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Streit um die Attestpflicht

85,6 Milliarden Euro: Was die Attestpflicht nicht löst

Veröffentlicht:  7. September 2026, 09:16
2 min
Kranke Frau liegt mit Decke auf dem Sofa und hält eine Tasse in der Hand.

85,6 Milliarden Euro kostete die Lohnfortzahlung die Arbeitgeber in Deutschland 2025 – so viel wie nie. Ausgerechnet jetzt streitet die Koalition über eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Die Kassendaten zeigen: Die teuren Fälle liegen woanders.

21 Milliarden Euro mehr als 2020

Die Rekordsumme stammt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW): 72,5 Milliarden Euro fortgezahlte Bruttoentgelte, dazu 13,1 Milliarden Sozialbeiträge. Gut 21 Milliarden mehr als 2020 – auch, weil mehr Menschen beschäftigt sind und die Löhne stiegen.

Nicht die Erkältung kostet, sondern der lange Ausfall

Der Krankenstand blieb 2025 stabil bei 6,1 Prozent. Eine Auswertung des BKK Dachverbandes zeigt, welche Fälle kosten:

  • 22,1 Fehltage im Schnitt, davon 6,8 Tage mit Krankengeld – mehr als ein Viertel
  • Atemwegserkrankungen: 35,9 Prozent der Fälle, aber nur 6,1 Tage Dauer
  • Muskel-Skelett-Erkrankungen: 12,5 Prozent der Fälle, über ein Fünftel aller Fehltage
  • Psychische Erkrankungen: 5,4 Prozent der Fälle, im Schnitt mehr als fünf Wochen

„Es sind die langen, oft Muskel-Skelett und psychisch bedingten Ausfälle, die zum eigentlichen Kostentreiber werden“

Ältere fehlen nicht öfter, sondern länger

Im ersten Quartal 2026 lag der Krankenstand der über 55-Jährigen bei 9,00 Prozent, bei den unter 25-Jährigen bei 5,25 Prozent. Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen erreichen die Älteren das Sechsfache.

Bas bremst, die Union pocht auf den Beschluss

Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) stellte die Attestpflicht nach der Kabinettsklausur infrage. „Ich bin koalitionstreu, aber wir sollten uns schon nochmal fragen, ob das sinnvoll ist“, sagte sie der Funke Mediengruppe. Ihr Einwand: Für tarifgebundene Unternehmen sind Ausnahmen vorgesehen. Einen Umsetzungsvorschlag will sie erst vorlegen, wenn Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) die gekoppelte Termingarantie liefert. Die Union besteht auf dem Beschluss.

Für strengere Nachweise bräuchte es kein neues Gesetz. Arbeitgeber dürfen schon heute ein Attest ab dem ersten Fehltag verlangen, sie tun es nur selten. Das IW rechnet auch nach einer Reform nicht mit flächendeckender Anwendung – zu hoch der Aufwand, zu groß das Risiko fürs Vertrauen im Betrieb. Die 85,6 Milliarden Euro entstehen ohnehin nicht am ersten Krankheitstag, sondern in Woche vier, fünf und sechs.