Kluft in der Einkommensverteilung zwischen Niedriglohnsegment und Vielverdienern.

  • Das Niedriglohnsegment: Fast ein Drittel der Frauen verdient netto weniger als 2.000 Euro im Monat. Bei Männern betrifft dies lediglich rund jeden Zehnten.
  • Die „Vielverdiener“: Während 45 Prozent der Männer mindestens 3.000 Euro netto beziehen, sind es bei den Frauen nur 23 Prozent.

Diese Unterschiede übersetzen sich direkt in Lebensqualität: 44 Prozent der Männer geben an, finanziell komfortabel leben zu können. Bei den Frauen sind es nur 36 Prozent. Am unteren Ende der Skala müssen 15 Prozent der Frauen ihr gesamtes Einkommen allein für die Deckung der Grundbedürfnisse aufwenden.

Problem bekannt, Begriffe fremd

Trotz der spürbaren Auswirkungen im Alltag gibt es Wissenslücken. Eine kununu-Umfrage vom Februar 2026 zeigt: Die Mehrheit weiß zwar, dass Männer im Schnitt mehr verdienen, doch Begriffe wie „Equal Pay Day“ sind vielen fremd. Mehr als die Hälfte der Befragten hat noch nie davon gehört – besonders hoch ist dieser Anteil interessanterweise unter Frauen.

Das Streben nach Geld und Glück

Die Studien zeigen, dass das Gehalt für Männer und Frauen eine unterschiedliche emotionale Rolle spielt. Zum einen beim Thema Zufriedenheit: 59 Prozent der Männer sind mit ihrem Netto-Monatsgehalt glücklich, bei den Frauen ist es mit 51 Prozent gerade einmal die Hälfte.
Zum anderen beim Thema Status versus Beziehungen: Männer verknüpfen ihr Einkommen stärker mit ihrem Selbstwert und Status. Für Frauen stehen soziale Beziehungen und Freundschaften an erster Stelle der Glücksfaktoren.

Und zuletzt und nicht zu verachten, das Thema Sicherheitsbedürfnis: Paradoxerweise wünschen sich Frauen langfristige finanzielle Sicherheit sogar häufiger als Männer – erreichen diese aufgrund der strukturellen Hürden jedoch seltener.

Sensibilität für Fairness

Beim Thema Gleichbezahlung zeigen sich ebenfalls Unterschiede in Wahrnehmung und Reaktion. Frauen ist es häufiger wichtig zu wissen, ob sie für die gleiche Tätigkeit genauso viel verdienen wie ihre Kolleg:innen. Und sie reagieren deutlich sensibler, wenn sie erfahren würden, dass sie trotz gleicher Leistung schlechter bezahlt werden. Gleichzeitig gehen Männer etwas häufiger davon aus, dass in ihrem Unternehmen bereits Gleichbezahlung herrscht.

Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung deutet darauf hin, dass Erfahrungen im Arbeitsalltag unterschiedlich ausfallen – oder zumindest unterschiedlich bewertet werden. Der Gender Pay Gap wirkt also nicht nur ökonomisch, sondern auch emotional. Er beeinflusst das Gerechtigkeitsempfinden und das Vertrauen in den eigenen Arbeitgeber.

Verhandeln Männer anders?

Ein Blick auf das Thema Gehaltsverhandlungen ergänzt das Bild. Männer haben bereits häufiger ihr Gehalt verhandelt und geben auch öfter an, dabei erfolgreich gewesen zu sein. Auch sind sie ebenso oft der Meinung, dass sie „überdurchschnittlich viel Geld verdienen sollten“. Frauen dagegen schätzen ihre Verhandlungsspielräume zurückhaltender ein.

Gleichzeitig sind sie weniger bereit, für ein höheres Gehalt Abstriche in anderen Lebensbereichen zu machen. Auch das kann als Ausdruck unterschiedlicher Risikobewertungen verstanden werden – oder eben als Hinweis darauf, dass strukturelle Hürden für sie höher erscheinen. Der Gender Pay Gap entsteht somit nicht allein durch Branchen- oder Positionsunterschiede, sondern auch durch unterschiedliche Verhandlungsrealitäten und -erwartungen.

Der Wendepunkt: Transparenz bis Juni 2026

Eine Lösung könnte die EU-Entgelttransparenzrichtlinie sein, die bis Juni 2026 in deutsches Recht umgesetzt werden muss. Beschäftigte werden damit vermehrt von ihrem Arbeitgeber informiert, was Kolleg:innen in vergleichbaren Positionen verdienen. Insbesondere Frauen signalisieren eine hohe Bereitschaft, dieses Recht zu nutzen, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Transparenz allein wird jedoch nicht ausreichen; sie erfordert eine Unternehmenskultur, die sich ambitionierte Ziele setzt, prüft und nachsteuert.

Gleichzeitig herrscht auch viel Unsicherheit. Viele Beschäftigte befürchten, als „fordernd“ wahrgenommen zu werden oder Nachteile im Team zu erfahren. Transparenz allein wird daher nicht ausreichen. Sie braucht eine Unternehmenskultur, die Offenheit unterstützt statt sanktioniert.

Gender Pay Gap: Eine Frage der Lebensqualität

Die aktuellen Studien zeigen deutlich: Der Gender Pay Gap beeinflusst nicht nur Einkommen, sondern Lebensstandard, Zufriedenheit, Zukunftsplanung und das Gefühl von Fairness im Job. Frauen sind häufiger im Niedriglohnsegment vertreten. Sie können sich seltener finanzielle Sicherheit leisten. Gleichzeitig wünschen sie sich genau diese Sicherheit besonders stark. Männer wiederum verknüpfen Gehalt stärker mit Status und Selbstwert. Ungleiche Bezahlung wirkt damit tief in den Alltag hinein. Wer über den Gender Pay Gap spricht, spricht nicht nur über Zahlen – sondern über Lebensrealitäten.

Genau deshalb ist die Frage nach Transparenz, Verhandlungsmacht und struktureller Fairness so entscheidend wie nie zuvor.