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Leerer Bahnhof

Streik für mehr Gehalt: So viel verdienen die streikenden Berufsgruppen

Bahnstreik 2024: Was verdienten die Streikenden eigentlich? Der Konflikt zwischen der GDL und der Deutschen Bahn legte Anfang des Jahres den Verkehr lahm. Kernforderungen der GDL waren u.a. eine Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden, mehr Gehalt und eine Inflationsausgleichsprämie. Nach zähen Verhandlungen gab es eine Einigung: Arbeitszeitverkürzung bis 2029, Lohnerhöhungen und Inflationsprämie. Aber wie sieht's wirklich aus? Wir haben uns die Gehälter der streikenden Berufsgruppen angesehen: Verkehrsplaner:innen verdienen durchschnittlich 54.100 €, Lokführer:innen 45.000 €, Busfahrer:innen 35.800 €. Die Gehaltszufriedenheit ist oft geringer als im Durchschnitt.

Der Tarifkonflikt zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und der Deutschen Bahn hat vor allem den Beginn des Jahres 2024 maßgeblich geprägt. Wochenlange Auseinandersetzungen zwischen Bahn-Vorstand und Gewerkschaft sowie mehrere Wellenstreiks sorgten für enorme Einschränkungen im Personen- und Güterverkehr. Das bedeutete nicht nur Einschränkungen für Pendler:innen, sondern war in erster Linie für die Arbeitnehmer:innen in diesem Bereich belastend.

Was damals die Wogen hochgehen ließ, ist heute ein wichtiger Referenzpunkt für alle weiteren Tarifkonstellationen im Bahnsektor. kununu hat sich die Gehälter der damals streikenden Berufsgruppen genauer angeschaut. Hier erfährst du, wie hoch die durchschnittlichen Gehälter in einigen der streikenden Berufsgruppen sind und wie (un)zufrieden Arbeitnehmende der betroffenen Sektoren mit ihrem Gehalt sind.

Forderungen: Wie es zum großen Bahnstreik 2024 kam

Ausschlaggebend für den Konflikt zwischen GDL und der Deutschen Bahn waren Ende 2023 und Anfang 2024 mehrere Kernforderungen der GDL, die aus Sicht der Gewerkschaft überfällig waren. Aus Sicht der Bahn waren diese jedoch nicht finanzierbar und strukturell schwer umsetzbar.

Die wichtigsten Forderungen der Gewerkschaft, die diese für Beschäftigte in Netzbetrieb, Netzinstandhaltung, Fahrzeuginstandhaltung, Zugpersonal und Auszubildende formulierte, lauteten unter anderem:

  • Absenkung der Wochenarbeitszeit für Schichtbeschäftigte von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich
  • Entgelterhöhung von 555 Euro plus spürbare Gehaltssteigerungen für Auszubildende
  • 3.000 Euro steuerfreie Inflationsausgleichsprämie
  • 25 Prozent höhere Schichtzulagen
  • Fünf-Schichten-Woche zur Entlastung unregelmäßiger Dienstpläne
  • 5 Prozent Arbeitgeberanteil für die betriebliche Altersvorsorge

Die GDL begründete diese Forderungen beispielsweise mit dem starken Personalmangel im Bahnsektor, der massiven Arbeitsverdichtung sowie der Tatsache, dass das Berufsbild für viele junge Fachkräfte nicht mehr attraktiv sei.

Höhepunkt des Bahn-Konflikts Anfang 2024

Zu Beginn des Jahres 2024 erreichte der Konflikt seinen vorläufigen Höhepunkt. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer kündigte einen mehrere Tage andauernden Streik an, der den Personen- und Güterverkehr der Deutschen Bahn nahezu vollständig lahmlegte.

Die erste Streikwelle startete am 10. Januar 2024 um 2 Uhr im Personenverkehr und endete am 12. Januar um 18 Uhr. Im Güterverkehr begann der Streik sogar schon am 9. Januar am Abend. Ein klares Signal, wie ernst die Gewerkschaft die Verhandlungen nahm.

