Zivildienst vor der Rückkehr
Neue Zivis: 676 Euro Taschengeld statt 2.600 Euro Sold?
Höchstens 676 Euro Taschengeld im Monat gibt es im Bundesfreiwilligendienst, im neuen freiwilligen Wehrdienst mindestens 2.600 Euro brutto. Dazwischen liegt die Frage, die in Deutschland niemand beantwortet: Was wäre dem Staat ein verpflichtender Zivildienst wert? Die Strukturen entstehen bereits, die Vergütung fehlt in jedem Papier.
22 von 23 Verbänden hätten Platz
Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat 23 große Verbände nach Kapazitäten für einen neuen Zivildienst gefragt. Laut einem Bericht der ZEIT erklärten 22 von ihnen, ihre Einsatzstellen stünden im Fall einer Wehrpflicht bereit.
Beschlossen ist damit nichts. Einen Zivildienst gibt es nur, wenn wieder verpflichtend einberufen wird und der neue Wehrdienst beruht seit Januar 2026 auf Freiwilligkeit. Über eine Bedarfswehrpflicht entscheidet der Bundestag gesondert. Starttermin, Gesetzentwurf und Platzzahlen fehlen. Unionsfraktionschef Thorsten Frei nannte die Vorbereitungen bei RTL/ntv dennoch „sehr klug und richtig“.
Immer mehr Menschen verweigern schon jetzt
Einberufen wird derzeit niemand, trotzdem steigen die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung. Bei der Bundeswehr gingen 2024 insgesamt 2.998 Anträge ein, 2025 waren es schon 7.691. Bei Ungedienten hat sich die Zahl mehr als verdreifacht: von 1.811 auf 5.923. Ein Antrag ist allerdings keine Anerkennung.
Was die Modelle heute zahlen:
- Bundesfreiwilligendienst: höchstens 676 Euro Taschengeld
- Freiwilliger Wehrdienst: mindestens 2.600 Euro brutto
- Wehrdienst ab zwölf Monaten als Soldat:in auf Zeit: mindestens 2.700 Euro brutto
- Möglicher neuer Zivildienst: noch nicht festgelegt
Beim Geld beginnt der politische Klärungsbedarf
Die 676 Euro sind eine Obergrenze, kein Anspruch: Sie entsprechen acht Prozent der Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung, die tatsächliche Summe vereinbart die Einsatzstelle und fällt meist niedriger aus. Dafür kommen Sozialversicherung, Unterkunft und Verpflegung hinzu. Die 2.600 Euro wiederum sind brutto.
Beschlossen ist keine der beiden Summen. Das Zivildienstgesetz gilt zwar weiter und orientiert Geld- und Sachbezüge am untersten Mannschaftsdienstgrad, doch das Ministerium arbeitet an einem Bundesgesellschaftsdienstegesetz, das es ablösen soll. Die Pläne kommen nach der Sommerpause.
Zivis dürfen keine regulären Beschäftigten ersetzen
Die möglichen Einsatzstellen liegen dort, wo Personal ohnehin knapp ist: Pflege, Krankenhäuser, Behindertenhilfe, Rettungsdienst, Umweltschutz. Der Bundesfreiwilligendienst muss arbeitsmarktneutral bleiben, Freiwillige sollen unterstützen und keine Fachkräfte ersetzen. Ob diese Grenze bei einem Pflichtdienst hält, ist offen.
22 Verbände wären bereit, neue Zivis aufzunehmen. Wie viele Plätze daraus entstehen und wann der Dienst beginnen würde, steht bislang nirgends. Am schwersten wiegt die Lücke zwischen 676 und 2.600 Euro: Bevor der Zivildienst zurückkehren kann, muss die Bundesregierung nicht nur Einsatzplätze schaffen, sondern auch beziffern, was ihr der zivile Dienst wert ist.