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Fehlerkultur im Job

„Ich bin ein lernfähiges System“: Was Merz’ Antwort über Fehlerkultur verrät

von Julia P.
Veröffentlicht:  17. Juli 2026, 09:19
3 min
Friedrich Merz spricht vor mehreren Mikrofonen bei einem Pressetermin
Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

In seiner Sommer-Pressekonferenz am Mittwoch in Berlin wurde Friedrich Merz nach eigenen Fehlern gefragt. Seine Antwort vom „lernfähigen System“ klingt nach Selbstkorrektur, bleibt aber ohne konkretes Eingeständnis. Genau darin steckt eine Frage, die nicht nur die Politik betrifft: Wie glaubwürdig ist Führung, wenn Fehler nicht klar benannt werden?

Lernfähigkeit klingt gut – wird aber erst durch Fehler konkret

„Ich bin ein lernfähiges System“: Der Satz klingt nach Offenheit. Er signalisiert, dass jemand Erfahrungen einordnet und bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen. Bemerkenswert ist allerdings der Kontext: Auf die Frage des ZDF-Journalisten Wulf Schmiese, welcher Moment der schwächste seiner bisherigen Amtszeit gewesen sei, wich der Kanzler aus – „darüber müsste ich länger nachdenken“, berichtet unter anderem die NZZ. Die Lernfähigkeit wurde behauptet, ein konkreter Fehler nicht benannt. Genau dort beginnt aber die entscheidende Frage: Was wurde konkret gelernt?

Das gilt nicht nur für Politik. Auch im Arbeitsalltag reicht es nicht, wenn Führungskräfte Lernfähigkeit behaupten. Beschäftigte merken, ob Kritik ernst genommen wird, ob Probleme offen angesprochen werden und ob sich nach Fehlern tatsächlich etwas verändert. Denn Fehler passieren überall – entscheidend ist, was danach kommt: Wird offen über Ursachen gesprochen oder beginnt die Suche nach Schuldigen? Fehlerkultur zeigt sich nicht im Leitbild, sondern im Meeting nach einer schlechten Entscheidung, im Feedbackgespräch oder in der Frage, ob Kritik ohne Angst vor Nachteilen möglich ist.

Drei Befunde, die überraschen dürften

Wie Beschäftigte Fehlerkultur wirklich erleben, zeigt eine aktuelle kununu Auswertung von mehr als 2 Millionen Kultur-Einschätzungen aus dem DACH-Raum. Drei Ergebnisse daraus widersprechen dem, was viele über das Thema zu wissen glauben.

  • Erstens: Eine halbe Fehlerkultur gibt es nicht. Wer seinem Arbeitgeber einen konstruktiven Umgang mit Fehlern bescheinigt, erlebt dort fast nie zugleich Schuldzuweisungen oder ständige Kritik – nur 1,4 Prozent berichten von beidem. Das ist zunächst eine gute Nachricht: Wo Fehlerkultur wirklich gelebt wird, ist sie konsequent. Es bedeutet aber auch: Unternehmen, in denen Fehler offiziell erlaubt sind, hinter den Kulissen aber Schuldige gesucht werden, nehmen Beschäftigte schlicht nicht als fehlerfreundlich wahr. Der beliebte Chef-Satz „Bei uns darf man Fehler machen, aber…“ beschreibt damit keine strengere Variante von Fehlerkultur, sondern ihr Fehlen.
  • Zweitens: Fehlertoleranz macht nicht nachlässig. Nur 1,6 Prozent derer, die eine konstruktive Fehlerkultur erleben, berichten zugleich von unsorgfältigem Arbeiten und nur 3,3 Prozent von langsamem. Das Vorurteil, wer Fehler erlaube, senke Standards und Tempo, findet in den Daten schlicht keine Grundlage.
  • Drittens: Kritisches Mitdenken lässt sich nicht anordnen – es entsteht. Mehr als jede dritte Einschätzung, die kritisches Mitdenken im Unternehmen lobt (37,6 Prozent), nennt zugleich einen konstruktiven Umgang mit Fehlern, das ist deutlich häufiger, als der Zufall erwarten ließe. Das legt nahe: Beschäftigte denken vor allem dort kritisch mit, wo Fehler bereits sicher besprechbar sind. Mitdenken ist eher das Ergebnis von Fehlerkultur als ihr Ersatz.

Wie gelebte Fehlerkultur klingt und wie ihr Fehlen

Wie unterschiedlich Fehlerkultur erlebt wird, zeigen aktuelle kununu Bewertungen. Bei LUMAS beschreibt eine Bewertung mit 4 von 5 Sternen für Vorgesetztenverhalten eine konstruktive Fehlerkultur:

Eine offene Fehlerkultur gehört ebenfalls dazu: Probleme werden angesprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Der rote Faden hinter allen drei Befunden ist Vertrauen:

59,2 Prozent derer, die ihrem Arbeitgeber eine gute Fehlerkultur bescheinigen, erleben dort auch, dass Mitarbeitenden vertraut wird – dazu offene Kommunikation, Förderung und Wertschätzung.

Fehlerkultur ist damit kein Prozess, sondern ein Vertrauensbeweis. Und der braucht genau das, was in Merz‘ Antwort fehlte: Offenheit und ein konkretes Benennen.

So lässt sich Fehlerkultur konkret prüfen – vor und im Job

Merz’ Satz zeigt, warum Lernfähigkeit allein noch keine Antwort. Im Vorstellungsgespräch lohnt sich eine einzige Frage: „Was war der letzte Fehler in Ihrem Team und was hat sich dadurch geändert?“.

Da die Daten zeigen, dass eine „halbe“ Fehlerkultur kaum existiert bzw. sich schnell selbst entlarvt, sagt die Antwort auf die Frage viel aus: Kommt eine konkrete Geschichte mit einer konkreten Konsequenz, spricht fast alles für das ganze Paket aus Vertrauen, Transparenz und Förderung. Kommt eine ausweichende Antwort im Stil des „lernfähigen Systems“, ist auch das eine Antwort.