Zum Inhalt springen

Rente im Wandel

„Wir machen das jetzt“: Merz hält im Sommerinterview an Rente-mit-63-Aus fest

Veröffentlicht:  31. August 2026, 09:38
2 min
Trauerfeierlichkeiten zu Ehren von Professorin Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages a. D. - Trauerstaatsakt: Gedenkrede von Bundeskanzler Friedrich Merz (im Bild), CDU/CSU, MdB.
Bild: Deutscher Bundestag / Tobias Koch

Bundeskanzler Friedrich Merz hat nach der Kabinettsklausur auf Schloss Neuhardenberg ein Machtwort gesprochen: „Wir sind uns einig, dass wir alle Anreize zur Frühverrentung beenden müssen.“ Im ARD-Sommerinterview am 30. August schob er nach: „Wir machen das jetzt.“ Gegen ihn stehen drei Ministerpräsidenten der eigenen Partei und 262.000 Menschen, die allein 2025 in Deutschland über die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren in den Ruhestand gewechselt sind. Einen Gesetzentwurf gibt es bis heute nicht.

Der Kanzler kanzelt die eigenen Länderchefs ab

Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt, Michael Kretschmer aus Sachsen und Mario Voigt aus Thüringen hatten sich per Brandbrief gegen das Aus für die sogenannte Rente mit 63 gestellt. Alle drei führen CDU-Landesregierungen, in Sachsen-Anhalt wird in knapp zwei Wochen gewählt. Merz kanzelte den Vorstoß öffentlich ab: „Ich gebe zu, ich bin über diese Wortmeldung etwas erstaunt gewesen, weil sie nach meiner festen Überzeugung auch nicht mit ausreichenden Sachargumenten unterlegt war.“ Das Ende der Frühverrentungsanreize sei „ein Kernstück der Reform“, der Streit darum kein Ost-West-Thema.

Inzwischen hat sich auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD, Mecklenburg-Vorpommern) gegen die Reform-Pläne gestellt, der Konflikt ist damit nicht mehr auf die Ost-CDU begrenzt. Bereits am 6. August hatte CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Thorsten Frei im WELT-TV bekräftigt: „Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren muss ein Ende haben.“ Der Kurs der Bundesregierung war seit Wochen klar, der Widerstand aus den Ländern ist trotzdem gewachsen.

Wer heute geht, ist längst keine 63 mehr

Der Name führt in die Irre. Abschlagsfrei mit 63 aufhören konnte nur, wer vor 1953 geboren wurde. Seither klettert die Altersgrenze Jahrgang für Jahrgang.

Was aktuell gilt:

  • 45 Versicherungsjahre sind Pflicht, sonst greift die Rentenart nicht
  • Jahrgang 1962 kommt frühestens mit 64 Jahren und acht Monaten hinein
  • Pro Jahrgang kommen zwei Monate dazu, ab 1964 gilt einheitlich 65
  • Ein vorzeitiger Bezug ist ausgeschlossen – auch gegen Abschläge

Beliebt ist der Weg trotzdem: Rund jede vierte neue Altersrente lief 2025 über die 45-Jahre-Regel.

Härtefälle ja, Gesetzestext nein

Was nach dem Aus kommt, bleibt offen. Merz stellte lediglich Ausnahmen für Härtefälle in Aussicht, ohne sie zu beziffern. In der RTL-Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“ am 27. August sagte er allerdings: „Wir denken bei dieser Rentenreform in Generationen. Wir machen das nicht von einem Tag auf den anderen.“ Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) konkretisierte gegenüber RTL und n-tv, die Abschaffung könne „nicht ab dem ersten Tag“ gelten – Übergangszeiten und Härtefallregelungen seien geplant, „etwa für Menschen in körperlich besonders belastenden Berufen“.

Die Rentenreform soll bis zum Herbst stehen, in zwei Teilen, zuständig ist Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas. Vorgelegt hat ihr Haus bislang nichts und genau daran wächst der Unmut, auch in der Wirtschaft.

Für Beschäftigte kurz vor dem Ruhestand heißt das: Der Kanzler hat die Richtung festgezurrt, den Vertrauensschutz aber nicht. Wer heute plant, plant gegen einen Paragrafen, den noch niemand geschrieben hat. Merz will alle Anreize beenden – der stärkste Anreiz ist derzeit, sich zu beeilen.