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Gesundheitsreform 2026

Krank, aber trotzdem arbeiten? Deutschland diskutiert die Teilkrankschreibung

Letztes Update:  6. Mai 2026, 11:13
2 min
Erkältete Frau sitzt mit Decke auf dem Sofa, benutzt ein Taschentuch und arbeitet am Laptop, krank im Homeoffice

Die klassische Krankschreibung in Deutschland kennt nur zwei Zustände: arbeitsfähig oder arbeitsunfähig. Eine Regierungskommission hat Ende März 2026 konkrete Reformvorschläge vorgelegt und einer davon könnte das Arbeitsleben von Millionen Menschen grundlegend verändern.

Das Problem: Alles oder nichts

Bisher gilt: krank oder gesund – ein Dazwischen existiert nicht. Genau das soll sich ändern. Die vom Bundesgesundheitsministerium eingesetzte FinanzKommission Gesundheit hat am 30. März 2026 ihren ersten Bericht an Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) übergeben. Unter den 66 Empfehlungen findet sich die Einführung einer stufenweisen Arbeitsunfähigkeit – die sogenannte Teilkrankschreibung.

Der Hintergrund ist finanzieller Druck: Die Kommission sieht für 2027 eine Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung von rund 15 Milliarden Euro, die ohne Gegenmaßnahmen bis 2030 auf rund 40 Milliarden Euro ansteigen könnte.

So würde die Teilkrankschreibung funktionieren

Das Prinzip: Ärzte entscheiden gemeinsam mit Patient:innen, wie viel Arbeit realistisch ist. Konkret schlägt die Kommission vor, dass behandelnde Ärztinnen und Ärzte die Arbeitsunfähigkeit in vier Stufen einschätzen: 100, 75, 50 oder 25 Prozent und das jeweils in enger Abstimmung mit der betroffenen Person.

Konkret vorgeschlagen sind:

  • Krankschreibung in Stufen statt alles oder nichts
  • Ärzte legen Arbeitsfähigkeit prozentual fest
  • Besonders bei leichten Erkrankungen und langen Genesungsverläufen gedacht
  • Homeoffice als zentraler Baustein
  • Flexiblere und frühere Rückkehr in den Job

Gesundheitsministerin Nina Warken bezeichnete den Bericht als Grundlage für die bislang umfassendste Finanzreform der gesetzlichen Krankenversicherung. Einen Gesetzentwurf plant sie noch vor der Sommerpause 2026, frühestes Inkrafttreten wäre damit 2027. Beschlossen ist noch nichts.

Person sitzt auf einem Bett vor einem Fenster, hat den Kopf in die Hände gelegt und wirkt erschöpft oder belastet
Für viele ist der erste Tag nach einem längeren Krankenstand abschreckend. Von der Teilkrankschreibung verspricht man sich einen geringeren Arbeitsstau und außerdem einen sanfteren Wiedereinstieg.

Vorbild Skandinavien: Modell längst Alltag

In Ländern wie Schweden oder Norwegen ist die Teilkrankschreibung seit Jahren etabliert. Beschäftigte bleiben dort häufiger im Arbeitsprozess, auch wenn sie gesundheitlich eingeschränkt sind.

Expert:innen in Deutschland fordern die Einführung schon länger. Unterstützung kommt unter anderem von der Bundesärztekammer und dem Sachverständigenrat Gesundheit.

Kritik wächst: Droht Druck durch Arbeitgeber?

Nicht alle sehen das Modell positiv. Gewerkschaften warnen vor Druck durch Arbeitgeber. Beschäftigte könnten sich gezwungen fühlen, trotz Krankheit zu arbeiten.

Die Kommission selbst räumt ein, dass Arbeitgeber Druck ausüben könnten. Entscheidend sei deshalb, dass die Einschätzung auf medizinischer Grundlage erfolge und die Zustimmung der Betroffenen voraussetze. Eine vollständige Krankschreibung bleibt jederzeit möglich.

Alternde Belegschaften erhöhen den Druck

Ein zentraler Treiber ist der demografische Wandel. Ältere Beschäftigte fallen im Schnitt länger aus. Gleichzeitig wächst der Fachkräftemangel. Die Teilkrankschreibung könnte genau hier ansetzen: weniger komplette Ausfälle, mehr flexible Arbeitsmodelle und längere Erwerbsphasen.