Unternehmenskultur bewegt – aber warum nur so wenige?

Die Unternehmenskultur ist vermutlich der wichtigste Erfolgsfaktor in den Unternehmen, da sind sich die Experten so ziemlich einig. Warum? Weil die Unternehmenskultur in jedem Unternehmen den Raum dessen definiert, was geschieht und was möglich ist – also Entwicklungen fördert oder diese einfach behindert und die Mitarbeiter damit entmutigt, frustriert, nicht zu Höchstleistungen antreibt. Allerdings gehört es zum guten Ton eines jeden verantwortlichen Managers die Vision, Mission und die Werte seines Unternehmens zu preisen. Doch wie sieht die Realität aus, wie sehen es die Mitarbeiter? Die Zahlen, die sich uns bieten sind sehr ernüchternd, um es noch zurückhaltend zu formulieren. Werfen wir einen Blick auf aktuelle Zahlen aus diversen Studien, die empirischen Befunde senden eine klare Botschaft:

  • 94 % der Führungskräfte gehen davon aus, dass eine gute Unternehmenskultur wichtig für den Unternehmenserfolg sei;
  • 88 % der Mitarbeiter gehen ebenfalls von der Wichtigkeit einer gute Unternehmenskultur für den Unternehmenserfolg aus;
  • 82 % von Managern betrachten die Unternehmenskultur ebenso als Wettbewerbsfaktor;
  • 28 % der Manager verstehen die eigene Unternehmenskultur gut, also fast drei von vier Managern verstehen ihre eigene Unternehmenskultur nicht gut;
  • 19 % gehen davon aus, die richtige Unternehmenskultur zu besitzen, mehr als 4 von 5 Managern gehen nicht davon aus, die richtige Unternehmenskultur zu besitzen;
  • 87 % der Mitarbeiter glauben nicht an die propagierte Unternehmenskultur ihres Unternehmens: fast 9 von 10 Mitarbeitern betrachten die Unternehmenskultur nur als Alibiveranstaltung;
  • 90 % der Mitarbeiter fördern mit ihrem Verhalten nicht die gewünschte Unternehmenskultur, nochmal: 9 von 10 Mitarbeitern tun nichts, um diese aktiv zu fördern!

Es werden gewaltige Potenziale verschenkt

Da muss etwas gehörig schief laufen in den Unternehmen. Der wichtigste Faktor nachhaltig erfolgreicher Unternehmen wird nicht zum Leben erweckt, da werden gewaltige Potentiale verschenkt. Denn eines ist klar: Jedes Unternehmen verfügt so oder so über eine Unternehmenskultur, die Frage dabei ist, ist es die richtige und hat sie für die Mitarbeiter überhaupt eine Relevanz? Derzeit offensichtlich nicht, schenkt man den obigen Statistiken Vertrauen. Aber, machen Sie doch die Probe aufs Exempel, wie ist es in ihrem Unternehmen?

  • Kennen Sie die gewünschte Unternehmenskultur?
  • Wird diese von den Führungskräften vorgelebt?
  • Ist es für Sie die richtige Unternehmenskultur für das Unternehmen?
  • Wird Ihr kulturadäquates Verhalten in den Beurteilungsgesprächen überhaupt angesprochen?
  • Welche Aktivitäten unternimmt Ihr Unternehmen, um die gewünschte Kultur zu realisieren? Können Sie ein paar Maßnahmen überhaupt benennen – und mit den entsprechenden Kulturfaktoren in Zusammenhang bringen?
  • Kennen Sie überhaupt die einzelnen Kulturfaktoren Ihres Unternehmens? Werden diese gemessen, kennen Sie den Erfüllungsgrad, wie gut sie aktuell gelebt werden?

Von diesen sechs Fragen müssten Sie eigentlich alle mit einem „ja“ beantworten können. Wenn nicht, dann gibt es einiges zu tun!

Doch zunächst, was versteht man eigentlich unter der Unternehmenskultur?

Die Unternehmenskultur repräsentiert Normen, Werte und Verhalten, die in einer Organisation von einer Vielzahl von Mitarbeitern akzeptiert und geteilt werden. Die Unternehmenskultur stellt somit eine soziale Norm dar, die erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes Verhalten sanktioniert. Sie wird als Erwartungshaltung an das Verhalten von Organisationsmitgliedern betrachtet. Man könnte die Unternehmenskultur auch ganz knapp definieren: Sie repräsentiert das Mindset und das Verhalten der Menschen in einem Unternehmen.

Somit kann klar analysiert werden:

  • Stimmt das Mindset der Mitarbeiter? Also die vorherrschende Einstellung und Überzeugung, tragen die Mitarbeiter die „Denke“ des Unternehmens mit, fühlen sich alle am richtigen Ort?
  • Und als zweites, wird dieses Mindset auch gelebt? Gehört das „Walk your Talk“ zum geübten Alltag?

