#MeToo: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Seit Tagen bekennen sich immer mehr Betroffene unter dem Hashtag #MeToo öffentlich dazu, Opfer sexueller Belästigung oder Gewalt geworden zu sein. Von Schauspielerin Alyssa Milano losgetreten, zeigt die Debatte über Sexismus und Machtmissbrauch auf, was sonst häufig ignoriert oder verharmlost wird. Dabei geschieht sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz längst nicht nur in Hollywood.

Wir haben drei Frauen aus verschiedenen Branchen zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz befragt.

„Naja, Sie könnten sich zu mir ins Bett legen.“

„Ich arbeite als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sexuelle Belästigung passiert da fast täglich. Meistens ganz unterschwellig, mit einem Augenzwinkern, als Scherz. Und meistens von männlichen Patienten. Von 30 bis über 90: Das Alter spielt dabei kaum eine Rolle. Fast jeden Nachtdienst, wenn ich die Patienten abends frage, ob sie noch etwas brauchen, höre ich Kommentare wie: «Naja, Sie könnten sich zu mir ins Bett legen.» Oder: «Ein Gutenachtkuss wäre toll.» Das zieht sich dann weiter bis hin zu Patienten, die bei der Intimpflege anmerken, dass man ruhig etwas fester reiben soll. Es ist auch schon passiert, dass Patienten bei der Blutabnahme das Dekolletee der Krankenpflegerinnen kommentieren oder ihnen an den Hintern fassen. Man ist eben in ganz engem Kontakt mit den Patienten, und das nutzen manche schamlos aus.
An manchen Tagen sind mir die sexuellen Anspielungen egal. Da ignoriere ich das einfach. Aber es gibt auch Tage, da gehe ich auf Konfrontation und spreche Patienten auf ihr herabwürdigendes Verhalten an. Mit den Jahren legt man sich da ein immer sicheres Auftreten zu. Am schlimmsten ist es für unsere Krankenpflege-Schülerinnen, die oft erst 17 oder 18 sind. Wenn die auf die Frage nach der Größe des Patienten zu hören bekommen: «Das kommt darauf an, ob er hart ist oder nicht.», dann wissen sie natürlich noch nicht, wie sie damit umgehen sollen oder dürfen.
Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit, sowas dem Oberarzt zu melden. Er führt daraufhin ein Gespräch mit dem Patienten. Aber wir stehen dabei immer in Abhängigkeit zum Arzt. Und ehrlich gesagt, oft weiß ich schon im Vorhinein: Wenn ich das jetzt melde, findet der das sowieso nur lächerlich.“

„Es ist egal wie professionell oder intellektuell du selbst bist.“

„Einmal wurde ich gefragt, ob ich für eine Charity-Aktion der Universität, an der ich arbeite, kellnern kann. Weil es für den guten Zweck war, habe ich zugestimmt. Im Endeffekt hat sich dann herausgestellt, dass die Uni eben ein paar schöne Frauen für Fotos brauchte. Meine Kollegin und ich waren also die attraktiven Quotenfrauen, die die Fotos von der Veranstaltung aufwerten sollten. Am selben Abend kam es auch zu einem Vorfall. Ich sollte einem stadtbekannten Geschäftsmann etwas servieren. Und der hat mich einfach nicht mehr gehen lassen. Er war schon ziemlich besoffen und hielt mich am Arm fest. Ein sehr prominenter und obendrein verheirateter Geschäftsmann. Auf einer Charity-Veranstaltung von einer Universität. Es war echt unangenehm.
Was ich damit sagen will: Es ist egal wie professionell und intellektuell dein Umfeld ist und wie professionell und intellektuell du selbst bist: Als Frau wirst du anders behandelt als ein Mann. Du wirst auf dein Äußeres reduziert, darauf, dass du blond bist oder nicht einparken kannst. Was du für ein Outfit trägst oder ob du einen Kuchen backen kannst!“

