Schere, Stein, Papier

Wie du deinem Chef sagst, dass du ihn eigentlich blöd findest

Manchmal macht er uns wahnsinnig. Es juckt unter den Fingernägeln, der Magen brodelt und eigentlich würdest du ihn am liebsten anschreien und dem Löwen in dir freien Lauf lassen. Leider ist das, vor allem wenn es um deinen Vorgesetzten geht, nicht so eine gute Idee. Da dir das Thema aber dennoch keine Ruhe lässt, grübelst du meist stundenlang darüber nach, wie du deinem Chef sagen solltest, dass er alles falsch macht. Kommunikationscoach Michael Toppelreiter verrät dir deswegen heute, wie du deinen Chef kritisieren kannst und ihm weismachst, dass du nicht mit allem einverstanden bist, was er tut.

Mit 180 in das Büro des Big-Boss zu marschieren und ihm ordentlich die Meinung sagen, das wär’s doch. Aber da Handeln im Affekt bekanntlich nicht immer die beste Idee ist: Was sollte ich beachten, bevor ich vor meinem Vorgesetzten meinen Standpunkt vertrete?

Auf jeden Fall solltest du darauf achten, ob das Thema, um das es dir geht, im Unternehmen irgendwo geregelt ist oder ob es nur eine „persönliche Meinung“ von dir ist. Geregelt können Themen beispielsweise im Unternehmensleitbild sein oder auch bei technischeren Dingen in Prozessbeschreibungen. Immer dann, wenn es eine sogenannte Regelung oder Grundregel dafür im Unternehmen gibt, die am besten niedergeschrieben ist, kannst du egal, ob nach oben oder nach unten in der Hierarchie, anhand dieses festgeschriebenen Regelwerks sehr gut und sehr sachlich kritisieren.

Spontan zwischen gemeinsamer Lunchtime und Kaffeepause oder lieber ein fix vereinbarter Termin? Wann ist der perfekte Zeitpunkt gekommen?

Frage dich selber, wie wichtig dir das Thema ist. Wenn dir das Thema wichtig ist, dann empfehle ich dir unbedingt, einen festen Termin dafür zu machen, weil sich sofort die Wichtigkeit des Themas massiv steigert. Also kurz: Wenn’s dir wichtig ist, mach bitte einen fixen Termin aus.

Darf ich meinen Chef klipp und klar sagen: „Das machen Sie falsch.“?

Auch hier finde zu Beginn bitte heraus, ob es in deinem Unternehmen – am besten eine niedergeschriebene – Regelung zu dem Thema, das dir am Herzen liegt, gibt. Vielleicht nehmen wir als Beispiel den Umgangston, weil fast jedes Leitbild den respektvollen Umgang miteinander festlegt hat. Wenn jetzt jemand, auch durchaus dein Chef, diese Grundregeln missachtet, dann kannst du sehr wohl diese einfordern. Ich empfehle dir hier nicht zu sagen „Das machen Sie falsch“. Formuliere es besser nicht anklagend, sondern lösungsorientiert und erkläre, worum du den anderen ersuchst. Also sinngemäß „Bitte halte du dich auch an das oder das“, je nachdem was du einfordern möchtest.

„Deine Bluse ist hässlich.” Off topic, logisch. Doch wo ist die Grenze zwischen „geht mich nichts an” und „das sollte ich dir sagen”?

Ganz einfach: Wenn es in deinem Unternehmen eine schriftliche Regelung zu dem Thema gibt, kannst du auf alle Fälle hierarchieübergreifend, lösungsorientiert kritisieren. Das machst du am besten kultiviert und respektvoll und gleichzeitig klar. Um auf das Beispiel der Bluse kurz einzugehen: Immer dann, wenn es eine Kleiderordnung gibt, kannst du das in alle Richtungen auch einfordern. Ich kenne das von meiner eigenen Erfahrung. Die Regelung war, dass Herren eine lange einfarbige Hose, einfarbige Lederschuhe und einfarbige Socken, Hemd, Krawatte und Sakko tragen mussten. Wenn jetzt jemand zum Beispiel keine Krawatte getragen hatte, dann war ich berechtigt auf Grund dieser Regelung, das zu kritisieren und einzufordern, obwohl Kleidung sonst eher ein persönliches Thema ist. Wenn sie jetzt allerdings eine Mickey-Mouse-Krawatte tragen und die so binden, dass sie über dem Bauchnabel aufhört, dann hatte ich keine Grundlage, sie zu kritisieren. Das haben meine Mitarbeiter gewusst und das teilweise auch genutzt, um sich einen Spaß zu erlauben. Genau das ist meiner Meinung nach die Grenze.

