Streit um die 40-Stunden-Woche
Mehrarbeit ohne Cent mehr: Der Mercedes-Streit um die 40-Stunden-Woche
12.857 Euro brutto im Jahr – so viel würden Entwicklungsingenieur:innen bei Mercedes-Benz verschenken, wenn aus 35 Wochenstunden 40 würden, ohne einen Cent mehr Lohn. Der Arbeitgeber spart im selben Fall rund 15.596 Euro. Wie hart es wen trifft, hängt in Deutschland vor allem am Jobtitel.
Der Vorstoß kommt von ganz oben
Angestoßen hat die Debatte Martin Brudermüller, Aufsichtsratsvorsitzender von Mercedes-Benz: Rückkehr zur 40-Stunden-Woche, bei gleichem Gehalt. Rückendeckung kam von Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender des Motorsägenherstellers Stihl, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten. Aktuell können wir das nicht mehr.“ Nur knapp 20 Prozent der Tarifbeschäftigten arbeiten laut WSI-Tarifarchiv höchstens 35 Stunden – in der Metall- und Elektroindustrie schon.
Der Verzicht wächst mit dem Gehalt
Fünf Stunden mehr bedeuten 14 Prozent Mehrarbeit zum gleichen Lohn.
FOCUS online hat durchgerechnet:
- 3.500 Euro brutto im Monat: 6.000 Euro Verzicht im Jahr, 7.278 Euro Ersparnis für das Unternehmen
- 4.500 Euro brutto im Monat: 7.714 Euro Verzicht, 9.357 Euro Ersparnis für das Unternehmen
- 6.500 Euro brutto im Monat: 11.143 Euro Verzicht, 13.516 Euro Ersparnis für das Unternehmen
- 7.500 Euro brutto im Monat: 12.857 Euro Verzicht, 15.596 Euro Ersparnis für das Unternehmen
Der Arbeitgeber spart mehr, als Beschäftigte verlieren: Auch Sozialbeiträge entfallen.
Zwischen Band und Entwicklung liegen Welten
Laut aktuellen kununu Gehaltsdaten verdienen Produktionsmitarbeitende bei der Mercedes-Benz Group rund 3.750 Euro brutto im Monat, Sachbearbeitende 4.150 Euro, Industriemechaniker:innen 4.400 Euro. Softwareentwickler:innen liegen bei 6.683 Euro, Entwicklungsingenieur:innen bei 7.508 Euro.
Wer entwickelt, verschenkt bei gleicher Mehrarbeit mehr als doppelt so viel wie jemand in der Fertigung.
Beschlossen ist bislang nichts
Über 33.000 Beschäftigte zogen Anfang Juli nach Angaben der IG Metall vor die Werkstore. Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, sagte in Düsseldorf: „Während Aktionäre mehr als ordentlich profitieren, sollen die Beschäftigten ihre vertraglich festgeschriebenen Rechte opfern? Sicher nicht!“
Entschieden wird das nicht im Aufsichtsrat, sondern am Verhandlungstisch: Tarifparteien sind IG Metall und Arbeitgeberverband, die Tarifrunde startet im Herbst. Wer die Arbeitsstunde billiger machen will, muss dann sagen, wer sie bezahlt.