Sie oder Du: Was ist wann angemessen?

Manchmal ist es gar nicht so einfach, zu entscheiden, ob man eine Person per Du oder per Sie ansprechen soll. Einerseits wird Duzen immer populärer, andererseits hat das Siezen, gerade in einem hierarchischen Umfeld, lange Tradition. Wann welche Ansprache am Arbeitsplatz angemessen ist und was es dabei zu beachten gilt, verraten wir hier.

„Könnten Sie mir bitte freundlicherweise demnächst…“

Siezen wirkt auf viele alt, steif und einfach nicht mehr zeitgemäß. Klar, es hat sich auch einiges an unserem Sprachgebrauch verändert: Während bis Mitte des 20. Jahrhunderts Kinder noch ihre Eltern siezten, können heute manche Angestellte von Grosskonzernen bis in die Chefetagen hinauf duzen. Doch obwohl duzen in vielen Bereichen unserer Gesellschaft immer populärer wird, siezen wir in der Regel Menschen, die wir nicht kennen. Denn die formelle Anrede symbolisiert einen respektvollen Umgang und wahrt eine gewisse Distanz zu Personen, so zumindest in der Theorie. In der Praxis führt es nicht selten dazu, dass wir zu viel Zeit damit verbringen vor dem Bildschirm zu sitzen, um an überschwänglich höflichen Formulierungen zu feilen. Dabei könnten wir auch viel einfacher ausdrücken, was wir eigentlich sagen wollen – und zwar ganz unverkrampft in der Du-Form.

Eine Frage der Unternehmenskultur

Bedeutet das, dass wir das „Sie“ aus der neuen Arbeitswelt und aus unserem Sprachgebrauch verbannen sollten? Nicht unbedingt. Der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Tim Hagemann, Prorektor an der Bielefelder Fachhochschule der Diakonie, sieht solche Versuche, das Du „von oben nach unten in großen Industrieunternehmen einzuführen, sehr skeptisch“. Der Abbau von Formalität sei weder gut noch schlecht, sagt Hagemann gegenüber Welt.de, was bei Start-ups funktioniere, sei anderswo unsinnig: „Entscheidend ist die Frage, wie stimmig ist die Entscheidung mit der Kultur des Unternehmens.“

„Das Duzen aller Mitarbeiter ist nur Fassade.“ – Arbeitgeberbewertung bei SOMMER Antriebs- und Funktechnik GmbH

Zwar ist unsere Gesellschaft und Arbeitswelt heute weitaus weniger hierarchisch geprägt, als noch vor einigen Jahrzehnten – und dieser Wandel spiegelt sich auch in unserer Sprache wider. Im Umkehrschluss bedeutet nur die Umstellung der Anrede alleine nicht, dass ein Kulturwandel in einem Unternehmen geschieht und auch stattfinden muss. Grundsätzlich gilt: Der Schlüssel zu einer gelungen Anrede ist Respekt. Das „Sie“ garantiert ihn nicht und das „Du“ untergräbt ihn nicht.


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Wann ist welche Anrede angemessen?

Nun zurück zur Ausgangsfrage: Wann ist denn nun welche Anrede angemessen? Lange galt der Grundsatz, sich auf das Alter zu stützen. Ältere Personen wurde demnach das Vorrecht eingeräumt Personen das „Du“ anzubieten. Doch manchmal ist es gar nicht so einfach, festzustellen, wer denn nun älter ist und in vielen Fällen sind Alter und hierarchische Ebene in der modernen Arbeitswelt mitunter ohnehin voneinander losgelöst.

„Mitarbeiter steht im Fokus. Alle sind per Du.“ – Arbeitgeberbewertung bei Julius Blum

Auch wenn das „Du“ vom Start-Up bis zum Großkonzern Einzug gehalten hat, empfiehlt es sich immer noch beim ersten Kontakt auf die förmliche Anrede zu setzen. Auch der Duden empfiehlt stets, auf das„Sie“ zurückzugreifen, wenn die Sache nicht eindeutig ist. Zum Beispiel wenn man neu in einem Team ist, alle sind per Du, und plötzlich kommt der Vorgesetzte ins Büro. Bevor man sich dazu hinreißen lässt gleich zu duzen, solltest du deine Kollegen in ihrem Umgang mit der Führungskraft beobachten und dich daran orientieren. Sollte aber bereits im Bewerbungsgespräch darauf hingewiesen werden, dass Duzen zur Unternehmenskultur gehört – inklusive Chef – dann steht einer informellen Anrede nichts im Weg.