„Promovierte bringen viele wichtige Soft Skills mit“

Das Anstreben einer Promotion ist mit vielen Fragezeichen verbunden. Bleibe ich danach an der Uni oder gehe ich in die freie Wirtschaft? Was sind die spezifischen Herausforderungen beim Berufseinstieg? Verdient man mit einem Doktortitel wirklich mehr? Wir haben mit Dr. Miriam Stehling gesprochen, die Hochqualifizierte rund um solche Fragen berät.

Frau Dr. Stehling, kununu hat seinen Hauptsitz in Wien. In Österreich spielt die Verwendung von Titeln bekanntlich eine sehr wichtige Rolle und wird sehr stark betont. Wie halten Sie es mit Ihren akademischen Ehren?

Das kommt ganz darauf an, in welchen Kontexten ich mich bewege. Im universitären Umfeld in Deutschland ist es vor allem beim ersten Kontakt höflich und üblich, die Titel zu nutzen. Später wird es dann weniger gemacht. Im außeruniversitären Umfeld nutze ich meinen Titel fast nie – nur bei Bank- und Mietangelegenheiten habe ich gelernt, ihn anzugeben. Mir wurde es sogar schon mal von einem Immobilienberater zum Vorwurf gemacht, dass ich meinen Titel verschwiegen habe. Mein Gegenüber empfand es wohl als Versäumnis seinerseits, mich nicht „Frau Doktor“ genannt zu haben.

Wir wissen, dass nur drei Prozent der Doktoranden in Deutschland später eine Professur annehmen, 85 Prozent werden außerhalb der Wissenschaft tätig. In Österreich und der Schweiz sind die Zahlen ähnlich. Lässt sich daraus schließen, dass viele nur für die Karriere oder das Ego promovieren?

Das muss man natürlich etwas differenziert betrachten. Zum einen ist dieser Umstand der Tatsache geschuldet, dass zum Beispiel in Deutschland in einem Jahr nur ca. 600 bis 700 Professuren überhaupt neu zu besetzen sind. Wenn man dann bedenkt, dass eine solche Professur meist auf Lebenszeit besetzt wird, dann müssen die restlichen knapp 29.000 Promovierten im Jahr eben schauen, welchen Berufsweg sie einschlagen. Zum anderen zielen viele der in Deutschland absolvierten Promotionen, wie beispielsweise in der Medizin, gar nicht erst darauf ab, später eine Professur innezuhaben. Den knapp 7.000 Promotionen in der Medizin im Jahr und den Promotionen in Fächern wie Biologie oder Chemie, in denen die Promotion mittlerweile fast schon als Regelabschluss gilt, liegen also nicht unbedingt die gleichen Motive zugrunde wie der klassischen Individualpromotion in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Im internationalen Vergleich der Promotionsabschlüsse sieht man auch, dass Promovierende in Deutschland zu über 80 Prozent auch als Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen tätig sind – somit also einen großen Anteil an der Arbeit in Lehre und Forschung an den Universitäten übernehmen. Promovierende sind also auch ein wichtiger – und günstiger – Teil des Bildungssystems. Und natürlich darf auch für die Karriere und das Ego promoviert werden, solange man wissenschaftliche Standards einhält. Studien zeigen, dass für mehr als 40 Prozent der Promovierenden die Promotion eine hohe persönliche Bedeutung besitzt, während nur circa 26 Prozent angeben, dass die Promotion notwendig für die geplante Karriere ist.

 

„Ich würde mir wünschen, dass Unternehmen das Potential von Promovierten auch außerhalb von forschenden Tätigkeiten mehr schätzen lernen.“

 

Was unterscheidet denn Promovierte von anderen Absolventen? Welche speziellen Fähigkeiten bringen sie mit, von denen die Wirtschaft später profitieren kann?   

Promovierte bringen viele wichtige Soft Skills mit. Denn wer eine Promotion erfolgreich beendet, hat zum Beispiel eine hohe Stress- und Frustrationstoleranz gezeigt, Durchhaltevermögen bewiesen und besitzt natürlich ausgezeichnete fachliche Kompetenzen in dem jeweiligen Bereich wie auch analytische Fähigkeiten, Genauigkeit und Sorgfalt. Weil die meisten wissenschaftlichen Fachbereiche mittlerweile hoch internationalisiert sind, sind Fremdsprachenkompetenzen und interkulturelle Kompetenz bei den Promovierten sehr gut geschult. Durch viele Vorträge und Präsentationen haben Promovierte außerdem eine hohe Kommunikations- und Präsentationskompetenz.

Und natürlich sind Promovierte in der Regel überdurchschnittlich selbständig und arbeiten sehr eigenverantwortlich. Dies ist vielen Unternehmen manchmal ein wenig zu viel des Guten, so scheint es mir – gerade wenn sich Promovierte auf Einstiegspositionen in der Praxis bewerben. Ich würde mir wünschen, dass Unternehmen das Potential von Promovierten auch außerhalb von forschenden Tätigkeiten mehr schätzen lernen.

Welchem Master-Absolventen würden Sie denn raten, eine Promotion anzuschließen? Was sind hier die entscheidenden Kriterien? 

In erster Linie zählt für mich die Motivation dahinter! Also warum jemand eigentlich promovieren möchte. Sich das klar zu machen, hilft vor allem bei Krisen und Motivationstiefs enorm weiter. Auch ein gutes Netzwerk in die Wissenschaft, beispielsweise durch Jobs als studentische Hilfskraft an Lehrstühlen und in Forschungsprojekten und später durch eine wissenschaftliche Mitarbeit, ist von Vorteil, wenn man promoviert. Hier kann man auch sehr gut herausfinden, ob die Wissenschaft als Beruf etwas für einen ist. Man muss oft unter schwierigen Bedingungen Bestleistungen bringen – das kann und will nicht jeder.

