Menschen in Halle

Gehörst du zu den 66,8 Prozent? Mobbing am Arbeitsplatz

Du liebst deinen Job. Trotzdem wird dir immer häufiger ganz flau im Bauch, wenn du an deinen Arbeitsplatz denkst? Übelkeit und Herzklopfen schnüren deinen Hals zu – weil du Angst hast. Weil du zu den 66,8 Prozent gehörst, die schon einmal Mobbing durch Kollegen oder Vorgesetzte erlebt haben.

Diskriminierung kriecht durch jeden Flur.

Deine Kollegen und Vorgesetzte schüchtern dich ein, grenzen dich aus und entmutigen dich über einen längeren Zeitraum. Du fühlst dich machtlos, weißt keinen Ausweg aus der Situation, deine psychische und physische Energie tendiert gegen Null. Kopfschmerzen, Depressionen sowie Schlaf- Angststörungen schleichen sich ein. Denn das sind die Anzeichen von Mobbing. Mobbing saugt deine Glücksspeicher leer und versteckt sich zwischen Aktenordnern, Supermarktkassen, Chefetagen und Pausenräumen. Und obwohl systematische Ausgrenzungen in allen Branchen der Arbeitswelt durch Flure und Meetings kriechen, wird die Thematik doch von vielen Unternehmen nicht als ernstes Problem angesehen [1,2,3].

Dies zeigt auch eine aktuelle Studie von VIKING und dem Meinungsforschungsinstitut OnePall in einer Befragung von 500 österreichischen Arbeitnehmern: Fast 70 Prozent geben zu, Mobbing am Arbeitsplatz erfahren zu haben. Im Vergleich dazu, sehen aber nur knapp 40 Prozent Mobbing als ernstzunehmendes Problem. Wie kann das sein? Immerhin wäre für mehr als drei Viertel der Befragten Mobbing Grund genug, den Job zu wechseln.

 

Mobbing? Bei uns doch nicht.

Vielleicht weil wir uns dem Problem nicht stellen oder es ignorieren. Zwar zeigen die Infografiken von VIKING, dass sich über 80% Prozent gegen Mobbing wehren würden – jedoch wird auch deutlich, dass über 60% nichts gegen Mobbing unternehmen würden, sollte dies negative Konsequenzen auf ihren Job nach sich ziehen. Im Klartext: Bietet das Unternehmen keinen Rückhalt oder Unterstützung und erfolgen die Mobbingattacken vielleicht durch den Vorgesetzten selbst, sinkt der Mut, sich zur Wehr zu setzten. Auffallend ist auch, dass zwar über 70% Prozent der Befragten angaben, einem Kollegen zu helfen, aber in der Realität sieht das leider oft ganz anders aus. Warum schnappen wir uns viel zu selten den Superheldenumhang, wenn unsere Kollegen uns brauchen?

Weil wir leider egoistisch sind. Der am häufigsten genannte Grund der Studie: Wir haben Angst vor negativen Auswirkungen auf unserer Karriere. Obwohl Team-Fähigkeit in fast jeder Stellenanzeige ganz oben drei Mal fett unterstrichen wird, nehmen es fast die Hälfte der Befragten dann doch nicht so genau, wenn es drauf ankommt. Vielleicht auch weil 41,8 Prozent nicht das nächste Opfer werden wollen. Für viele Situationen ebenfalls problematisch: Wann ist Mobbing denn Mobbing? Mehr als die Hälfte der Befragten rechtfertigt ihr Nicht-Eingreifen mit diesen zwei Argumenten: Sie denken, dass sie die Situation missverstanden haben oder es ihnen nicht zustünde sich einzumischen.

Klar lassen sich manche Situationen nicht eindeutig interpretieren, aber höre auf dein Bauchgefühl! Wie würdest du empfinden, müsstest du anstelle deines Kollegen vor versammelter Mannschaft für ein Projekt geradestehen? Handelt es sich noch um faire Kritik oder wird hier jemand wieder und wieder einfach nur bloßgestellt und als Sündenbock vorgeführt? Fakt ist: Niemand wird dir vorwerfen, dass dir der Mut fehlt, deinem Chef ins Gesicht zu sagen, wie falsch er deinen Kollegen behandelt. Aber achte auf deine Mitmenschen und frage nach, wenn du dir unsicher bist. Du kannst deinem Kollegen allein dadurch helfen, dass du ihm zuhörst und seine Ansichten ernst nimmst und ihn darin unterstützt, sich an den Betriebsrat zu wenden oder ein Gespräch mit dem Chef zu suchen.

Ist Mobbing Chefsache?

Jein. Aber er ist neben Beratungsstellen oder dem Betriebsrat definitiv der wichtigste Ansprechpartner. Und wenn er nicht eingreift, dann verhält er sich laut Spiegel Online wie „ein Fußballschiedsrichter, der jedes Foul einer bestimmten Mannschaft durchgehen lässt, jeden Tritt, jeden Schlag, jede Attacke. Das Spiel wird immer brutaler. Würde der Chef sofort dazwischen gehen: Das Mobbing würde im Keim erstickt. Wer als Führungskraft nicht eingreift, spornt die Täter an.“ [5] Dass der Chef sich hinter seine Mitarbeiter stellt, ist nicht nur im Interesse des Firmen-Images! Er hat auch eine Fürsorgepflicht. Seminare, Schulungen und Gespräche könnten die Situation klären – anders ist das natürlich, wenn der Chef selbst zum Täter wird. In diesem Fall sprechen Mobbing-Experten von „Bossing“ [4]. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass zwar fast bei 25 Prozent der Befragten Mobbingpräventionen im Verhaltenscodex verankert sind, aber bei über 63 Prozent die Firmen nur bei Bedarf aktiv werden – wenn überhaupt.

Das kannst du tun!

Auch wenn es schwerfällt, sich einzugestehen, dass in seinem Umfeld etwas schiefläuft: Vertraue dich direkt jemandem an, frage nach Rat und bespreche die Situation. Manchmal lassen sich Missverständnisse direkt klären, in anderen Fällen hilft eine zweite Meinung. Oder melde dich bei einer Helpline, die dir erste Tipps geben kann. Und so blöd es auch klingen mag, aber sammle Zeugen und Beweise. Denn sollte die Situation so unhaltbar werden, dass du dich vor dem Betriebsrat oder vor einem Gericht erklären möchtest, bist du in der Beweispflicht. Hierbei kann es schon helfen Mails zu sichern oder sich Situationen mit Datum und Anwesenden aufzuschreiben!

 

Quellen:

[1] wok.at
[2] focus.de
[3] Mobbing am Arbeitsplatz: Aktuelle Konzepte zu Theorie, Diagnostik und Verhaltenstherapie
[4] spiegel.de
[5] spiegel.de 
[6] tn3.de