„Ich sprach über Politik und er machte mir ein Kompliment zu meinen Brüsten.“

„Vor sechs Jahren wurde mir eine Stelle in einem anderen Bundesland angeboten. Ich hatte damals nur ein Studenten-Visum und Schwierigkeiten, einen Job als Bauingenieurin zu bekommen. Viele Arbeitgeber stellen sich den Prozess sehr kompliziert vor und lehnen von vornherein ab. Darum war ich über das Angebot mehr als glücklich.
Der Chef lud mich dazu ein, mich erst mal umzusehen, ehe ich endgültig an meinen neuen Arbeitsort ziehen würde. Dort angekommen brachte er mich zu meinem Hotel und schlug vor, noch einen Happen essen zu gehen. Als ich mich gerade über Politik aussprach, machte er mir ein Kompliment zu meinen Brüsten. Außerdem machte er eine Bemerkung darüber, mir ein Kind zu machen. Ich ignorierte das damals einfach. Die Erfahrung, die ich durch den Job sammeln würde, war wichtiger für mich. Zudem konnte ich das Ganze auch nicht so recht ernst nehmen. Er war 50 Jahre älter als ich und seine Kommentare einfach zu absurd. Als ich schließlich für die Firma zu arbeiten begann, ging es immer so weiter. Ständig versuchte er seine Hand auf meine Beine zu legen oder machte perverse Anspielungen. Schlussendlich reichte ich nach zwei Monaten die Kündigung ein.“

Sexuelle Belästigung ist kein Thema, weil es zu keinem gemacht wird.

„Sexuelle Belästigung ist bei uns kein Thema.“ So denken viele Arbeitgeber. Fakt ist aber, dass jeder zweite Arbeitnehmer, männlich wie weiblich, bereits eine Form der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz beobachtet oder erlebt hat.1 Wenn dieser Umstand an deinem Arbeitsplatz also kein Thema ist, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass er von deinem Arbeitgeber zu keinem gemacht wird. Ein Problem, denn Betroffene fühlen sich oft schutzlos ausgeliefert und allein gelassen. Kurzes Gedankenspiel: Ein Kollege passt dich täglich am Kopierer ab und raunzt dir ins Ohr, welche Stellungen er gerne mal mit dir ausprobieren würde. Dazu gibt es die entsprechenden Gesten. Weißt du, an wen du dich in diesem Fall wenden kannst?
Vielleicht wusstest du auch noch nicht, dass dein Arbeitgeber dir gegenüber eine Sorgfaltspflicht besitzt. Er ist also dazu verpflichtet, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu verhindern. Dazu zählen zum einen die Prävention und zum anderen Sanktionen und Maßnahmen bei konkreten Vorfällen. „In Unternehmen können sich sowohl die Geschäftsführung, als auch der Betriebsrat für die betroffenen Personen stark machen – Sensibilisierung und Aufklärung, Einrichtung einer Beschwerdestelle, Betriebsvereinbarungen.“, erklärt Eva Haberkern, Psychologin und Expertin für Diversity und Gesundheit bei CAIDAO.  Von sich aus bieten allerdings nur wenige Unternehmen einen offiziellen Lösungsweg an. Daher ist es umso wichtiger, dass du deinem Arbeitgeber auf konkrete Fälle von sexueller Belästigung hinweist, und so ein Bewusstsein dafür schaffst.

Jeder kann zur Zielscheibe werden.

Frauen wie Männer geben am häufigsten Männer als Täter an. Doch auch wenn sexuelle Belästigung oder Gewalt zumeist von Männern ausgeht, zählen nicht nur Frauen zu den Opfern. Während Frauen tendenziell eher physische Belästigungen erleben, sehen sich männliche Betroffene eher mit visuellen und verbalen Formen konfrontiert.1 Dazu gehören zum Beispiel Witze mit sexuellem Inhalt oder E-Mails mit pornographischen Anhängen. „Besonders häufig werden zudem lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Personen Ziel sexualisierter Belästigungen.“, erzählt Psychologin Eva Haberkern.

