Was tun, wenn die Arbeit Angst macht?

Dir ist schlecht. Der letzte Schluck Kaffee liegt wie Stein in deinem Bauch und du würdest alles geben, um einfach umzudrehen zu können. Nur damit du nicht an den Ort musst, der dir solche Angst macht: Dein Arbeitsplatz. Und damit bist du nicht allein. Jede vierte Krankschreibung geht laut Statistiken des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen auf psychische Ursachen zurück.[1] Psychotherapeutin Andrea Pabst erklärt, wie sich Angstphobien am Arbeitsplatz äußern und was man dagegen tun kann.

Definition: Was bedeutet Arbeitsphobie

kununu: Was versteht man unter Arbeitsphobie und wie wirkt sie sich aus?

Andrea Pabst: Eine Phobie ist dann eine Angststörung, wenn die Ängste regelmäßig ohne reale Bedrohung auftreten und wenn sie das Leben des Betroffenen beherrschen und ihn einschränken. Die Arbeitsplatzphobie kann eine Angst vor dem Arbeitsplatz als Ort, sowie vor Personen oder Situationen, die mit dem Arbeitsplatz in Verbindung stehen sein. So kommt es bei den Betroffenen häufig zu einer Arbeitsunfähigkeit und zu einem Vermeidungsverhalten mit der angstauslösenden Situation.

kununu: Wie häufig tritt die „Angst vor der Arbeit“ auf?

Pabst: In unserer Gesellschaft sehr häufig! Beispielsweise in Form von Leistungsangst, Versagensangst, sozialen Ängsten, generalisierte Angststörungen oder auch Mobbing durch Kollegen oder Vorgesetzte. Von einer Phobie spricht man, wenn Ängste durch bestimmte aber ungefährliche Auslöser hervorgerufen werden und über einen längeren Zeitraum bestehen. Ich denke, dass die Mehrzahl der Personen, die eine Angstphobie entwickeln, aus Scham, Furcht oder strategischen Überlegungen nicht darüber reden.


„Von Angst und Druck geprägtes Arbeitsklima, Überstunden werden nicht vergütet, Seilschaften machen das Leben schwer.“ – Arbeitgeberbewertung bei Bader GmbH & Co. KG


kununu: In unserer Leistungsgesellschaft gilt man schnell als „Drückeberger“ oder als „nicht belastbar“, wenn man den Aufgaben nicht gewachsen ist. Wie ernst werden Arbeitsphobien mittlerweile genommen?

Pabst: Am Arbeitsplatz wird jeder mit Herausforderungen und Erwartungen konfrontiert: Mit Kollegen, die man sich nicht aussuchen kann. Mit Vorgesetzten, die sanktionieren und Leistung einfordern, um vorgegebene Ziele zu erreichen oder die Wünsche ungeduldiger Kunden zu erfüllen. Phobien beginnen meist mit Konflikten in der Firma, Streitereien unter Kollegen und wenig bis keine Unterstützung und Rückhalt seitens der Vorgesetzten.

kununu: Kann diese Phobie ein Zeichen von Burn-Out sein oder muss hier differenziert werden?

Pabst: Burn-Out ist anfangs schwierig zu erkennen und die Betroffenen gestehen sich das meist auch nicht ein. Symptome wie emotionale und seelische Erschöpfung, abnehmende Leistungsfähigkeit, wenig Motivation und Selbstzweifel können auftreten. Kommt dazu noch Unzufriedenheit, negative Einstellungen und Gedanken über die private und berufliche Situation – das alles kann ein Burn-Out Syndrom auslösen. Eine Phobie muss aber nicht unbedingt mit einem Burn-Out zusammenhängen. Eine umfangreiche Diagnostik kann helfen, zwischen Phobie und Burn-Out zu unterscheiden, um dann die richtige Therapie und Behandlung zu wählen.

Ursachen von Angst vor der Arbeit

kununu: Welche Ursachen können zur Angst vor der Arbeit führen?

Pabst: Dass Ängste in unserer Gesellschaft vermehrt auftreten, ist ein Zusammenspiel aus biologischen und sozialen Faktoren. Sie resultieren zum Teil aus Erziehungsstilen und individuellen Lernerfahrungen. Auch die seelische und körperliche Belastung eines Arbeitnehmers sowie die Fähigkeit, Konflikte anzusprechen und aufzulösen, spielen hier eine wichtige Rolle.

kununu: Gibt es Berufsgruppen oder Positionen in Unternehmen, bei denen die Angst vor der Arbeit vermehrt auftritt?

Pabst: Ich würde unterscheiden zwischen der Persönlichkeit eines Menschen und dem Beruf selbst. Ein erhöhtes Risiko an einer Phobie zu erkranken, haben besonders sensible und ängstliche Menschen. Im Beruf sind es Tätigkeiten, die eine hohe Anforderung mit sich bringen und einer großen Verantwortung unterliegen. Dann gibt es noch Berufe, wie beispielsweise Bühnenkünstler oder auch Lehrer. Sie stehen ständig vor einem Publikum oder unter genauer Beobachtung, dies kann ebenfalls Erfolgsdruck erzeugen.

