Urteil zu Arbeitszeiterfassung: Das Comeback der Stechuhr?

Mitgliedstaaten der EU müssen Arbeitgeber künftig verpflichten, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter systematisch zu erfassen. Eine Frage beschäftigt daher gerade viele: Bedeutet das Urteil das Comeback der Stechuhr? Welche Auswirkungen auf unseren Arbeitsalltag uns erwarten und wieso dadurch nicht unbedingt das gewünschte Ergebnis erzielen wird, erfahrt ihr hier.

Verpflichtende Arbeitszeiterfassung

Das Urteil des Europäischen Gerichtshof (EuGH) spaltet gerade die Geister. Denn zukünftig sind Systeme zur Arbeitszeiterfassung verpflichtend von Arbeitgebern einzurichten. Aber nochmal von vorne: Wie kam es zu dem Urteil? Geklagt hatte eine spanische Gewerkschaft, die einen Ableger der Deutschen Bank verpflichten wollte, die Einhaltung der vorgesehenen Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter sicherzustellen. Die Begründung des EuGH: Nur durch eine komplette Arbeitszeiterfassung könne überprüft werden, ob zulässige Arbeitszeiten überschritten würden. Demnach ist die Einhaltung von Höchstarbeitsgrenzen und Ruhezeiten ein Grundrecht in der Europäischen Union. Denn der Gerichtshof stellte fest, dass ohne die Messung der tatsächlichen Arbeitszeit weder die Zahl der Überstunden noch die zeitliche Verteilung der Arbeitszeit verlässlich ermittelt werden kann. Eigentlich ein guter Ansatz, gibt es doch genug Unternehmen, die ihren Angestellten zwar 40-Stunden-Verträge ausstellen, sie aber mehr Stunden pro Woche arbeiten lassen.

Die Stechuhr lässt grüßen

Während das Urteil als Stärkung für die rechtliche Situation von Arbeitnehmern betitelt wird, zeigt es auch wie wenig Bezug zum Arbeitsalltag vieler Beschäftigter besteht. Denn scheint es eine Lösung für all jene Jobs, in denen Mitarbeiter durch regelmäßige Überstunden von Arbeitgebern ausgebeutet werden, ist es für das Modell der Arbeit auf Vertrauensbasis genau das Gegenteil. Wem beim Urteil des EuGH das Bild einer Stechuhr in den Kopf schießt, hat nämlich damit gar nicht so unrecht. Schließlich basieren viele Arbeitsverhältnisse mehr auf Vertrauen, als auf der punktgenauen Messung von Arbeitsstunden.

„Work-Life-Balance: man kann sich die Arbeit flexibel einteilen, keine Stechuhr-Atmosphäre“ – Arbeitgeberbewertung bei itworks Personalservice GmbH

Wie oft kommen gute Ideen nach Feierabend im Austausch mit Freunden und Bekannten oder man stößt abends beim Surfen auf der Couch auf einen spannenden Artikel und neue Impulse? Diese verschwimmende Grenze zwischen Berufs- und Privatleben ist für viele Realität. Im Gegenzug profitieren Arbeitnehmer von New Work-Benefits wie flexiblen Arbeitszeiten und Home Office.

Wie wollen wir Arbeit definieren?

Während das Urteil in Deutschland für viel Diskussionsstoff sorgt, ist die genaue Erfassung der Arbeitszeit in Österreich schon lange gängige Praxis. Denn österreichische Arbeitgeber sind nach aktueller Gesetzeslage auch jetzt schon verpflichtet, Beginn und Ende der Arbeitszeit aufzuzeichnen, dasselbe gilt für Pausen. Das Urteil wird aber Folgen für Deutschland haben, weil die rechtliche Situation dort ähnlich ist wie in Spanien. Bisher gibt es nur in einzelnen Branchen eine Pflicht zur Arbeitszeiterfassung.

„Andere Firmen arbeiten oft mit Vertrauensarbeitszeit (ohne Stechuhr). Das klingt erstmal positiv, führt aber in der Regel dazu, dass Überstunden angehäuft werden, ohne dass es auffällt.“ – Arbeitgeberbewertung bei GET AG

Das Comeback der Stechuhr herauf zu beschwören, ist aber übertrieben. Ob die Stunden elektronisch oder auf dem Papier, per App oder Stechuhr festgehalten werden, lässt der europäische Gerichtshof offen – sofern das System „objektiv, verlässlich und zugänglich ist“. Aber mal abgesehen von der Frage nach der Umsetzung, führt das Urteil zum viel wichtigeren Diskurs einer Grundsatzfrage, mit der wir uns ruhig öfter mal beschäftigen sollten: Wollen wir Arbeit künftig immer noch über Arbeitszeit definieren oder doch lieber über erbrachte Ergebnisse? Die Antwort scheint für manche Arbeitgeber noch offen.

„Stechuhr ist wichtiger als Inhalt.“ – Arbeitgeberbewertung bei Agrarmarkt Austria (AMA) Wien

„Gemessen wird am Ergebnis, nicht an der Stechuhr.“– Arbeitgeberbewertung bei FIVE1 GmbH

Wie viele Stunden rackerst du dich ab?

Quelle:

[1] diepresse.com, tt.com

[2] spiegel.de