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Politik vs. Realität

Arbeiten wir wirklich zu wenig? Wo Merz‘ Kritik am Alltag vorbeigeht

von Julia P.
Veröffentlicht:  24. Juli 2026, 08:48
2 min
Mann arbeitet nachts am Computer und hält eine Tasse in der Hand

Bundeskanzler Friedrich Merz hat eine Debatte über die Arbeitszeit in Deutschland angestoßen: Er fordert mehr Einsatz für die Wirtschaft und verweist auf Statistiken, nach denen im Land zu wenig gearbeitet werde. Doch während in der Politik über durchschnittliche Stundenzahlen diskutiert wird, zeigt ein Blick in die Betriebe ein anderes Bild: Viele Beschäftigte berichten von hoher Arbeitsbelastung und fehlender Flexibilität.

Was Merz im Sommerinterview gesagt hat

Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion ist der Wunsch der Bundesregierung, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Im ZDF-Sommerinterview zog Bundeskanzler Friedrich Merz einen direkten Vergleich zu anderen Ländern:

„Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr als die Deutschen.“

Merz betonte im gleichen Interview: „Ich habe nie jemandem persönliche Faulheit unterstellt.“ Es gehe um „die gesamtwirtschaftlich geleisteten Arbeitsstunden und die zu geringe Produktivität“. Die Zahl stammt aus den Vergleichen der OECD: Mit im Schnitt rund 1.300 Stunden pro Erwerbstätigem liegt Deutschland deutlich hinter Ländern wie der Schweiz (1.532 Stunden) oder dem OECD-Durchschnitt (1.786 Stunden).

Was der ZDF-Faktencheck zur 200-Stunden-Aussage zeigt

Das ZDF hat zur eigenen Interview-Aussage einen Faktencheck veröffentlicht. Das Ergebnis: Die 200 Stunden stimmen – aber nur beim Vollzeit-Vergleich. Schweizer Vollzeitkräfte arbeiten laut Schweizer Bundesamt für Statistik 42,5 Stunden pro Woche, deutsche 38,4 Stunden. Hochgerechnet auf ein Jahr sind das rund 200 Stunden Differenz.

Bezieht man aber alle Erwerbstätigen ein, inklusive Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte, arbeiten Schweizer:innen im Schnitt 35,2 Stunden pro Woche, Deutsche 34,3 Stunden. Der Unterschied schrumpft auf weniger als eine Stunde pro Woche, also rund 50 Stunden pro Jahr. Der Grund: In der Schweiz ist die Teilzeitquote deutlich niedriger als in Deutschland.

Die Arbeitsrealität: Was Beschäftigte im Alltag erleben

Auf der anderen Seite steht das Erleben vieler Beschäftigter, die ihre Arbeitssituation bereits heute kritisch bewerten. Hinweise darauf liefert eine kununu Auswertung von rund 1,2 Millionen Arbeitgeberbewertungen aus Deutschland, die zwischen Januar 2024 und dem 20. Juli 2026 abgegeben wurden.

  • Work-Life-Balance: In mehr als jeder fünften Bewertung erhielt die Work-Life-Balance lediglich ein oder zwei von fünf möglichen Sternen.
  • Arbeitsbelastung: In den Freitextbewertungen des Jahres 2026 wurde das Thema „Arbeitsbelastung“ in 6.660 Fällen in den negativen Angaben zum Arbeitgeber erkannt.
  • Arbeitszeiten: Das Thema wurde in 3.817 negativen Freitextangaben thematisiert. Besonders häufig ging es dabei um Schicht- und Dienstplanung, Überstunden und Mehrarbeit, kurzfristige Änderungen sowie mangelnde Planbarkeit. Auch fehlende Flexibilität, Pausenregelungen und die Erwartung, außerhalb der regulären Arbeitszeit erreichbar zu sein, wurden kritisiert.

Die Rückmeldungen zeigen nicht, dass sämtliche Beschäftigte überlastet sind. Sie machen aber deutlich, dass ein erheblicher Teil der Bewertenden die Balance zwischen Arbeit und Privatleben kritisch erlebt und Arbeitsbelastung oder Arbeitszeiten ausdrücklich als Problem anspricht.

Warum Zahlen und Alltag auseinandergehen

Der Grund für die Kluft zwischen Politik-Rhetorik und Betriebs-Realität liegt in der Struktur des deutschen Arbeitsmarktes. Vollzeitkräfte arbeiten in Deutschland inklusive Überstunden 40,2 Stunden pro Woche (Eurostat-Zahl), vertraglich sind es 38,4 Stunden, das ist im europäischen Mittelfeld. Die niedrige Pro-Kopf-Zahl entsteht also durch den hohen Anteil an Teilzeitkräften, nicht durch weniger Einsatz der Vollzeitbeschäftigten.

Ökonom:innen wie Bettina Kohlrausch (WSI) erklären den Effekt: Eine hohe Vollzeitnorm mit hoher Belastung treibt vor allem Frauen in Teilzeit. Wer diese Teilzeitkräfte aufstocken lassen will, stößt in der Praxis aber auf konkrete Hürden:

  • Kinderbetreuung: Wenn Betreuungszeiten in Kitas und Grundschulen ausfallen oder unzuverlässig sind, begrenzt das die Aufstockung von Wochenstunden.
  • Pflegeinfrastruktur: Ein wachsender Teil der Erwerbstätigen übernimmt die Pflege von Angehörigen, was hohe zeitliche Flexibilität erfordert.
  • Steuerliche Anreize: Die Ausgestaltung von Steuerklassen und Abgaben entscheidet mit darüber, ob sich eine Stundenerhöhung für Teilzeitkräfte finanziell lohnt.

Ob Deutschland in Zukunft mehr Arbeitsstunden mobilisieren kann, wird daher weniger von Appellen an die Erwerbstätigen abhängen, sondern vielmehr davon, ob diese strukturellen Voraussetzungen für verlässliche Arbeitszeiten geschaffen werden.