Die Deutsche Bahn reagierte damals mit juristischen Schritten und versuchte, den Streik per Eilantrag beim Arbeitsgericht Frankfurt zu stoppen. Die Begründung: Man habe der GDL gerade erst ein erweitertes Angebot vorgelegt, das der Gewerkschaft bei ihrer Kernforderung zur reduzierten Arbeitszeit stark entgegenkomme. Der Konzern appellierte damals öffentlich: „Die DB ist bereit zu Kompromissen. Es ist jetzt an der Zeit, wieder zu verhandeln. Die GDL-Spitze hat überzogen. Sie muss sich endlich besinnen.“

Trotz dieser Worte kam es zum Streik und zu weiteren Wellenstreiks – ein kurzfristig angelegter Streik ohne vorherige Ankündigung an den Arbeitgeber – im Laufe des Frühjahrs.

Rückblick: Der größte Bahnstreik der Geschichte

Schon gewusst? Der Bahnstreik 2024 war bei weitem nicht der längste der deutschen Geschichte. Im Jahr 1992 legten insgesamt rund 400.000 Angestellte im öffentlichen Dienst und bei der Eisenbahn große Teile des öffentlichen Verkehrs für elf Tage lahm. Am Ende des Streiks erreichten die Gewerkschaften eine Lohnerhöhung von 5,4 Prozent und mehr Urlaubsgeld für die Bahnbeschäftigten.

Gut zu wissen: Was ist bei einem Streik eigentlich erlaubt und was nicht? Warum eine Antwort auf diese Frage gar nicht mal so einfach ist und worauf du als streikende:r Arbeitnehmer:in unbedingt achten solltest, erfährst du spätestens beim Lesen unseres Artikels.

März 2024: Endlich eine Einigung im Tarifkonflikt

Nach mehreren gescheiterten Verhandlungsrunden und anhaltenden Streiks konnten die Arbeitnehmer:innen und Bahn-Reisenden endlich aufatmen. Denn im März 2024 gelang schließlich der Durchbruch. Die Ergebnisse der Einigung zwischen der Deutschen Bahn und GDL waren dabei durchaus komplex.

Die wichtigsten Ergebnisse der Tarifeinigung in der Übersicht

1. Schrittweise Arbeitszeitverkürzung

Die GDL konnte sich bei der Verkürzung der Arbeitszeit durchsetzen. Diese findet allerdings nicht sofort und in voller Konsequenz statt. Die Wochenarbeitszeit für Schichtarbeitende wird schrittweise bis 2029 auf 35 Stunden gesenkt. Beschäftigte erhalten zudem mehr Mitsprache, ob sie Arbeitszeitverkürzung oder Lohnausgleich priorisieren möchten.

2. Entgeltsteigerungen

Statt der geforderten 555 Euro konnte eine Lohnsteigerung in Höhe von 420 Euro – angepasst in zwei Stufen – erzielt werden.

3. Inflationsprämie

Die Deutsche Bahn ließ sich auf eine Inflationsausgleichsprämie ein, bezahlt diese allerdings in teils modifizierter Höhe je nach Beschäftigtengruppe.

Die Einigung erzeugte Jubel auf beiden beteiligten Konfliktparteien. Während die Deutsche Bahn argumentierte, sie habe wirtschaftliche Stabilität gesichert, feierte die GDL ihren Durchbruch bei der Arbeitszeit und finanziellen Situation der Beschäftigten.

So viel verdienen die streikenden Berufsgruppen

Auf Grundlage der von kununu Nutzer:innen auf kununu geteilten Gehaltsdaten geben wir dir Aufschluss über die durchschnittlichen Gehälter sowie der Gehaltszufriedenheit der am häufigsten streikenden Berufsgruppen. Die Gehälter der Beschäftigten im Verkehrssektor sind vergleichsweise niedrig. Insbesondere Flughafenmitarbeiter:innen, Zugbegleiter:innen sowie Busfahrer:innen liegen laut den kununu Daten weit unter dem durchschnittlichen Bruttojahresgehalt von 50.239 Euro in Deutschland.

Die Systemrelevanz und anhaltend hohe Arbeitsbelastung der streikenden Berufsgruppen spiegelt sich bislang nur wenig in den Gehältern wider. Kaum verwunderlich, dass betroffene Arbeitnehmende eher unzufrieden mit ihrem Gehalt sind. Denn die Gehaltszufriedenheit basiert nicht nur auf der Gehaltshöhe, sondern bemisst sich auch anhand der Arbeitsbedingungen.

