Windeln und Schlips – Warum wir mehr Teilzeit-Papas brauchen

Im Punkto Familie und Beruf finden sich immer noch klare Klischees – und das obwohl Generation Y lauthals nach Gleichberechtigung schreit. Während Mütter-Karrieren unter Windelbergen verschwinden, werden Väter in die der Rolle des Workaholic-Alleinverdieners gedrängt, sehen ihre Kinder nur noch per Face-Time aufwachsen. Aber warum ist das noch so? Immerhin wollen 66 % der Väter ihre Kinder viel öfter sehen [1]. Teilzeit-Papa Martin Drechsler von der Väter gGmbH verrät, mit welchen Problemen und Vorurteilen Teilzeit-Väter auf dem deutschen Arbeitsmarkt konfrontiert werden – und warum er seine Entscheidung keine Sekunde bereut hat.

But First Things First: Trage auch du zu einer besseren Transparenz in Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei! Gemeinsam mit care.com und den Kooperationspartnern families@work, kununu, XING und nextexitfuture, hat die Väter gGmbH eine Umfrage gestartet. Sie setzten sich mit dem Thema auseinander: Vereinbarkeit verhandeln – Wie handeln Eltern berufliche und familiäre Aufgaben in der Partnerschaft aus? Teilnehmen kannst du bis zum 14. Februar 2018 und helfen, ein Gesamtbild der aktuellen Situation aufzuzeigen. Wie meistern Paare mit Kindern berufliche und familiäre Entscheidungen? Welche Lösungen hast du mit deinem Partner gefunden und welche Auswirkungen haben deine Entscheidungen auf deine Karriereleiter?

kununu: Worin sehen Sie momentan noch das größte Problem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Martin Drechsler: Die Herausforderung liegt oft im Unternehmen bzw. bei den direkten Vorgesetzten. Meist sind diese noch nicht auf die Vereinbarkeitsbedürfnisse von Vätern eingestellt und können sich damit nicht identifizieren, dass ihre männlichen Mitarbeiter auch den Wunsch haben gleichberechtigt am Familienleben teilzuhaben. Und auch mal Nachmittags früher zu gehen, bei Krankheit des Kindes zu Hause zu bleiben oder auch mal eine Zeit lang nur vier Tage zu arbeiten.

Warum ist es immer noch so selten?

Das hat meiner Ansicht nach drei Gründe: In Deutschland wird Vätern suggeriert, dass ihre Elternzeit nur zwei Monate beträgt, die sogenannten „Väter-Monate“. Da gibt es ein Kommunikationsproblem, das bis heute nicht gelöst ist! Die Partnerschaftsmonate im Rahmen der Elternzeit oder die Möglichkeit mit dem ElterngeldPlus-Modell eine längere Zeit nur vier Tage zu arbeiten, ist bei vielen Vätern noch nicht bekannt. Unternehmen kommunizieren diese Modelle aber auch nicht oder werden als Best Practicemodelle aufgegriffen und veröffentlicht.

Der zweite Grund ist der äußerliche Rahmen: Väter haben besonders hohe finanzielle Einbußen während der Elternzeit, da Sie meistens die Hauptverdiener in der Familie sind und sich die Familie eine längere Elternzeit nicht leisten kann.

Außerdem haben Väter ihre Kollegen im Blick und nehmen Rücksicht, wenn sie in Elternzeit gehen, da es für ihre Elternzeit oft keine Vertretung gibt. Und natürlich spielt auch die eigene Sorge eine Rolle, wie der Vorgesetzte reagiert und wie es sich auf das berufliche Fortkommen auswirkt.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie selbst als Teilzeit-Papa in Ihrer Berufslaufbahn?

Ich habe meinen alten Arbeitgeber verlassen, da ich dort keine Möglichkeit bekommen habe in Teilzeit zu gehen. Beim neuen Arbeitgeber war es schon im Vorstellungsgespräch kein Problem.

War die Entscheidung in Väter-Teilzeit zu gehen einfach?

Die Entscheidung war eigentlich einfach. Meine Frau und ich haben uns im Vorhinein dafür entschieden, dass wir beide in Teilzeit (75/75 Modell) gehen, wenn wir ein Kind bekommen und uns um alles partnerschaftlich kümmern, auch wenn das Kind krank ist.

Gibt es etwas, was Sie jetzt anders machen würden?