Angst vor der Arbeit in Zeiten von Corona

kununu: Die Angst an den Arbeitsplatz zu gehen, kann durch die Ausbreitung des Coronavirus eine weitere Ursache haben. Inwiefern unterscheidet sich diese Angst von der Arbeitsphobie?

Pabst: Generell muss man sich die Ängste immer genau anschauen, um herauszufinden, um welche Faktoren es sich handelt. Fragen wie, welche Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze kommen im Zusammenhang mit den Ängsten und welche körperliche Auswirkungen haben sie?

Die Angst vor dem Arbeitsplatz kann wie gesagt unterschiedliche Ursachen haben, die meist im Zusammenhang mit dem Aufgabendruck, dem Arbeitsklima oder den Konflikten unter den Kollegen oder mit dem Chef stehen. Die Angst vor dem Coronavirus kann natürlich die Arbeitsphobie verstärken, indem man Gründe findet, die Wohnung nicht verlassen zu müssen. Der Unterschied liegt darin, dass die Arbeitsphobie auf den Arbeitsplatz bzw. das Arbeitsumfeld beschränkt ist, die Corona-Angst ist etwas Kollektives, das alle Menschen im gleichen Ausmaß zur selben Zeit betrifft. Da spielt das soziale Umfeld eine große Rolle, zum Beispiel wie Freunde, Familie oder Partner mit dieser Situation umgehen und darauf reagieren, dass kann natürlich Einfluss auf die Person haben, die unter Ängsten leidet.

kununu: Denken Sie, dass vermehrtes Arbeiten von zuhause eher positive oder negative Folgen für Menschen hat, die an einer Arbeitsphobie leiden?

Pabst: Es gibt Menschen, die sich trotz ihrer Ängste gut organisieren und disziplinieren können und das Homeoffice als eine Entlastung sehen. Um herauszufinden welche Auswirkung die Arbeitsphobie auf den Menschen hat, ist ein genaues Anamnesegespräch bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten zu empfehlen.

Für Menschen, die nicht gerne zur Arbeit gehen, aufgrund unterschiedlicher Ursachen, wird das „von zuhause arbeiten“ eher als Vorteil angesehen, um Konflikten oder unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. Auf der anderen Seite wird dadurch das Vermeidungsverhalten gefördert, die Ängste werden somit aufrecht erhalten und eine potentielle Lösung wird hinausgeschoben. Negative Auswirkungen kann das Arbeiten in den eigenen vier Wänden vor allem für diejenigen haben, die zusätzlich unter Einsamkeit oder Isolation leiden, wenig soziale Kontakte haben und sich mit ihren Ängsten allein gelassen fühlen.


„Fühle mich allein gelassen“ – Arbeitgeberbewertung bei HAL Allergie GmbH


Hilfe für sich selbst und andere

kununu: Was kann ich als Betroffener zunächst selber tun und ab wann sollte ich mir professionelle Hilfe suchen?

Pabst: Angst vor der Arbeit, oder auch Angststörungen überhaupt sind gut behandelbar, auch wenn man die genauen Ursachen nicht immer findet. Die Verhaltenstherapie kann hier gute Ergebnisse erzielen. Der Klient lernt die bewusste Auseinandersetzung mit speziellen Situationen, vor denen er sich fürchtet. So stärkt er die Fähigkeit, sich mit der Angst zu konfrontieren und sie zu besiegen. Wenn Angststörung und Symptome über einen längeren Zeitraum auftreten, kann eine professionelle Beratung und Therapie sehr hilfreich und entlastend sein.

kununu: Woran erkenne ich, dass mein Kollege Hilfe braucht und was kann ich tun?

Pabst: Bei Menschen, die eine Phobie entwickeln, können verschiedene Symptome auftreten. Sie erröten, haben zitternde Hände, ihnen wird übel oder schwindelig. Sie beginnen bestimmte Situationen oder Menschen zu vermeiden, fehlen plötzlich häufiger am Arbeitsplatz. Dabei spielt auch ein niedriges Selbstwertgefühl und die Furcht vor Kritik eine ebenso wesentliche Rolle. Betroffene kann man dabei unterstützen und ermutigen, sich sehr bald konkrete psychotherapeutische Beratung zu suchen!

Andrea Pabst

Andrea Pabst ist Psychotherapeutin in Wien und Baden. Sie hilft bei Depressionen, Beziehungsproblemen, sexuellen Störungen und in Krisensituationen wie Trennung, Angst- und Panikzuständen. Weiteres verfügt sie über Expertise auf dem Gebiet der Familien- und Paartherapie.

 

Quelle:

[1] faz.net