Verkehrsplaner:in

Die meisten Verkehrsplaner:innen verdienen in Deutschland zwischen 47.360 € und 54.720 €, wobei der Durchschnitt bei 54.100 € liegt. Die Gehaltszufriedenheit liegt bei 61 Prozent.

Flugzeugtechniker:in

Als Flugzeugtechniker:in verdienst du in Deutschland zwischen 41.980 € und 50.960 €. Der Gehaltsdurchschnitt liegt bei 51.000 €. Und die Gehaltszufriedenheit? Diese beträgt 53 Prozent.

Lokführer:in

Du bist als Lokführer:in tätig? In diesem Fall verdienst du in Deutschland laut kununu Gehaltsdaten zwischen 39.280 € und 45.160 €. Der Gehaltsdurchschnitt liegt bei 45.000 €. Die Gehaltszufriedenheit beträgt 55 Prozent.

Straßenbauer:in

Straßenbauer:innen erhalten in Deutschland laut kununu Gehaltsdaten ein Bruttojahresgehalt zwischen 35.820 € und 41.440 €. Ihr durchschnittliches Gehalt ist 39.800 €. Die Gehaltszufriedenheit liegt bei 52 Prozent.

Busfahrer:in

Als Busfahrer:in kannst du zwischen 33.160 € und 37.420 € im Jahr verdienen. Im Durchschnitt kannst du mit einem Gehalt von 35.800 € rechnen. Die Gehaltszufriedenheit beträgt 42 Prozent.

Zugbegleiter:in

Zugbegleiter:innen verdienen etwas weniger als die oben genannten Busfahrer:innen – genauer gesagt, zwischen 30.720 € und 34.540 € im Jahr verdienen. Im Durchschnitt verdienst du ein Gehalt von 33.200 €. Die Gehaltszufriedenheit in diesem Job beträgt 53 Prozent.

Airport Services Officer (Flughafenmitarbeiter:in)

Airport Services Officers erhalten ein durchschnittliches Bruttojahresgehalt zwischen 26.100 € und 31.420 € im Jahr verdienen. Im jährlichen Durchschnitt beträgt dein du ein Gehalt 35.600 €. Die Gehaltszufriedenheit von Airport Services Officers liegt bei 40 Prozent.

Klar, mehr geht immer. Jedoch sind Arbeitnehmende im Verkehrssektor deutlich seltener mit ihrem Gehalt zufrieden, als in anderen Branchen. Im Durchschnitt bezeichnen 54,96 Prozent der Arbeitnehmer:innen auf kununu ihr Gehalt als gut oder sehr gut. Betrachtet man jedoch die streikenden Berufsgruppen, dann fällt dieser Wert teils niedriger aus. Beispielsweise empfinden laut kununu Daten nur 40 Prozent der Flughafenmitarbeiter:innen ihr Gehalt als gut oder sehr gut. Auch Busfahrer:innen zeigen sich nur selten mit ihrem Gehalt zufrieden. Hier geben lediglich 42 Prozent an, sie seien mit ihrem Gehalt zufrieden oder sehr zufrieden.

Nach den Gehaltsanpassungen dürfte es jedoch in manchen Berufsgruppen Grund zur Freude gegeben haben. Unter den Verkehrsplaner:innen sind mit 61 Prozent deutlich mehr Beschäftigte mit ihrem Gehalt zufrieden als im deutschen Gesamtdurchschnitt.

Wie berechnen wir unsere Gehaltsdaten?

Die Analyse basiert auf  Bewertungen und Gehaltsabgaben von Arbeitnehmer:innen auf kununu.com. Hier können Mitarbeiter:innen anonym ihr Gehalt teilen und bewerten, ob sie zufrieden mit ihrem Verdienst sind und ob das Gehalt der Verantwortung und den Arbeitsbedingungen entspricht. Die Skala reicht dabei von 1 (sehr schlecht) bis 5 (sehr gut). Mehr zu unserer Datenanalyse findest du hier.

Was war das Ergebnis der Streiks 2023?

