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Aus für den 8-Stunden-Tag?

73,5-Stunden-Woche: Merz drängt, Bas zögert

Veröffentlicht:  20. Mai 2026, 08:10
2 min
Überarbeiteter Mann schläft nachts erschöpft am Schreibtisch im Büro

Bis zu 73,5 Wochenstunden wären rechtlich möglich, wenn die Bundesregierung den Acht-Stunden-Tag streicht. Genau das steht im Koalitionsvertrag und Kanzler Friedrich Merz (CDU) würde am liebsten gleich „das Arbeitszeitgesetz streichen“. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) ist zuletzt aber auf Distanz gegangen. Im Juni soll der Gesetzentwurf trotzdem kommen.

Vom Tag zur Woche: Das ist neu

Bisher schreibt § 3 Arbeitszeitgesetz acht Stunden pro Tag vor, ausnahmsweise zehn – bei einem Halbjahresdurchschnitt von acht. Künftig soll diese Tagesregel entfallen und nur noch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gelten. So steht es im Koalitionsvertrag von Union und SPD.

Bas wies im Bundestag den Vorwurf zurück, es gehe um längere Arbeitszeiten generell. Sie will Eltern mehr Spielraum für Beruf und Familie geben. Kanzler Friedrich Merz selbst verteidigte die Reform auf dem DGB-Bundeskongress im Mai: „Wir brauchen diese Flexibilität für die Wettbewerbsfähigkeit.“ Parallel kommt eine elektronische Zeiterfassung als Umsetzung des EuGH-Urteils von 2019.

Woher die 73,5 Stunden kommen

  • 24 Stunden minus 11 Stunden Mindestruhezeit
  • minus 45 Minuten Pflichtpause (gilt ab 9 Stunden Arbeit; zwischen 6 und 9 Stunden sind nur 30 Minuten vorgeschrieben)
  • = 12 Stunden 15 Minuten Arbeit am Tag
  • mal sechs Werktage (EU-Recht garantiert nur einen Ruhetag)
  • = 73,5 Stunden pro Woche

Die Rechnung stammt vom gewerkschaftsnahen Hugo-Sinzheimer-Institut. Im Halbjahresmittel bliebe die 48-Stunden-Grenze bestehen. Einzelne Wochen könnten dafür umso intensiver ausfallen.

Mutter arbeitet im Homeoffice mit Headset und Baby auf dem Schoß
Arbeitsministerin Bärbel Bas legt den Gesetzentwurf im Juni vor, auch wenn sie selbst auf Distanz geht.

Schichtbranchen besonders im Fokus

DGB-Chefin Yasmin Fahimi, am 11. Mai mit 96,1 Prozent als Vorsitzende bestätigt, drohte auf dem DGB-Bundeskongress offen mit Protesten: „Finger weg von der Acht! Sonst müssen und werden wir gemeinsam dafür sorgen, dass der Protest dagegen auf die Straße kommt“. Aus ihrer Sicht fehlt Beschäftigten in vielen Betrieben die Verhandlungsmacht, sich gegen 12- oder 13-Stunden-Anweisungen zu wehren. 

NGG-Chef Guido Zeitler warnt vor Risiken in Branchen mit Schichtdienst und hohem Druck – etwa Lebensmittelproduktion und Gastronomie. 

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sieht ab 40 Wochenstunden erhöhte Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Arbeitsunfälle.

Eine forsa-Umfrage zeigt zwar Zustimmung: 59 Prozent halten den Wechsel zur Wochengrenze für richtig, unter abhängig Beschäftigten sind es 57 Prozent. Eine aktuelle Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kommt jedoch zum gegenteiligen Ergebnis: Knapp drei Viertel der Beschäftigten fürchten negative Folgen für Erholung, Gesundheit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn Arbeitstage von mehr als zehn Stunden möglich werden.

Wie es jetzt weitergeht

Beschlossen ist nichts. Mit Bas‘ jüngster Distanzierung von einer pauschalen Abschaffung wirkt selbst die ursprüngliche Stoßrichtung nicht mehr ganz sicher.

Nach dem Juni-Entwurf folgen Verbändeanhörung und Bundestagsverfahren, in denen sich Details verschieben können. Wie groß der Spielraum nach oben am Ende wird, hängt davon ab, wie stark Mitbestimmung und Tarifverträge gegenhalten.