Ist mein ehrliches Feedback vielleicht sogar förderlich für meine Karriere?

Es kommt natürlich auf die Unternehmenskultur an, ob das für dich förderlich ist. Meiner Meinung nach gibt es gute Chancen, dass es so ist. Ich möchte dir ans Herzen legen, dass du mit deinem Chef einmal ohne Anlass ins Gespräch gehst und klärst, wie er mit Feedback und mit kritischen, konstruktiv gemeinten Anmerkungen umgehen will. Wenn du dir dann von deinem Chef das klare OK abgeholt hast, dann bist du auf der sicheren Seite und wahrscheinlich wird das einerseits deine Karriere auch fördern. Andererseits wird er dein konstruktives Feedback schätzen, wenn er eine lösungsorientierte Arbeitseinstellung hat.

Wenn meine Vorgesetzten gar nicht gut auf meinen Kritikversuch zu sprechen sind, wie kann ich die Atmosphäre doch noch retten?

Am besten bleiben wir selbstkritisch, weil wenn wir selbstkritisch sind, dann können wir etwas verändern. Wenn wir der Meinung sind, dass der Vorgesetzte schuld ist oder man mit ihm nicht reden kann, dann sind wir in einer Situation, die uns ohnmächtig macht. Deswegen fragen wir uns besser, was habe ich bei meinem Kritikversuch nicht so optimal gelöst und was könnte ich besser machen. Jetzt habe ich zwar eine Analyse, weiß aber noch nicht, was ich tun kann. Was kann ich also tun? Eine Möglichkeit wäre, dass du zu deinem Chef mit folgendem Anliegen gehst: „Du, ich hab es mit meiner Kritik gut gemeint. Ich habe das gesagt, um das oder jenes zu verbessern. Ich habe gemerkt, das ist nicht so gut angekommen. Lass uns doch darüber sprechen, wie wir es in Zukunft handhaben, sodass Feedback für alle konstruktiv ist.“ Im Anschluss vereinbarst du mit deinem Vorgesetzten, wie du das Thema in Zukunft behandeln sollst. Dann bist du wieder auf der sicheren Seite!

Könnte mich mein Chef kündigen, nur weil ich nicht seiner Meinung bin?

Juristisch kann ich dir nicht sagen, ob das möglich ist. Wenn einer dich kündigen will, dann wird er wahrscheinlich einen Weg finden. Aber weil du nicht seiner Meinung bist, kann nicht der offizielle Grund sein. Hier kann ich dir ans Herz legen, etwas differenzierter mit dem Begriff „Meinung“ umzugehen. Zum Beispiel kann deine Meinung sein, dass das Glas rot ist, meine Meinung ist, dass das Glas grün ist. Jetzt könnten wir darüber streiten, wer Recht hat, aber das müssen wir nicht. Wir können auch sagen, ok ich sehe das so und du siehst es anders. Punkt. Alles ist super, wir können uns trotzdem mögen und müssen nicht einer Meinung sein.

Auch wenn wir schon aus dem Grundschulalter heraußen sind: Hast du zum Schluss noch ein 1×1 für Kritik?

Wenn es darum geht, wie kritisiere ich meinen Chef, dann möchte ich dich noch einmal daran erinnern, prüfe immer ob es dafür eine niedergeschriebene Regelung im Unternehmen gibt, sei es im Leitbild oder sonst wo. Dann kannst du sehr wohl verlangen, freundlich und respektvoll natürlich, dass das so gemacht werden soll. Alles andere, was nicht schriftlich geregelt ist, ist eine Meinung und da gibt es auch andere. Wenn du die Unterscheidung berücksichtigst, dann wirst du sehr wahrscheinlich noch besser mit deinen Kollegen, deinen Mitarbeitern und auch deinen Chefs auskommen.

 


Interviewpartner Michael ToppelreiterMichael Toppelreiter hilft als Trainer für wirksame Kommunikation Führungskräften und Mitarbeitenden dabei, ihre Ziele einfacher, schneller und respektvoller zu erreichen. Außerdem bietet er smarte Tools an, die den Anwendern bei der erfolgreichen Umsetzung ihrer Vorhaben helfen. Als Unternehmer und Führungskraft sieht er sich selbst als „Praktiker“ und genau das ist auch der Anspruch an seine Arbeit: einfach, praktisch und direkt umsetzbar.