Arm trotz Arbeit
Armutsgefährdet trotz Vollzeit: Diese 22 Berufe sind besonders betroffen
Vollzeit arbeiten und trotzdem reicht das Geld kaum für Miete und Lebensmittel: Das trifft in Österreich rund 200.000 Menschen. Insgesamt gelten 361.000 Erwerbstätige als armutsgefährdet, zeigt eine neue kununu Analyse. Der Blick auf die betroffenen Berufe zeigt: In 22 davon reicht selbst das durchschnittliche Vollzeitgehalt nicht über die Armutsgefährdungsgrenze. Während Österreich seit Monaten über Teilzeit streitet, bleibt das eigentliche Problem im Schatten – die Löhne selbst.
Die Debatte dreht sich um Stunden, das Problem um Löhne
Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) will Teilzeitbeschäftigten einen gesetzlichen Anspruch auf Stundenerhöhung verschaffen – spätestens bis 2028. „Wer mehr arbeiten will, soll darauf auch einen klaren rechtlichen Anspruch haben“, sagt Schumann. Voraussetzung sei aber der Ausbau der Kinderbetreuung.
Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und der ÖVP-Wirtschaftsbund zeigten sich irritiert und warnen vor Zwangsmaßnahmen für Betriebe. Rückendeckung bekommt Schumann von der Gewerkschaft GPA und der Arbeiterkammer, die einen Zuschlag von 50 statt 25 Prozent auf Mehrarbeit fordert, fällig ab der ersten Stunde.
Nur: Mehr Stunden bringen wenig, wenn die einzelne Stunde zu wenig bringt. Laut Statistik Austria waren zuletzt 361.000 Erwerbstätige zwischen 18 und 64 Jahren armutsgefährdet, rund neun Prozent. Mehr als 200.000 von ihnen arbeiten Vollzeit.
150.000 arbeiten schon jetzt mehr – ohne Anspruch
Wie groß der Bedarf tatsächlich ist, zeigen zwei Zahlen aus dem Sozialministerium: Rund 150.000 Teilzeitbeschäftigte in Österreich arbeiten regelmäßig mehr Stunden, als vertraglich vereinbart. 2025 wurden insgesamt 170 Millionen Über- und Mehrstunden geleistet. Besonders betroffen sind Frauen: Rund jede zweite arbeitet in Österreich Teilzeit.
Gastronomie führt das Ranking von unten an
Die Basis für das Ranking bilden österreichische Gehaltsdaten der letzten zwei Jahre. kununu hat dafür ausschließlich Berufe mit mindestens 100 Angaben untersucht.
In 22 davon liegt das durchschnittliche Bruttojahresgehalt unter 31.000 Euro – jener Marke, ab der laut kununu netto weniger übrig bleibt als die Armutsgefährdungsschwelle. Die liegt bei 21.928 Euro im Jahr oder 1.827 Euro netto im Monat für Alleinlebende ohne weiteres Haushaltseinkommen.
Über ein Viertel der 22 Berufe gehört zur Gastronomie. Am unteren Ende des Rankings:
- Küchenhilfe: 26.555 Euro brutto im Jahr
- Gastronom:in: 27.475 Euro
- Barkeeper:in: 28.586 Euro
- Kellner:in: 29.085 Euro
- Restaurantfachfrau und -mann: 29.363 Euro
„Wer jeden Tag dafür sorgt, dass Restaurants laufen oder Geschäfte geöffnet bleiben, verdient häufig nicht genug, um selbst finanziell abgesichert zu sein“, sagt Dario Wilding, Head of External Communications bei kununu. Es gehe um körperlich fordernde Tätigkeiten mit niedrigen Einstiegshürden, in Branchen unter hohem Kostendruck.
Auch ein klassischer Lehrberuf steht auf der Liste
Nicht alles passt ins Klischee vom Helferjob: Tierpfleger:innen kommen im Schnitt auf 29.927 Euro brutto, Einzelhandelskaufleute auf 30.338 Euro.
„Gerade der Einzelhandel zeigt, dass niedrige Einkommen längst nicht mehr nur vermeintliche Nischen- oder Helferberufe betreffen“, so Wilding. „Es handelt sich um einen der größten klassischen Ausbildungsberufe Österreichs, den viele mit sicheren und stabilen Beschäftigungsverhältnissen verbinden.“ Hoher Teilzeitanteil, Margendruck und flache Gehaltskurven sorgten dafür, dass viele trotz regulärer Arbeit wenig verdienen – auch mit Berufserfahrung.
Mehr Stunden heben keinen niedrigen Stundenlohn
Ein Rechtsanspruch auf Aufstockung hilft jenen, die unfreiwillig in Teilzeit feststecken. Das Grundproblem der 22 Berufe löst er nicht: Wer bereits 38,5 Stunden arbeitet und trotzdem unter der Grenze bleibt, kommt über zusätzliche Stunden nicht darüber.
Die Debatte verhandelt, wie viel gearbeitet wird. Offen bleibt die Frage, die für 361.000 Menschen entscheidend ist: was eine Stunde Arbeit wert ist.