Den Tätern geht es um Macht.

„Eigentlich spricht man eher von sexualisierter Belästigung oder Gewalt.“, merkt die Expertin an. Denn das Verhalten habe nichts mit romantischem oder erotischem Erleben zu tun, sondern stelle eine Form der Machtausübung dar. Der Ausbildner oder der Kollege, der schon lange Zeit im Betrieb tätig ist: Häufig nutzen Täter Abhängigkeiten und Hierarchien aus, um ihre Macht zu demonstrieren.

„Stell dich nicht so an.“

Immer noch werden sexuelle Belästigungen verharmlost. „Stell dich nicht so an. Verstehst du keinen Spaß?“ oder „Es ist ja nichts passiert.“ Mit Sprüchen wie diesen wird meist versucht, Betroffene mundtot zu machen. Besonders Frauen wird immer wieder nahegelegt, anzügliche Bemerkungen oder sexuelle Annäherungsversuche als Kompliment zu werten. Manchmal wird ihnen sogar eine Mitschuld unterstellt. Ein Umstand, der dazu führen kann, dass Betroffene ihre eigenen Empfindungen anzweifeln und Missstände hinnehmen, anstatt erneut auf taube Ohren zu stoßen.

Von Ärger bis zu Panikattacken: Die Folgen sexueller Belästigung.

„Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist für die Betroffenen erniedrigend und beleidigend. Sie untergräbt nicht selten das Selbstwertgefühl, löst Ärger aus und verletzt persönliche Grenzen.“, erklärt Eva Haberkern. Herabwürdigendes Verhalten kann sich nicht nur auf die psychische, sondern auch auf die physische Gesundheit der Betroffenen auswirken. Gefühle wie Ärger, Scham, Ekel aber auch Schuld zählen zu den kurzfristigen Folgen. Langfristig können sich daraus Angstzustände, Schlafstörungen, Panikattacken bis hin zu Depressionen entwickeln. Es drohen der Verlust des Selbstvertrauens und Minderwertigkeitsgefühle.

Ab wann spricht man von sexueller Belästigung?

Eva Haberkern rät: „Sobald es dir unangenehm ist, kann man von sexueller Belästigung sprechen. Es geht nicht um die Absichten des Verursachers, sondern um dein Erleben.“ Sprich: Ob ein Verhalten oder ein Kommentar bereits zu weit geht, hängt alleine davon ab, wie der Empfänger sie empfindet.

Das Spektrum sexuelle Belästigung und Gewalt ist groß. Beispiele sind:

Pornographische Bilder am Arbeitsplatz: Z. B. Pin-ups, als Poster oder Bildschirmhintergrund am PC.

Unangenehmes Anstarren: Sprich: Jemanden mit den Augen auszuziehen.

Witze mit sexuellem Inhalt: Die berühmten „Herrenwitze“ findet längst nicht jeder komisch.

Zeigen oder Senden von sexuellen Inhalten: Ein Kollege zeigt pornographische Bilder oder Videos auf seinem Smartphone, oder verschickt sie per E-Mail. Damit sind vor allem männliche Mitarbeiter konfrontiert.

Kommentare zum Aussehen: Wenn dir ein Kollege hinterher pfeift und anmerkt, wie toll dein Hintern in diesem Outfit aussieht, musst du dir das nicht gefallen lassen.

Bemerkungen zum Sexualleben: Auch das geht niemanden etwas an.

Unerwünschtes Flirten, zweideutige Äußerungen: Ungewollte Annäherungsversuche am Arbeitsplatz sind völlig inakzeptabel.

Erpressung: Der Vorgesetzte verspricht dir Vorteile, wenn du dich küssen lässt, und droht dir andernfalls mit der Kündigung? Das solltest du unbedingt melden.

Exhibitionistische Handlungen: Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Kollege vor dir seine Hose öffnet oder sich selbst anfasst.

