Home-Office in Deutschland
Merz predigt Präsenz: 60 Prozent machen trotzdem Home-Office
Im Bundeskanzleramt sollen 100 Prozent Home-Office möglich sein. Gleichzeitig predigt Kanzler Friedrich Merz mehr Leistung, mehr Präsenz, weniger Work-Life-Balance. Eine kununu-Umfrage zeigt, was davon von Arbeitnehmer:innen im Rest des Landes gelebt wird.
Predigen und praktizieren – zweierlei Maß
Seit seinem Amtsantritt im Mai 2025 mahnt Friedrich Merz die Deutschen regelmäßig zu mehr Leistung. „Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug“, klagte der Bundeskanzler vor der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau. Vier-Tage-Woche, Work-Life-Balance, zu viele Krankheitstage, Merz hat zu all dem eine klare Meinung.
Was gleichzeitig gilt: Nicht nur im Bundeskanzleramt und im Verteidigungsministerium soll mobiles Arbeiten ohne Einschränkungen möglich sein, laut einem Bericht der „Bild“ ist Home-Office quer durch die Ministerien die Regel. Im Familienministerium reicht eine Voranmeldung, im Justizministerium braucht man immerhin „besondere private Umstände“. Kontrolliert wird dabei kaum jemand. Der Staat ermahnt also zur Präsenz und pflegt intern eine ganz andere Arbeitskultur. Wer trotzdem ins Büro kommt, tut es vor allem aus einem Grund: Wer gesehen wird, macht Karriere.
Wie Arbeitnehmer:innen in Deutschland wirklich arbeiten
Eine kununu-Umfrage unter 1.100 Beschäftigten von Mai 2026 zeigt:
- 34 Prozent können regelmäßig im Home-Office arbeiten
- 26 Prozent gelegentlich
- Nur 37 Prozent haben diese Möglichkeit gar nicht.
Das deckt sich mit den Ergebnissen der Konstanzer Homeoffice-Studie (März 2025): Nur noch 19 Prozent der Beschäftigten berichten von einer verschärften Präsenzpflicht in ihrem Unternehmen, ein Rückgang gegenüber 22 Prozent im Jahr 2024. Eine vollständige Rückkehr ins Büro an allen fünf Wochentagen ist sogar nur bei acht Prozent der Befragten Realität.
Die Rückkehr ins Büro, die nie kam
Dass das Thema Präsenz in der Arbeitswelt an Bedeutung gewonnen hat, zeigt auch ein Blick in kununu-Rezensionen: Während Arbeitnehmer:innen das Thema 2019 kaum erwähnten, taucht es 2025 deutlich häufiger in Bewertungen auf.
Der Diskurs hat sich verschoben, die Praxis offenbar nicht. Die große Rückkehr ins Büro, die viele nach der Pandemie erwartet hatten, ist in der deutschen Arbeitswelt schlicht nicht angekommen.