Der Bahnstreik 2024 war nicht der erste und wird aller Voraussicht nach auch nicht der letzte gewesen sein. Nach monatelangen Tarifkonflikte im Frühjahr 2023, die mit kleinen Fortschritten in den ersten Verhandlungsrunden gab es anschließend zwei bundesweite Warnstreiks. Ein dritter Warnstreik wurde Mitte Mai vom Arbeitsgericht in Frankfurt am Main verhindert. Nach diesem Treffen machten die Verhandlungen deutlichere Fortschritte, scheiterten jedoch letztendlich Ende Juni, was zu einem zweiwöchigen Schlichtungsverfahren führte.

Gemäß dem Schlichterspruch, der im Juli 2023 erarbeitet wurde und von den Mitgliedern angenommen wurde, erhalten etwa 180.000 Beschäftigte bei der Deutschen Bahn in zwei Stufen eine Gehaltserhöhung von insgesamt 410 Euro pro Monat über eine Laufzeit von 25 Monaten. Die erste Stufe dieser Erhöhung von 200 Euro sollte ab Dezember gezahlt werden, die zweite ab August des folgenden Jahres.

Was ist ein Schlichterspruch?

Der Schlichterspruch wird von einer unabhängigen Schlichtungskommission erarbeitet und hat das Ziel, einen Kompromiss zwischen den beiden Parteien zu finden. Gemäß dem Schlichterspruch werden verschiedene Maßnahmen vereinbart, um den Tarifkonflikt beizulegen. Der Schlichterspruch wird von beiden Parteien akzeptiert und wird somit verbindlich umgesetzt.

Sind die Streiks überhaupt erlaubt?

Da es kein gesetzliches Regelwerk für Arbeitskämpfe gibt, ist es nicht offensichtlich verboten, zu streiken. Theoretisch gibt es jedoch eine Begrenzung für Warnstreiks aus der Rechtsprechung, das sogenannte Ultima-Ratio-Prinzip: Vor einem Warnstreik müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um den Tarifkonflikt friedlich zu lösen. Das heißt, es sollte nicht nach der ersten Verhandlungsrunde gleich zum Streik kommen. Letztendlich liegt es jedoch in den Händen der beiden Tarifparteien, zu entscheiden, ob die friedliche Verhandlungen bereits ausgeschöpft sind. Darüber hinaus muss eine Gewerkschaft nicht zwangsläufig das Scheitern der Verhandlungen erklären, um einen Warnstreik durchzuführen.

Verspätungen wegen Streik: Bin ich rechtlich abgesichert?

Das sogenannte Wegerisiko liegt auf Seiten der Arbeitnehmer:innen, was bedeutet, dass dieser verantwortlich dafür ist, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Sollte der Arbeitgeber nicht von sich aus Kulanz zeigen, müssen Arbeitnehmer:innen zumindest nachweisen, dass sie mit angemessenem Aufwand versucht haben, zur Arbeit zu kommen. Wenn es jedoch tatsächlich auf keinem sinnvollen Weg möglich war, den Arbeitsplatz zu erreichen, wird der Arbeitgeber wegen der Fehlzeit keine Abmahnung oder gar Kündigung durchsetzen können. Auf der anderen Seite muss er jedoch auch keinen Lohn für die ausgefallene Zeit zahlen. Der Arbeitgeber ist nur verpflichtet, tatsächlich geleistete Arbeitszeiten zu vergüten, auch wenn beide Seiten nichts für den Ausfall können.

Lohn-Preis-Spirale wegen Gehaltserhöhungen?

Kritiker:innen der derzeitigen Streiks vertreten häufig die Meinung, die Lohnerhöhungen könnten die Inflation weiter entfachen und für eine Lohn-Preis-Spirale sorgen. Der Ökonom Marcel Fratzscher sieht die Gewerkschafts-Lohnforderungen jedoch als nicht schädlich für die Wirtschaft. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin betont, dass Lohnerhöhungen in der aktuellen Situation dazu beitragen können, die Nachfrage zu stabilisieren und zu stärken. Der Beitrag von Lohnerhöhungen zur Inflation fiele eher gering aus und die treibende Kraft hinter der Inflation seien nach wie vor die explodierenden Energiekosten.