Man muss es auch tun

Wo liegen denn nun die Probleme, die anscheinend so viele Unternehmen mit der Unternehmenskultur haben – und wo sind die Stellhebel, mit denen dieser verborgene Schatz gehoben werden kann?

Zum einen wissen wir was wirkt: Nicht die Hochglanzbroschüren und die Statements auf der Homepage, also nicht das Reden über die Wichtigkeit der Unternehmenskultur, das sind zunächst nur Lippenbekenntnisse. Und auch das vielreferierte Vorbildverhalten reicht nicht aus. Erst das Verknüpfen der einzelnen gewünschten Kulturfaktoren mit dem konkreten Tun und das tatsächliche Bewerten führen zur nachhaltigen Umsetzung der Kultur im Unternehmen. Gartner Research hat dieses 2018 überzeugend aufgezeigt: 83 % der Führungskräfte „sagen“, dass die Unternehmenskultur wichtig ist, 29 % „tun“ (als Verhalten) auch das richtige, aber nur 19 % „setzen um“, soll heißen, sie gestalten die Prozesse, Budgets, Strukturen und Maßnahmen basierend auf der gewünschten Unternehmenskultur. Und der Erfolg der Maßnahmen zeigt es auf: verharren die Führungskräfte beim „Sagen“ wird die Wirkung auf die gelebte Unternehmenskultur nur mit 1 % angegeben, das Sagen verpufft also, das Vorbildverhalten („Tun“) motiviert immerhin 5 % der Mitarbeiter, hingegen führt erst das Umsetzen zu 18 % Alignment, also die Unternehmenskultur wird wirklich gelebt. Der große Rest lässt sich nicht ohne weiteres zuordnen. Immerhin wissen wir jetzt, dass das Umsetzen um eine 18 x stärkere Wirkung erzielt als das bloße Sagen.

Wir haben also kein Erkenntnis-, sondern ein gewaltiges Umsetzungsproblem! Wir sehen die Probleme im Umsetzen vor allem in den folgenden drei Bereichen:

  • Das Management weiß einfach nicht, wie sich die Unternehmenskultur entwickeln, gestalten und beeinflussen lässt. Wo und wie soll man anfangen?
  • Es fehlen Referenz-Modelle, an denen man sich orientieren kann und schließlich
  • Ein konkreter Vorgehensprozess ist eher unklar, der den Weg zu einer guten Unternehmenskultur weisen könnte.

Eine gute Unternehmenskultur ist ein Erfolgsfaktor

Dabei wissen wir: Unternehmenskultur lässt sich systematisch gestalten, das haben zahlreiche Unternehmen bereits vorgeführt. Und es lohnt sich: Unternehmen mit einer messbar besseren Unternehmenskultur sind bei weitem erfolgreicher und rentabler als Unternehmen mit einer weniger gut ausgeprägten Unternehmenskultur. Und es gibt auch ein bewährtes Modell, das die verschiedenen Ebenen der Unternehmenskultur klar adressiert und das Wechselspiel der einzelnen Ebenen verdeutlicht. Hier ist es: das integrierte Architekturmodell nach Herget.

Hier wird deutlich, wo angesetzt werden kann und dass es schließlich ohne eine emotionale Involvierung nicht geht.

Ebenso verfügen wir mittlerweile über zahlreiche bewährte Tools, mit denen sich ebendieser Prozess gestalten lässt. Dies lässt sich gut aus der folgenden Abbildung ersehen. Jedes Unternehmen sollte zunächst ein eigenes, individuelles Kulturmodell entwickeln. Seien es nun Innovation, Agilität, Vertrauen, Kundenorientierung, Wertschätzung, Freude im Arbeitsprozess oder was auch immer, jedes Unternehmen hat und verdient eine eigene Identität. Danach lässt sich gut messen, wie diese Kulturfaktoren bereits gelebt werden und eine Priorisierung ableiten, der schließlich entsprechende Strategien und Maßnahmen folgen sollten. Nach der Umsetzung folgt dann die Implementierung der Kulturfaktoren in das tägliche Erleben, erst das wird dann zu den gewünschten Ergebnissen führen.

Der Weg ist machbar, gangbar und er wird zu nachhaltigen Erfolgen führen.

Und vergessen Sie nicht die entscheidende Frage: Welche Kultur möchten Sie in Ihrem Unternehmen eigentlich leben? Es liegt nicht zuletzt in Ihrer Hand, das mitzubestimmen. Viel Erfolg.

Prof. Dr. Josef Herget

Prof. Dr. Josef Herget verbindet langjährige Erfahrung in der Wissenschaft mit internationaler Beratungstätigkeit. Er hat an verschiedenen Universitäten in Europa gelehrt sowie mehrere Unternehmen geleitet. Er ist Direktor des „Excellence Institute – Research & Solutions“ in Wien und gefragter Speaker, Berater und Coach. Weitere Informationen zum Excellence Institute gibt es unter www.excellence-institute.at