Bildungschancen in Europa
Nur 2 von 100 benachteiligten Jugendlichen gehören zur Spitze
2 von 100 Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien in Deutschland gehören zur Leistungsspitze, aus privilegierten Elternhäusern sind es rund 25. Das sagte Samuel Greiff, Leiter der PISA-Studie in Deutschland, bei der Vorstellung am 8. September. Die Lücke wächst seit zehn Jahren und sie endet nicht mit der Schule.
Deutschland koppelt Leistung fester an Herkunft als der Rest der OECD
Deutschlands Schüler:innen schneiden bei PISA so schlecht ab wie noch nie. Gleichzeitig hängt der Bildungserfolg hierzulande stärker vom sozialen Hintergrund ab als im OECD-Durchschnitt: In den Naturwissenschaften beträgt der Leistungsabstand zwischen dem sozial stärksten und dem sozial schwächsten Viertel 125 Punkte – international sind es 85. Seit 2015 ist diese Kluft in Deutschland weiter gewachsen, während sie im OECD-Durchschnitt kleiner geworden ist.
Der Trichter verengt sich auf jeder Stufe
Nach der Schule setzt sich die Sortierung fort. Der Bildungstrichter des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigt, wie der Abstand wächst:
- Von 100 Kindern aus akademischen Familien beginnen 78 ein Studium, aus nicht-akademischen 25.
- Haben die Eltern keine Berufsausbildung, schreiben sich nur 8 von 100 an einer Hochschule ein.
- Selbst bei gleichen Abschlussnoten studieren junge Menschen aus nicht-akademischen Familien seltener.
Der letzte Punkt ist der unbequemste: Den Ausschlag geben nicht die Noten.

Frankreich streitet über denselben Befund
Jean-Paul Delahaye, ehemaliger Generaldirektor für schulische Bildung, legte am selben Tag in „Le Monde“ vergleichbare Zahlen vor: In der allgemeinen Oberstufe stellen Kinder von Führungskräften 37,1 Prozent, Arbeiterkinder 14,8 Prozent.
An den Universitäten sinkt deren Anteil auf 8,7 Prozent, an den Eliteschulen auf 2 Prozent. Delahaye wendet sich gegen Pläne, Jugendliche aus einfachen Verhältnissen früher in Berufe zu lenken: Für die einen sei Orientierung eine Wahl, für die anderen eine Zuweisung.
Was in Klasse vier beginnt, steht später im Lebenslauf
Deutschland sortiert früher als die meisten Länder, meist nach der vierten Klasse. Das Gleis, auf dem ein Kind dort landet, wirkt über Abschluss und Berufszugang bis in die Gehaltsverhandlung. Für Unternehmen ist das ungenutztes Potenzial, während Fachkräfte fehlen. Für die 98, die es nicht an die Spitze schaffen, ist es ein Bildungsweg, der weitgehend feststand, bevor sie ihn gehen konnten.