Berufseinstieg in der Krise
Trotz Fachkräftemangel: Warum der Berufseinstieg so schwer ist
10,0 Prozent der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland sind weder in Arbeit noch in Ausbildung oder Studium, 2022 waren es erst 8,8 Prozent. Gleichzeitig zählt die Bundesagentur für Arbeit 157 Berufe, in denen Unternehmen keine Fachkräfte finden. Zwei Zahlen, die sich ausschließen müssten und doch stimmen beide.
Zehn Prozent, die aus dem System fallen
Das Statistische Bundesamt führt diese Gruppe als NEET: nicht in Ausbildung, Weiterbildung oder Beschäftigung. Im EU-Schnitt sind es 12,9 Prozent, der Trend hierzulande läuft trotzdem in die falsche Richtung. Junge Frauen trifft es mit 10,5 Prozent häufiger als Männer mit 9,6 Prozent.
Wer dahinter steckt, zeigt der nationale Bildungsbericht: Ein Viertel sucht aktiv Arbeit, zwei Drittel stehen dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung – wegen Betreuungspflichten, Krankheit oder weil sie auf einen Ausbildungsplatz warten.

65 Bewerbungen, keine einzige Zusage
Nicholas Kirk ist seit 2023 CEO des Personaldienstleisters Michael Page. Sein 21-jähriger Sohn hat nach der Business School 65 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. Berufseinsteiger:innen seien in den ersten beiden Jahren ein Verlustgeschäft, sagte Kirk der WirtschaftsWoche; Unternehmen setzten in der Krise lieber auf Erfahrene. Weg seien die Stellen aber nicht: „Es gibt noch Chancen, nur sind sie viel kleiner geworden.“
Vier Hinweise gibt Kirk seinem Sohn mit:
- Breit bewerben, statt auf den einen Wunschjob zu warten
- Beim Arbeitsweg und beim Einstiegsgehalt Kompromisse prüfen
- Einen Tag nach Bewerbungsschluss anrufen und nachfragen
- Jede Praxiserfahrung mitnehmen, auch ein einwöchiges Praktikum
Wo der Mangel bleibt: vier Berufe mit Ausbildung
Die Engpässe liegen laut Bundesagentur vor allem in Pflege, Medizin, Bau, Handwerk und Erziehung – erreichbar über eine Ausbildung.
Am meisten zahlt davon die Pflege: 45.000 Euro brutto im Jahr weist der kununu Gehaltscheck für Pflegefachkräfte aus. Erzieher:innen kommen auf 41.400 Euro, Physiotherapeut:innen auf 39.700 Euro, Dachdecker:innen auf 38.000 Euro. Was alle vier verbindet: Sie lassen sich schlecht automatisieren.
Ein Versprechen auf einen bequemen Einstieg sind die 157 Engpassberufe nicht. Sie liegen dort, wo die Arbeit anstrengt und das Gehalt selten glänzt. Für das suchende Viertel entscheidet weniger die Zahl der offenen Stellen als die Bereitschaft, den Wunschjob zu verschieben.