Berührungen: Niemand hat das Recht dich ohne deine Zustimmung zu berühren. Egal ob dich jemand ungewollt umarmt oder dir an den Hintern fasst.

Sexuelle Übergriffe: Im schlimmsten Fall schlägt sexuelle Belästigung in sexuelle Gewalt über.

Sind Flirts und Komplimente verboten?

Nein, natürlich nicht. Solange dein Gegenüber damit einverstanden ist, kannst du ihm oder ihr Avancen machen. Aber eben nur unter dieser Prämisse. Denn auch wenn du in Gedanken bereits die Hochzeitsglocken mit dem Kollegen läuten lässt, beruht dein Wunsch nicht automatisch auf Gegenseitigkeit. Wenn du dir unsicher bist, frag im Zweifel einfach nach. Klingt unromantisch, schafft aber klare Verhältnisse.

Und was ist mit Komplimenten am Arbeitsplatz? Wenn dein Kollege fabelhafte Arbeit verrichtet, darfst du ihn natürlich auch weiterhin mit Komplimenten bedenken. Auch die neue Frisur der Kollegin kannst du anerkennend loben. Was gar nicht geht sind sexualisierte, auf das Aussehen reduzierende Kommentare à la: „Dein Hintern sieht zum Anbeißen aus.“ Die Mehrheit der Arbeitnehmer möchte am Arbeitsplatz für Skills und Leistung gelobt werden, und nicht billige Catcall-Sprüche von der Straße hinterhergerufen bekommen. Verständlich, oder?

Wie kannst du dich zur Wehr setzen?

Vielleicht hast du schon einen ähnlichen Vorfall erlebt und dich unwohl, angegriffen oder einfach nur sauer gefühlt. Wenn du diese Gefühle hinuntergeschluckt und die Situation des Friedens willen ignoriert hast, bist du damit nicht alleine. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sexuelle Belästigung oder Gewalt selten von alleine aufhören. Auch wenn es Überwindung kostet, solltest du dich nicht mit deiner Opferrolle abfinden, und den Täter laut und deutlich auf sein Verhalten ansprechen. Zum Beispiel so:

„Ich möchte nicht von dir angeflirtet werden.“

„Hör auf, ständig mein Aussehen zu kommentieren.“

„Fass mich nicht an.“

Hol dir gegebenenfalls Unterstützung von anderen Kollegen. Suche Zeugen oder weitere Betroffene und protokolliere verbale oder körperliche Angriffe.

Wenn die Konfrontation keine Verbesserung der Situation bewirkt, wende dich an deinen Arbeitgeber und fordere ihn dazu auf, einzuschreiten. Nimmt dieser dein Anliegen nicht ernst, kannst du in Deutschland bei der Antidiskriminierungsstelle und in Österreich bei der Bundes-Gleichbehandlungskommission eine Beschwerde einreichen. In der Schweiz kannst du kostenlos ein Verfahren bei der in deinem Kanton zuständigen Schlichtungsbehörde veranlassen.

Was können wir alle gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz tun?

Durch Gespräche mit Kollegen kannst du ein Bewusstsein für die Thematik schaffen. „Gemeinsam sind wir stark – gemeinsam als Frauen und gemeinsam mit Männern, die sexualisierte Belästigung ebenso ablehnen.“, meint Expertin Eva Haberkern. „Gegenwehr aller fängt bereits im Kleinen an. Lach nicht mit, wenn sexistische Sprüche oder Witze gemacht werden und zeige, dass ein solches Verhalten nicht erwünscht ist. Sprich betroffene Personen proaktiv an, wenn du vermutest oder siehst, dass sie sexuell belästigt werden.“ Sprich: Einschreiten statt Wegsehen, Ansprechen statt Verharmlosen. Ob die aktuelle #MeToo-Debatte eine nachhaltige Veränderung bei Betroffenen und Tätern bewirken kann, wird sich zeigen.

 

Wie geht dein Arbeitgeber mit Sexismus um?

 

Quellen:

[1] Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes