Arbeitskultur im Vergleich
Loud Leaving: Schweden macht vor, was Deutschland fehlt
In Deutschland gilt langes Bleiben im Büro vielerorts als Beleg für Einsatz. In Schweden wird genau das Gegenteil belohnt: Teamleiter:innen gehen mit gutem Beispiel voran und verlassen das Büro als Erste.
In Schweden geht die Führungskraft sichtbar zuerst
Wer abends als Letzte das Büro verlässt, wirkt hierzulande engagiert. In Schweden löst dasselbe Verhalten Nachfragen aus. „Wer lange im Büro ist, gilt nicht automatisch als unverzichtbar und leistungsstark“, sagt Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright-Stiftung, der Frankfurter Rundschau. Führungskräfte gingen dort demonstrativ pünktlich, Meetings nach 16 Uhr seien unüblich. Loud Leaving heißt das.

Deutschland arbeitet kürzer, zählt aber Anwesenheit
Laut Eurostat lag die gewöhnliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen 2025 in Deutschland bei 34,2 Stunden, in Schweden laut Frankfurter Rundschau bei 37,4 Stunden. Der Abstand entsteht vor allem über Teilzeit: Fast jede zweite Frau arbeitet hier reduziert, in Schweden jede vierte. Und während das Familienministerium mit einem Referentenentwurf die Elterngeld-Bezugsdauer von 14 auf 12 Monate kürzen will, dominiert in vielen Büros weiter die Präsenzkultur: Nicht das Ergebnis zähle, sondern die Zeit am Schreibtisch, kritisiert Ankersen.
Gute Führung und Vertrauen gehören zusammen
Eine kununu-Auswertung von rund 354.700 Bewertungen aus dem DACH-Raum zeigt den Preis. Mit 3,5 Punkten zählt das Vorgesetztenverhalten zu den schwächer bewerteten der 13 Arbeitgeberdimensionen – und die Kulturprofile fallen auseinander. In Unternehmen mit gut bewerteter Führung nennen Mitarbeitende deutlich häufiger:
- „Mitarbeitern vertrauen“: 93,8 statt 47,8 Prozent
- „Offen und transparent informieren“: 90,5 statt 35,2 Prozent
- „Mitarbeiter fördern“: 92,3 statt 42,7 Prozent
- umgekehrt „Mitarbeiter kleinhalten“: 84,9 Prozent bei schlechter, 54,9 bei guter Führung
Kompensieren lässt sich das kaum: Wo die Führung schlecht, der Kollegenzusammenhalt aber gut bewertet wird, liegt die Weiterempfehlung bei 19,3 Prozent.
Loud Leaving ist damit weniger eine Frage der Uhrzeit als eine des Signals. Über die Produktivität eines Landes entscheidet ein Feierabend nicht. Die kununu-Daten zeigen aber, wo Beschäftigte weiterempfehlen – und Anwesenheit ist dort selten das Kriterium.