Streit um Teilzeit
Kein Lifestyle-Entscheidung: Warum 40,3 Prozent tatsächlich in Teilzeit arbeiten
40,3 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Teilzeit, so viele wie nie zuvor. Der Rekord entsteht aber nicht dort, wo Beschäftigte kürzertreten, sondern dort, wo Vollzeitstellen verschwinden. Eine Partei hat daraus längst einen Beschluss gemacht.
Der Rekord kommt aus der Industrie
Im zweiten Quartal 2026 übersprang die Teilzeitquote erstmals die 40-Prozent-Marke, meldet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten legte um 0,5 Prozent zu, die der Vollzeitbeschäftigten fiel um 0,9 Prozent. Gesundheitswesen, Pflege und Bildung wachsen, die Industrie baut ab. „Die Krisenbranche Industrie verliert viele Vollzeitstellen“, erklärt IAB-Forscher Enzo Weber.
Über die Quote wird gestritten, oft mit verschiedenen Zahlen:
- 40,3 Prozent: IAB, alle Beschäftigten inklusive Minijobs
- 31,9 Prozent: Statistisches Bundesamt, abhängig Beschäftigte 2025
- 21,1 Prozent: Eurostat 2024, EU-Schnitt 13,8 Prozent
- 16,94 Millionen Menschen in Teilzeit zu 25,14 Millionen in Vollzeit
Zwischen eigener Wahl und fehlender Betreuung
Jan Dieren (SPD) sitzt im Arbeitsausschuss des Bundestags. Etwa ein Fünftel derer, die gerne mehr arbeiten würden, scheitere an der Kinderbetreuung: „Das ist keine freiwillige Lifestyle-Entscheidung.“
Der Mikrozensus zeichnet ein doppeltes Bild: 2024 nannten 27,9 Prozent der Teilzeitkräfte den eigenen Wunsch als Hauptgrund. Von denen, die wegen Betreuung reduzieren, wollten 65,3 Prozent das selbst übernehmen, nur 11,1 Prozent fanden kein passendes Angebot.

Die CDU hat längst entschieden
Im Februar 2026 beschloss die CDU auf ihrem Parteitag den Antrag „Teilzeitansprüche ordnen – Erwerbstätigkeit stärken“. Der Anspruch soll zielgerichtet bleiben: bei Erziehung, Pflege oder Weiterbildung. Das Wort „Lifestyle-Teilzeit“ aus dem Ursprungspapier war da schon gestrichen. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert seit Amtsantritt einen Mentalitätswechsel zu mehr Leistungsbereitschaft.
Ein Gesetz ist daraus bisher nicht geworden. Ein Blick zurück dämpft die Erwartungen: Als Deutschland den Teilzeitanspruch 2001 einführte, änderte sich in den Betrieben kaum etwas. Von über 5.000 befragten Unternehmen lehnte ein einziges einen Antrag aus betrieblichen Gründen ab. Wer den Rekord drücken will, müsste an Kitaplätzen und Industriejobs ansetzen. Am Lifestyle liegt es nicht.