Eigentlich nicht. Beim nächsten Kind würden wir uns für die ElterngeldPlus Variante entscheiden, um noch mehr Flexibilität zu haben und auch um für die Rentenkasse die Elternzeitansprüche zu sichern.

Windeln statt Schlips und Feierabendbier: Welche Kommentaren und Vorteilen mussten Sie sich anhören?

Klar wurde darüber gescherzt. Letztendlich habe ich aber viel Zuspruch für meine Entscheidung bekommen. Und das Feierabendbier muss deswegen auch nicht ausfallen.

Ist die die Väter-Teilzeit so wie Sie es sich vorgestellt haben – oder wünschen Sie sich manchmal Ihren Vollzeitjob zurück?

In meiner jetzigen Lebenssituation passt einfach alles. Ich kann mir also nicht vorstellen wieder in Vollzeit zu gehen, da der Mehrwert klar überwiegt und ich auch noch mehr Zeit für meine persönlichen Hobbys habe.

Mal ehrlich: Gibt es auch etwas, das so richtig nervig ist am „Daheimbeimkindsein“?

Na klar! Es ist schon nervig, wenn das Kind krank ist oder zahnt. Man muss halt viel Aufmerksamkeit, Geduld und Zeit aufbringen. Aber das Problem haben doch auch alle anderen Mütter und Väter, die zuhause sind bzw. beides teilen.

Warum sollten sich mehr Väter wie Sie entscheiden?

Jeder Vater sollte die Entscheidung mit seiner Partnerin, seinem Partner gemeinsam treffen und gut durchsprechen. Klar wussten wir am Anfang nicht, was auf uns zukommt. Doch besonders meine längere Elternzeit hat mich im Umgang mit meinem Sohn viel sicherer und souveräner gemacht. Ich kann für mich sagen, dass es die richtige Entscheidung war, auch weil wir in der Partnerschaft auf Augenhöhe sind.

Welche Tipps haben Sie für jemanden, der morgen seinen Chef von Väter-Teilzeit überzeugen will – gerade wenn die Chancen eher schlecht stehen?

Wichtig ist, dass das Thema nicht moralisch vorgetragen wird. Es ist wichtig die Vorteile für das Unternehmen klar zu benenn, denn wenn das Unternehmen in dieser Lebensphase den Vater unterstützt, bekommt das Unternehmen das investierte in vielfacher Weise wieder zurückgezahlt – die Motivation, Loyalität und auch die Produktivität steigen. Außerdem verbessert sich auch Personalmarketing, was in der heutigen Zeit extrem wichtig ist. Zusätzlich lernt der Vater Familienkompetenzen wie Organisationsfähigkeit, Konfliktverhalten oder auch Empathiefähigkeit – alles Kompetenzen, die er als Vater auch im Job gut gebrauchen kann.

Warum ist die Umfrage so wichtig für neue Lösungsansätze und berufliche Perspektiven?

Mit der Teilnahme können wir filtern und herausfinden, welche Herausforderungen Mütter und Väter in der Aushandlung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben. So lässt sich untersuchen, welche Hürden innerhalb der Partnerschaft und welche Schwierigkeiten aber auch mit dem Vorgesetzten existieren. Die Antworteten der Studie werden neue Ideen bringen, so dass wir gemeinsam auf ganz neue Ansätze zum Thema Vereinbarkeit kommen.

Was wollen Sie mit der Studie erreichen?

Zum einen wollen wir aufzeigen, wie erfolgreiche und glückliche Paare Ihre Aushandlungsprozesse meistern und anderen Paaren Mut machen, diesen Weg zu gehen. Und auf der anderen Seite möchten wir mit der Studie auch einen gesellschaftlichen Diskurs in den Unternehmen anstoßen, weshalb wir in der Personalpolitik zum Thema Vereinbarkeit neue Ansätze für partnerschaftliche Elternpaare brauchen und einseitige Unterstützungsangebote für Mütter oder Väter nicht weiterführen.

 


 

 

Martin Drechsler arbeitet in Teilzeit bei der gemeinnützigen Unternehmensberatung Väter gGmbH.  Mit seiner Arbeit will er Vaterschaft in Familie Partnerschaft und Wirtschaft neu gestalten und sowohl Väter als auch Unternehmen über Teilzeit-Konzepte und Möglichkeiten aufklären.

 

Quellen:

[1] vaeter-ggmb.de