Anfangen zu promovieren ist meist gar nicht so schwer, das Durchhalten und erfolgreiche Beenden der Promotion ist weitaus schwieriger. Nicht umsonst bricht im Durchschnitt jede 3. Person die Promotion ab bzw. beendet sie nie erfolgreich. Es braucht also neben den rein formalen Voraussetzungen auch noch persönliche Eigenschaften wie die oben erwähnten Soft Skills.

Sie beraten Promovierende ja auch im Hinblick auf spätere Einsatzfelder. Wie gehen Sie hier vor und was macht die Herausforderung des Berufseinstiegs für Doktoranden aus?

Ich sage meinen Mentees immer gerne, passen Sie auf, dass Sie nicht am Arbeitsmarkt vorbei-promovieren! Das heißt, Promovierende, aber auch Studierende, sollten darauf achten, dass sie für Arbeitgeber interessant bleiben und die gesuchten Qualifikationen mitbringen. Es bringt ihnen einfach nichts, wenn sie Expertin in mittelalterlicher Literatur oder probiotischen Joghurtkulturen sind und diese Kompetenzen niemand braucht. Und auch wenn man sich während des Studiums oder der Promotion natürlich immer höher qualifiziert und vor allem weiter spezialisiert, sollte man immer darauf achten, dass man auch „einstellbar“ bleibt. Mein Tipp: Lesen Sie regelmäßig Stellenanzeigen von attraktiven Arbeitgebern in von Ihnen gewünschten Branchen und gleichen Sie die dort gesuchten Anforderungen mit Ihren Kompetenzen ab! Und wenn Sie bei diesem Vergleich schlecht abschneiden, laufen Sie los und eignen Sie sich die gesuchten Kompetenzen in Weiterbildungen und praktischen Tätigkeiten an.

 

„Der Doktortitel führt auch leider nicht automatisch zu einem höheren Gehalt, gerade wenn man die Gehälter über einen längeren Zeitraum betrachtet.“

 

Fast die Hälfte aller Vorstandsvorsitzenden der DAX-Unternehmen sind promoviert. Gibt es wirklich eine Kausalität zwischen Doktortitel und Karrierechancen bzw. einem hohen Gehalt? Oder müssen wir auch davon ausgehen, dass es in repräsentativen Funktionen immer auch stark um Prestige geht?

Ich betone das tatsächlich in meinen Online-Seminaren immer wieder, dass dieser Fakt nur eine Korrelation und keine Kausalität ist! Leider gibt es darüber nur wenig wissenschaftliche Erkenntnisse, warum so viele DAX-Vorstände einen Doktortitel haben. Ich vermute, dass Personen mit Doktortitel oft eine gewisse Anerkennung entgegengebracht wird, die gerade für den Aufstieg in repräsentative Unternehmensfunktionen als Geschäftsführung oder Vorstand wichtig sind. Auch Prestige nach außen könnte hierbei natürlich eine Rolle spielen. Tatsächlich ist es aber so, dass man mit einem Doktortitel nicht zwangsläufig eine bessere Karriere macht – mal davon abgesehen, dass „Karriere“ ja auch sehr unterschiedliche Bedeutungen für verschiedene Menschen haben kann. Wenn man es schätzt, seine Zeit frei und flexibel einteilen zu können, ist die klassische Konzernkarriere ja vielleicht nicht das richtige für einen.

Aber zurück zum Thema: Der Doktortitel führt auch leider nicht automatisch zu einem höheren Gehalt, gerade wenn man die Gehälter über einen längeren Zeitraum betrachtet. Zahlen zeigen, dass die Jahres-Einstiegsgehälter von Promovierten zwar ca. 10.000 Euro über den Einstiegsgehältern von Bachelorabsolvent*innen liegen. Man muss dabei aber bedenken, dass Promovierte einen 5-6 Jahre späteren Berufseinstieg in die Wirtschaft haben, sodass Bachelor- oder Masterabsolvent*innen diese Diskrepanz im Gehalt durch Gehaltserhöhungen oder Aufstiege in Führungspositionen innerhalb dieses Zeitraums mehr als wettgemacht haben. Am Ende kommt es nämlich beim Gehalt ganz stark darauf an, in welcher Branche und in welcher Position man als Promovierte*r arbeitet. Eine promovierte Historikerin verdient mitunter ihr Leben lang weitaus weniger als ein Ingenieur mit Bachelorabschluss.

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Dr. Miriam Stehling

Dr. Miriam Stehling hat Betriebswirtschaftslehre, Sprache und Kommunikation sowie Medien und Öffentlichkeitsarbeit in Lüneburg und Barcelona studiert. Ihre Promotion in Kommunikations- und Medienwissenschaften hat sie an der Universität Bremen abgeschlossen. Nach vielen Jahren in der Forschung und Lehre an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland, ist sie nun bei academics, dem Stellenmarkt für Wissenschaft und Forschung, im Marketing und in der Karriereberatung tätig.

academics ist der führende Stellenmarkt und Karrierebegleiter für Wissenschaft und Forschung aus der ZEIT Verlagsgruppe. Spezialisiert auf hochqualifizierte Akademiker*innen, bietet academics zum Beispiel einen kostenlosen Online-Karriereratgeber „Wissenschaft oder Wirtschaft? Entscheidungshilfen für den Berufseinstieg nach dem Studienabschluss oder der Promotion“ zum Download an. Für alle, die herausfinden möchten, ob eine Promotion das Richtige für sie ist, gibt es den Promotionstest auf academics.de sowie verschiedene Online-Seminare zum Thema „Promovieren ja oder nein?“ und wissenschaftliche Karrierewege.